Unsere größte Schwäche liegt im Aufgeben. Der sichere Weg zum Erfolg ist immer, es doch noch einmal zu versuchen. (Thomas Alva Edison)

Zum besseren Verständnis vorweggenommen: die Stämme der Kavangoregion leben zu beiden Ufern des Okavango-Flusses, flussaufwärts links in Angola und rechts in Namibia. Die politische Grenze, aus der Kolonialzeit stammend, ist für die Kavangos nebensächlich, für sie gelten die Stammesrechte. Als Zugeständnis erlaubt der Staat den Einwohnern sich im jeweils anderen Land bis zu 50 km vom Grenzfluss aufzuhalten. 

Naimi, 6 Jahre alt, wurde von ihrem AIDS-kranken Vater nach Angola entführt. Sie musste ihn bis zu seinem Tode versorgen, seinen Haushalt führen, täglich Wasser vom Fluss heranschleppen und Nahrung für ihn besorgen. Nach dem Begräbnis des angolanischen Vaters saß die Familie väterlicherseits traditionell zusammen und entschied nach angolanischen Stammesgesetzen, dass Naimi der in Angola in Menongue wohnenden Familie seiner Schwester zugesprochen wird. Die Familie erlangte somit die Berechtigung auf Bezug der Waisenrente für das Kind. Dass die Mutter von Naimi, die die namibische Staatsbürgerschaft besitzt und um ihr Kind kämpft, welches in Namibia geboren ist und dort die Schule besuchte, zählt in einem patriarchalischen Staat wie Angola nicht. Das Mädchen wird in Angola keine Schule besuchen können, es wären hohe Schulgebühren zu zahlen und außerdem wird in der Schule nur in portugiesischer Sprache gelehrt. Der kleinen Naimi bliebe in Angola ein Leben als Haushälterin oder Prostituierte.

Fünf aufregende Monate sind seit dem Tode des Vaters vergangen. Die Chancen, Naimi zurückzubekommen, stehen schlecht. Wir können die Mutter nur finanziell unterstützen. Nach der ersten misslungenen Reise fährt sie Anfang Oktober ein zweites Mal in das 550 Kilometer entfernte Menongue, ist auf schlechten Straßen über zwölf Stunden mit dem Bus unterwegs. Aus Angola erreicht uns während dieser Zeit ein Hilferuf, die Mutter brauche Geld für die Busrückfahrt, obwohl sie von uns bereits das Geld für Hin- und Rückfahrt und Taschengeld erhalten hatte. Nach wochenlanger Wartezeit ohne jeglichen Kontakt kommt Ende November der nächste Hilferuf, die Mutter habe jetzt ihre Tochter wieder, habe aber kein Geld mehr für die Busfahrt. Ich telefoniere deshalb mit Valerie, der Wirtin der n'Kwazi-Lodge. "Werden wir von den Angolanern finanziell gemolken? Ich kann und will das Kind nicht aufgeben, wir müssen ihm noch eine Chance geben!" Wir entscheiden uns ein allerletztes Mal Geld nach Angola zu transferieren. Insgesamt sind es nun über 300€. Wieder vergehen 20 lange Tage des Wartens ohne jeglichen Kontakt. Ich bin wütend und mache Marcus, dem Gemeindemitglied, gegenüber Vorwürfe.

Und heute Abend am 4. Advent, in der Familienrunde sitzend, kommt die befreiende Nachricht. Naimi ist mit ihrer Mutter zu Hause in Namibia angekommen. Mir kommen die Tränen, meine Tochter bekommt Gänsehaut.

Was die Mutter und Naimi alles erlebt haben, werden sie mir vielleicht bei meinem nächsten Aufenthalt in Namibia im Februar 2016 erzählen. 

 

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