Im Februar diesen Jahres wurde Naimi, 6 Jahre alt, durch ihren Vater von der Schule abgeholt und nach Angola entführt. Durch polizeilichen Einsatz konnte Naimi wieder nach Hause gebracht werden und die erste Klasse weiter besuchen. Es war für mich eine Freude zu sehen, wie Naimi es genoss, wieder in Namibia bei ihrer Familie sein zu dürfen und die Schule besuchen zu können.
Über Skype telefoniere ich in dieser Woche mit Marcus. Ich kann es nicht fassen! Die kleine Naimi ist zum zweiten Mal in diesem Jahr durch ihren Vater von der Schule aus nach Angola entführt worden. Inzwischen sei ihr Vater verstorben. Für Naimi gibt es jedoch keine Chance, allein zurück nach Namibia zu kommen. 
Viele Fragen lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Warum meldet sich die Schule oder ihre Familie nicht bei Marcus im Falle einer Entführung? Marcus erfuhr erst davon, als er letzte Woche die zur Schuluniform gehörenden warmen Pullover austeilte und Naimi nicht anwesend war.
Ich rufe Marcus erneut an. "Warum hat der Vater Naimi zu sich nach Angola geholt, wo für sie keine Möglichkeit besteht eine Schule zu besuchen? Was weißt Du über ihre Familie?"
Naimi lebt in Mayana bei ihrer Großtante, da ihre Mutter etwa 500 km entfernt bei Otjiwarongo arbeitet und nur einmal Ende des Jahres für etwa einen Monat nach Hause kommen kann. Das ist bei den Stämmen in der Kavango-Region normal. Schon seit Urzeiten wachsen die Kinder in ihrer Sippe bei ihren Großeltern oder Großtanten auf, während die arbeitsfähige Bevölkerung einer weit entfernten Arbeit nachgehen. Die Sippe funktioniert als Zweckgemeinschaft, wo sich Alt und Jung gegenseitig gut ergänzen. Die Alten und Kranken fühlen sich in ihrer Sippe niemals einsam, zum Gegensatz zu unserer modernen Gesellschaft. 
Was hat den Vater dazu bewogen, Naimi aus ihrer Familie herauszuholen? Es wird berichtet, dass ihr Vater an AIDS erkrankt war. Er brauchte die sechsjährige Naimi als Haushälterin, zum Wasser holen, Holz holen, Essen kochen, ... Nun hoffe ich stark, dass er nicht noch dass schlimmste Verbrechen auf sich genommen hat und Naimi durch seine Krankheit angesteckt hat! Denn nach wie vor hält sich das verbrecherische Gerücht alter Medizinmänner, dass ein Mann mit Hilfe einer Jungfrau sein AIDS-Leiden verringern kann, immer nach der Devise "je mehr Jungfrauen um so besser".
Marcus wird sich nun kümmern, Naimi zurückzuholen. Der Direktor der Schule versprach Marcus, das Mädchen sofort wieder aufzunehmen. Zu Beginn des letzten Schuldrittels im August wird entschieden, ob Naimi die erste Klasse wiederholen wird. 
Ich wünsche mir von Herzen, dass Naimi am 3.7.2015 ihren siebten Geburtstag unbeschwert in ihrer Schule und in ihrer Sippe verbringen kann.

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