Was sich Schausteller vom Corona-Hilfspaket erhoffen

Eigentlich sollten sie jetzt auf Rummelplätzen in der Region sein. Wegen der Pandemie sind alle Volksfeste mindestens bis Ende August abgesagt. Doch es gibt einige Rettungsanker.

Burgstädt.

Die angekündigten Überbrückungshilfen des Bundes in der Coronakrise sind nach Ansicht des Schaustellerverbands ein wichtiges Signal für eine gebeutelte Branche. "Das Programm hilft uns, aber wir kennen noch keine Details", sagt der Chef des Mittelsächsischen Schaustellerverbands mit etwa 50 Mitgliedern, Klaus Illgen. Wichtig sei, dass die Hilfen bald kommen, bevor manche Firma pleite sei.

"Wir stehen in den Startlöchern", sagt der 73-Jährige. Noch sind Volksfeste verboten. Aber die Branche hoffe auf Lockerungen ab Ende August. Wer als Schausteller aufgewachsen sei, vermisse den Trubel, die sozialen Kontakte und das Leben auf Wanderschaft. Zudem fehlten Einkommen. Er sei Rentner, aber sein Sohn Rico lebe von Hartz IV. Ab und zu - wie am Wochenende am Aussichtspunkt Totenstein in Chemnitz - betreibe er einen Imbiss. 80 Prozent der Geschäfte seien weggebrochen. Eigentlich würde er mit seiner Familie jetzt seine Fahrgeschäfte auf der Annaberger Kät aufbauen. "Ich bin dort aufgewachsen, mir blutet das Herz, wenn ich daran denke, dass das größte Volksfest im Erzgebirge abgesagt wurde." Ab dem heutigen Freitag sollten 500 Jahre Annaberger Kät gefeiert werden. Es ist das erste Mal seit Ende des Zweiten Weltkrieges, dass das älteste Volksfest Sachsens ausfallen muss. Illgen appelliert an die Bürgermeister, nicht alle Feste wie die Kirmes im Herbst schon jetzt abzusagen.

Auch Ronny Stransky aus Taura, der mit seiner Frau einen Imbisswagen betreibt, hofft, dass er bald wieder durchstarten kann. Zurzeit lebe er von Hartz IV, sagt der 44-Jährige. Die Absage von Volksfesten käme einem Berufsverbot gleich. An diesem Wochenende wäre er mit seinem Imbiss-Wagen "Scheune" beim Park- und Schlossfest in Greiz in Thüringen, das Wochenende davor beim Hafenfest in Braunsbedra im Saalekreis. "Auch wenn wir ab September wieder auf Festen arbeiten dürfen, steht noch gar nicht fest, ob diese stattfinden", sagt der Tauraer. Die Verluste gibt er derzeit mit 90 Prozent an. Er müsse Kredite abzahlen. Nach den Weihnachtsmärkten im Dezember habe er Rücklagen, um bis März auszukommen. Außerdem werde die Zeit genutzt, um die Fahrgeschäfte auf Vordermann zu bringen und Reparaturen vorzunehmen.

"Doch dann kam Corona", ergänzt seine Frau Jenny Stransky. Die Familie musste daheim bleiben, die Tochter wegen der Kita-Schließung betreut werden. Dann bot der Verein der Eisenbahnfreunde vom Museumsbahnhof Markersdorf/Taura Hilfe an. Solange die Schausteller-Familie nicht reisen kann, hat sie ihren Imbisswagen am Chemnitztalradweg aufgebaut und bezahlt eine geringe Standmiete, sagt Ronny Stransky. "Als Gaststätten noch geschlossen waren, wurde unser Angebot dankbar angenommen", ergänzt er. Jetzt kämen bei schönem Wetter am Wochenenden einige hundert Radfahrer und Wanderer zur Rast. Jetzt hofft er, dass wenigstens der Weihnachtsmarkt in Schneeberg wieder stattfinden kann. Dort sei er alljährlich dabei.

Gegenüber vom Imbissstand steht Heike Jeschky aus Burgstädt mit ihrem Softeis-Stand. "Wir wären eigentlich beim Indianerfest in Radebeul", sagt die Inhaberin des Süßwarenstandes. Normalerweise nehme sie an einem Wochenende an drei Veranstaltungen teil, bei verschiedenen Veranstaltungen in der Region wie Reisemessen und Sommerfesten. Aber sie wolle nicht klagen, sie könne ihren Eisstand öffnen, andere Schausteller mit Karussell, Losbude und anderen Rummel-Angeboten müssten daheim bleiben. Andere hätten bereits nach alternativen Angeboten gesucht. Zu Beginn der Coronakrise habe sie eine Soforthilfe bekommen, die nötig für die dringendsten Ausgaben war. Der Chemnitztalradweg sei bei schönem Wetter gut frequentiert und Eis ginge dann immer, fügt sie hinzu. Auch sie hoffe, dass sie mit ihrem Süßwarenstand Ende des Jahres auf dem Weihnachtsmarkt in Chemnitz dabei sein kann.

