Never give up on your dream - Ein Büchlein mit diesem Titel fiel mir vor 5 Jahren auf dem Flughafen in Südafrika in die Hände, als ich erstmalig völlig allein zur Hilfe nach Namibia reiste. Unter dem Motto "Gib niemals auf'' starte ich voller Elan mit Marcus meinen 10. Einsatz zur Hilfe in der Gemeinde Mayana. Die Kinder sollen vor allem Zugang zur Bildung erhalten und gleichzeitig lernen aus ihrem Schneckenhaus herauszukommen. 
In der Vorschule sind die Kinder offen für alles. Es ist eine Freude, die erst 4-jährigen zu beobachten. Sie saugen den ihnen angebotenen Lernstoff förmlich auf. In der Grundschule auf dem Dorf sind die Kinder sehr eingeschüchtert. Ich spreche darüber mit den älteren Schülern, versuche sie zu motivieren - Ihr müsst mit Eurem Lehrer und unter Euch Schülern diskutieren. Leider mögen das die meisten Lehrer auf dem Dorf nicht, sie wollen ihren Lehrstoff herunterbeten. "Sie lernen es nicht nachzudenken, Themen zu analysieren. Das ist unter anderem der Grund weshalb fast 50% der Schüler die Prüfung nicht bestehen," bestätigt mir Piet, Verwalter der Vorschule.
Mit Marcus will ich bei Edumeds, einem privat geführten Schreibwarenladen, Wörterbücher kaufen. "Sie haben nur portugiesische und chinesische," will Marcus das Geschäft wieder verlassen. "Wir müssen nachfragen, sonst wissen sie nicht, was benötigt wird. Vielleicht gibt es noch Bücher im Lager," entgegne ich schon ziemlich genervt. Der Chef ordert die Literatur für uns, in ein bis zwei Tagen können wir sie abholen.

"Marcus, das ist Euer Problem, ihr nehmt alles als gegeben hin. Die Schüler bekommen nichts zu essen, weil das Bildungsministerium es versäumte, die Antragsformulare auszugeben. Oder
- das Essen kann nicht gekocht werden, da die Wasserpumpe kaputt ist oder kein Feuerholz da ist. Oder
- wir warten seit Oktober auf Literatur für die 10. Klasse, weil die Bücher durch das staatliche Unternehmen NAMCOL vertrieben werden und sie anscheinend keine Ahnung haben oder desinteressiert sind, wieviele Bücher jährlich benötigt werden. (Sehr bös von mir gedacht: Die Mitarbeiter werden für Anwesenheit bezahlt.) Wir sind auf April vertröstet worden, da ist aber schon das erste von drei Semestern Geschichte und die Schüler haben bereits die ersten Prüfungen hinter sich. Oder
- der verantwortliche Lehrer der Schule hat es versäumt, zur rechten Zeit das Schulmaterial zu bestellen, oder das Material ist da, aber die Sekretärin in Urlaub. Da muss eben der Banknachbar geduldig auf einen Stift warten, bis der andere Schüler fertig ist mit Schreiben. Sie lernen das Warten. Oder
- für eure Maismehllieferung, welche für die Hungernden gedacht war, ist eine Sandgrube ausgehoben worden, weil Euer gewählter Vertreter der Kavangoregion Ost diese zu Geld machen wollte - das Mehl ist verdorben, die anderen Waren konfisziert. Und ihr sitzt da und wartet, macht Euren Mund nicht auf.
"Wie ein Wasserfall bricht dies aus mir heraus. Marcus tut mir fast leid, "Ingrid,..., Ingrid ... warte, darf ich jetzt auch mal was sagen?"

Im November sind Wahlen. Viele Erwachsene zeigen mir mit Stolz ihre erste Identitätskarte mit Foto, die sie zur Wahl berechtigt. Manch einer versucht die Karte als Fahrerlaubnis oder am Bankautomaten einzusetzen. Den eigentlichen Sinn haben viele Einwohner nicht erfasst, wer erklärt es ihnen? "Warum fehlt das Geburtsdatum," frage ich, "Ich habe keine Geburtsurkunde ...". Noch heute im 21. Jahrhundert kennen viele ihr Geburtsdatum nicht. Mütter oder Großmütter von etwa 4-jährigen Kindern können mir nicht sagen, wann ihre Kinder geboren wurden.

"Das größte Problem in der Welt ist Armut in Verbindung mit fehlender Bildung. Wir müssen dafür sorgen, dass Bildung alle erreicht."  Nelson Mandela

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