180 Kinder versammeln sich auf dem Fußballplatz. Marcus gibt den Kindern erste Instruktionen bevor sie zur Aufwärmung einen riesigen Kreis bilden. Ich werde in die Mitte gebeten und zu meiner Überraschung singen alle Happy Birthday und haben wahrlich Freude bis 71 zählen zu können. Dann endlich geht es los. Zwölf unserer älteren gesponserten Schüler von den Klassenstufen acht bis zwölf übernehmen die Gruppen die bei diversen Spielen gegeneinander antreten. Die Kinder feuern sich lautstark an. Einige Mädchen tragen ihre kleinen Geschwisterkinder auf dem Rücken, die dann kurzfristig während ihres Sprints im Sand abgesetzt werden. Während der Spiele beginnen einige Frauen die vielen Schnitten mit Marmelade zu bestreichen, die dann später zusammen mit Saft verteilt werden. Marcus stellt mir ein paar Kinder an die Seite, die besonders bedürftig sind und eine Extraportion erhalten, darunter Bernita, Theresa und Naimi, die alles eingepackt haben, um es zu Hause gemeinsam mit der Familie zu verzehren. Sie bekommen von mir zusätzlich übrig gebliebene Äpfel, Orangen und Bananen zugesteckt. Auch Sophia und Evelin aus Hans' Familie nehmen alles mit nach Hause. Ihre Mutter Francina hat letzte Woche, einen Monat nach der Geburt ihres Sohnes, ihre Arbeit in Swakopmund wieder aufgenommen. Francina's Schwester ist kürzlich an AIDS verstorben und hinterlässt einen kleinen Jungen. Theresa, Halbwaise hat vorübergehend hier ein zuhause gefunden solange ihre schwerkranke Großmutter im Hospital liegt. Ihr Vater, der Bruder von Francina, kommt nur einmal im Jahr nach Hause, da er ebenfalls weit entfernt von Mayana einer Arbeit nachgeht.

Ja, es klingt etwas verworren und es ist auch für mich nicht immer einfach das Konstrukt der Sippe zu durchschauen. Die Menschen hier in der Kavangoregion sind auf gegenseitige Hilfe angewiesen, sie müssen in Familienverbänden leben.
Anna, eine Mutter von drei Kindern, versucht einen anderen Weg. Sie hat ein schmales Einkommen durch ihre langjährige Arbeit im Garten der Mayana Lodge. Sie trennte sich vor einem Jahr von ihrem alkoholsüchtigen Partner und baut sich nach und nach ihr eigenes Heim gleich neben ihrer Großmutter gelegen auf. Bei der Verteidigung des Essens für ihre Kinder wurde Anna durch ihre Schwester, die nebenan bei der Großmutter wohnt, schwer mit dem Messer verletzt. Anna hat Tränen in den Augen, als sie mir erzählt, dass ihre Kinder hungrig sind und sie für sie kämpfen muss.

Die Stunden bei unserem Kinderfest vergehen sehr schnell. Mit meinen Helfern vom Kinderfest versammle ich mich am Nachmittag in der n'Kwazi Lodge. Bei einigen Köstlichkeiten unterhalten wir uns über die Schule. Sarah und Magdalena berichten über ihr Ergehen seit 2014, nachdem sie die 12. Klasse abgeschlossen haben. Beide besuchten zwischenzeitlich die Volkshochschule um zum Studium zugelassen zu werden. Sie müssen sich besonders in Englisch verbessern. Sarah möchte in Windhoek ein Management Studium aufnehmen und Magdalena hat das erste Jahr zur Lehre als Autoelektriker fast abgeschlossen. Im Gegensatz zu unseren Lehrlingen in Deutschland bekommt sie keine Vergütung sondern musste für das erste Lehrjahr umgerechnet 800€ bezahlen. Etwa 300 Bewerber haben sich der schriftlichen Aufnahmeprüfung gestellt, 24 Lehrlinge wurden anschließend im mündlichen Gespräch herausgefiltert, davon zwei junge Frauen. Magdalena ist eine der Glücklichen und möchte am Ende der dreijährigen Ausbildung studieren.

Ich berichte während unseres heutigen Motivationsnachmittages den Schülern über Dr. Simon, der wie die meisten Schüler in Mayana die ersten Jahre sein Schulgeld mit Maismehl aufwiegen musste. In der Grundschulzeit war das mit einer Tasse Mehl noch erträglich, später bis zur 10. Klasse schleppte er unter den Augen seiner ehemaligen hämisch dreinblickenden Klassenkameraden einen großen Sack Maismehl zur Schule. In der 11. Klasse hatte er das Schulgeld bis Schuljahresende noch nicht zahlen können und hätte kein Zeugnis erhalten, wenn er sich nicht die Hilfe von Valerie, der Besitzerin der n'Kwazi Lodge, geholt hätte. Beim Blick auf seine Ergebnisse, durchweg Bestnoten, zahlte sie ohne zu zögern sein Schulgeld und zu Beginn des 12. Schuljahres beglich sie sofort die Kosten. Erleichtert und erneut mit Bestnoten in allen Fächern konnte Simon die Schule abschließen und ein Auslandsstudium beginnen. Inzwischen ist er für zwei Jahre als Facharzt im Krankenhaus in Windhoek verpflichtet. Er nimmt jede Gelegenheit wahr nach Hause in sein Dorf zu kommen und diskutiert unterwegs mit Schülern, hart zu lernen. 

Ich freue mich, dass wir auch heute einige sehr fleißige Schüler unter uns haben und erwarte gespannt die Abschlussergebnisse von Jondite und Immanuel in Klasse 12.
 

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