Es ist Sonntag. Die Glocken, mit einem Eisenschwengel auf Autofelgen geschlagen, laden zu beiden Seiten des Okavangoflusses, hier in Namibia und am am anderen Ufer in Angola, zum Kirchgang ein. Ich lasse den Tag, nach einer sehr spartanisch gelebten Woche endlich mit Koffer auspacken und mit intensiver Körperpflege ruhig angehen. Meinen beiden Helfern Magdalena und Marcus habe ich für heute freigegeben. Ich möchte den Sonntag genießen, solange es möglich ist. Dass sich die Situation von einer Minute zur anderen ändern kann, habe ich während meiner vergangenen 10 Einsätze erfahren.

Ich kehre mit meinen Gedanken um einen Tag zurück. 20 Kinder lud ich ein, um ihnen das Knüpfen von Armbändern beizubringen. Brot, Obst, Süßigkeiten und Saft hatte ich in Rundu vorausschauend für etwa 50 Kinder eingekauft. 

Sehr schnell begreifen die Mädchen, dass aus ein paar kleinen Gummiringen, auf zwei Fingern arrangiert, wunderschöne Armbänder geknüpft werden können. Die Kinder sind so mit Eifer dabei, dass ich schließlich entgegen meines anfänglichen Planes alle 6000 Gummis zur Verfügung stelle. Ich staune nicht schlecht, als selbst ein paar Jungen, die ich zum Spielen mit der Wurfscheibe und mit Dominosteinen weggeschickt habe, dasitzen und Bänder knüpfen. 

Während unserer eifrigen Arbeit bitte ich Marcus die Getränke für die Kinder zu bringen. Er stellt einen Eimer und Saftkonzentrat auf den Runden Tisch. "Woraus sollen die Kinder trinken," frage ich. "Unsere Becher, die wir zuletzt mit Marion benutzt haben, sind weg." Ich warte eine Weile und verliere dann die Beherrschung. Während ich aus dem Restaurant Gläser hole, beruhige ich mich und denke über die Fabel mit dem Fuchs und dem Storch nach. Ebenso wie der Storch, der die vom Fuchs auf einem ganz flachen Teller angebotene leckere Speise nicht verzehren konnte, sitzen die durstigen Kinder vor verlockenden Getränken und schauen diese an. Ich erzähle Markus diese Fabel. "Das ist Euer Fehler, Marcus. Du als Vorbild für die Kinder musst ihnen vorleben, dass man sich bewegen muss und kann. Du lässt die Kinder dursten und denkst nicht über die einfachste Alternative nach. Du sagst, Du möchtest Deinem Volk zu einer besseren Lebensqualität verhelfen. Zum Beispiel wusstest Du, dass während der großen Hungersnot 2013/14 regelmäßig Hilfstransporte ausgeliefert wurden, aber Euer Dorf nur zweimal erreichten. Unser guter Freund Madala ist am 5.12.2013 hungers gestorben. Euer Minister der Kavangoregion Ost hat eine große Lieferung für seine eigenen Zwecke umgeleitet, 500 Sack Maismehl, Fleisch- und Fischdosen sind durch einsetzenden Starkregen im Busch verrottet. 
Nach einiger Zeit in U-Haft sitzt der Minister wieder auf seinem Stuhl und Dein Volk wird ihn im November, angelockt oder verbunden mit einem großen Volksfest, wieder wählen.
Denke ernsthaft über die Fabel nach und sprich mit Deinen Leuten."

Nach unserem Picknick lasse ich alle Kinder einen Brief an ihren Sponsor schreiben und malen. Nur ein knappes Viertel der anwesenden Kinder hat einen Sponsor, das verrate ich niemandem. Für meine Hilfseinsätze bekomme ich von vielen Freunden und Bekannten Unterstützung. Ich danke Euch allen!

>> Zur Bildstrecke: 11. Hilfseinsatz in Namibia

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