23 Uhr. Ich sitze noch am Computer in der Mayana Lodge. Von Angola herüber, am anderen Ufer des Kavango, höre ich kräftigen Gesang. Ich beschließe, schnell ins Bett zu gehen, um mich ganz dem schönen Chor widmen zu können und vielleicht dabei in den Schlaf gesungen zu werden. Es ist 24 Uhr. Noch immer wird gesungen. So langsam dämmere ich dahin, höre immer wieder Geräusche auf- und abschwellen. Teilweise Ruhe wird fortwährend durch vereinzelte Männerstimmen und immer wieder Gesang abgelöst. Die Hähne krähen bereits im halbstündigen Rhythmus. Schon längst habe ich begriffen, dass ein Familienmitglied verabschiedet wird. Es ist ein toller Brauch, den Toten mit vollem Klang die letzte Nacht zu ehren. Ich fühle mich einbezogen und bin in Gedanken bei der großen Familie und dem Verstorbenen. Es stört mich nicht, dass ich keinen festen Schlaf finde. Mit Sonnenaufgang kommt eine lange Prozession in zwei Abteilungen am Ufer entlanggelaufen, die den Verstorbenen zur Kirche und zur letzten Ruhestätte begleitet. Der Tod ist immer dabei. In den bisherigen 14 Tagen meines Aufenthaltes bin ich bereits durch drei mir bekannte Familien betroffen. Ein Vater wurde ermordet. Sein Tod ist noch nicht aufgeklärt. Der Vater hinterlässt seine junge Frau mit zwei Kindern. Die Mutter eines 5-jährigen Kindes aus unserer Vorschule verstarb. Der Junge wurde am Montag nach Windhoek ins Township Katutura zu seinem Onkel gebracht. Die schwarze Bevölkerung hat, als sie blutig von der Innenstadt in die Vorstadt umgesiedelt wurde, diesen Ort Katutura genannt, zu deutsch "Der Ort, wo wir nicht leben wollen". Eine unserer Vorschullehrerinnen von Mayana trauert um den Tod ihrer 7 Monate alten Tochter, die gestern im Krankenhaus von Katutura verstarb.
Die Familien kommen jedoch nicht nur zur Verabschiedung eines Toten zum Singen zusammen. Jeden Sonntag wird in der Kirche aus voller Kehle gesungen, begleitet durch ein paar junge Trommler.
Es muss gewaltig klingen, wenn am Heiligen Abend und am ersten Weihnachtsfeiertag die Sippen in ihren Kraals singen und tanzen. Jeder, der kann, kehrt für diese Zeit zu seiner Familie zurück.

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