Die Schausteller sind in der Coronazeit erfinderisch. Stefanie Katzschmann, Schaustellerin in achter Generation, hat am Einkaufsmarkt Kaufland in Mittweida einen Langos-Stand aufgebaut. "Das ist eine Notlösung", sagt die 37-Jährige. Die Einnahmen würden nur einen Bruchteil der sonstigen Gewinne ausmachen. Der Lkw, der sonst von einem Fest zum anderen rollt, bleibt bis zum Ende der Corona-Beschränkungen in einer Halle am Stadtrand von Mittweida. Eine Soforthilfe wegen der Verluste habe sie beantragt und schnell bekommen, sagt sie. Davon könne sie fixe Kosten bezahlen wie Strom, Wasser und Miete, "aber nicht die Krankenkassen-Beiträge". Nun hoffe sie auf den Rettungsschirm des Bundes. Ob und wann er komme und wie sie davon profitieren könne, wisse sie noch nicht.

Coronavirus: Unser Angebot zur Lage in Sachsen, Deutschland und der Welt

6Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 1
    0
    Hinterfragt
    14.06.2020

    @Klape; ich setze mal einen fort:
    Rot wird von den vergeben, die zu feige sind, die eigene Meinung hier "öffentlich" darzulegen, mit der Gefahr dafür selber Rot zu bekommen.

    Ich finde diese ganze "Rotfärberei" eh für "dümmlich".
    Es sollte evtl. dahin geändert werden, dass nur noch ein "Gefallen" eines Beitrages dargestellt werden kann.
    Für eine negative Meinung dazu sollte dies einfach nur noch über eine entsprechende lesbare Intervention möglich sein. Meiner Meinung nach erhöht das sicherlich die Diskussionsrate.

  • 3
    0
    klapa
    12.06.2020

    Weshalb wird m.M.n Rot vergeben? – Ein kleine Analyse, die eigentlich nur indirekt zum Thema gehört.

    Rot wird von denjenigen vergeben, die mangels eigener Ideen gegen alles sind oder weil sie gerade nicht anderes zu tun haben.

    Rot wird auch vergeben, wenn man nicht mag, was da geschrieben steht, aber selbst keinen Bock auf einen eigenen Kommentar hat, weil das Zeit kostet und manchmal auch Recherchieren voraussetzt.

    Für Rot entscheidet sich auch der User, der dagegen ist, aber im Moment keine besseren und überzeugenderen Argumente hat.

    Ich vergebe einen Roten, wenn der gegebene Kommentar nicht meiner politischen Grundeinstellung und Erfahrung entspricht, der Autor sich im Ton vergriffen hat, die Sachlichkeit zu wünschen übrig lässt, oder Text und Ton erkennen lassen, dass es nicht um Meinungsaustausch, sondern Rechthaberei, Intoleranz und Indoktrination geht.

    Um fair zu sein. Rot kann auch Anlass und Impuls für mich sein, mal kurz nachzudenken, ob mir vielleicht ein Fehler unterlaufen ist. Jeder macht Fehler – das gilt für mich nicht nur theoretisch.

    Kann bestimmt fortgesetzt werden.

    Fazit - man sollte mit allem, weil es jedem zugestanden werden muss, ausgeschlossen beleidigender Ton, halbwegs zu Rande kommen können.

  • 2
    2
    klapa
    12.06.2020

    Noch ein Tipp, Hinterfragt, die Farbe rot ist auch ein Zeichen der Liebe. Die Schlussfolgerung können Sie bitte selbst ziehen.

  • 2
    4
    klapa
    12.06.2020

    Hinterfragt, ich pflichte Ihnen bei.

    'Also ich kann die "Roten" nicht verstehen.'

    Müssen Sie wirklich nicht. Ich gehe da durchaus auch von mir aus. Sie leben ruhiger, wenn Sie sich um manchen Roten keinen Kopf machen.

  • 2
    7
    Hinterfragt
    12.06.2020

    Also ich kann die "Roten" nicht verstehen.
    Auf einem Rummel habe ich bisher noch nie solch ein Gedränge erlebt wie bei den Demos am letzten WE ...

  • 4
    8
    Hinterfragt
    12.06.2020

    Hallo Schausteller, geht mit Euren Geschäften auf die "guten" Demos, diese sind laut sächs. Sozialministerium KEINE Ansammlungen und Zusammenkünfte ...

    "...Sachsens Sozialministerium verwies darauf, dass die seit Samstag geltende Corona-Rechtsverordnung im Freistaat im Unterschied zu ihren Vorgängern das Wort "Versammlungen" gar nicht mehr erwähnt, sondern in Paragraf 2, Absatz 7, nur noch von "Zusammenkünften und Ansammlungen im öffentlichen Raum" spricht. Jene seien bei Einhaltung des Mindestabstands von 1,50 Metern erlaubt. Nach Ministeriumsangaben würden somit "die Abstandsregeln nicht für Demonstrationen gelten ..."
    https://www.freiepresse.de/nachrichten/sachsen/massenproteste-in-coronazeiten-artikel10866567