Im Oktober letzten Jahres nehme ich mir fest vor, Stefania ab Januar in die Schule für seh- und körperbehinderte Kinder nach Rundu zu bringen. Gemeinsam mit Iris aus München erreichen wir, dass Stefania mit ihrer großen Schwester zwei Tage mit Übernachtung auf Probe im Internat wohnen kann. Zu Schuljahresbeginn am 17. Januar 2012 soll Stefania dann eingeschult werden. Die Kosten für das Internat mit Mahlzeiten und Getränken werden in der Regel vom Behindertengeld abgedeckt. In der Ferienzeit wird das Geld wieder an die Familie ausgezahlt. Wir versprechen, die Schulkosten und die Schulkleidung zu tragen. Doch im Januar erhalte ich von Marcus eine SMS, dass die Mutter Stefania nicht zur Schule gehen lässt.
Mit Marcus suche ich deshalb die verantwortliche Sozialarbeiterin der Region auf. Wir sind uns im Gespräch einig, die Familie darf ihrer Tochter den Schulbesuch nicht verweigern, zumal die Familie Stefania total vernachlässigt. Stefania ist sehr schmutzig und sitzt den ganzen Tag im Haus. Niemand läuft mit ihr. Deshalb haben sich die Beinmuskeln bereits stark zurückgebildet. Da Stefania seit 2008 keinem Arzt mehr vorgestellt wurde, habe ich mit Iris auf Anraten der zukünftigen Lehrerin Stefania im Oktober 2011 im Hospital in Rundu vorgestellt. Nach einem Ärztemarathon an jenem Tag bekommt Stefania eine Überweisung nach Windhoek ins Hospital mit freiem Krankentransport, sie bekommt vom Orthopäden eine physiotherapeutische Behandlung zum Training der Bein-und Fußmuskulatur und orthopädische Schuhe verordnet. Nichts von allem wird angenommen. Die Schuhe, über die Stefania besonders stolz war, denn ?nun kann ich zur Schule gehen?, wie Stefania sagte, hat das blinde Mädchen nie wieder angezogen bekommen. Stefania hat das gleiche Recht zu leben und das gleiche Recht auf Bildung wie ihre Geschwister sind wir uns einig.
Samstag, den 25.2.2012 besuche ich noch einmal mit Marcus die Familie. Der leibliche Vater, sehr gut bezahlter Drei-Sterne-Soldat (ich kenne mich in den Offiziersrängen nicht aus), ist erstmals auch anwesend. Marcus hat einen Disput mit der Mutter und teilweise mit dem Vater. Die große Schwester übersetzt mir, dass die Mutter alles Blindengeld von Stefania für das Essen ihrer Tochter benötige. Die Mutter bekommt im Monat 200 N$ Rente für ihr Kind, 20 kg Maismehl kosten 80 N$. Stefania könnte allein im Monat 50 kg Maismehl essen. So sieht Stefania nicht aus. Die Mutter lässt mir übersetzen, wenn ich Stefania zur Schule bringen möchte, habe ich alles zu bezahlen und zu verantworten. "Wir besuchen Sie am Mittwoch Vormittag gemeinsam mit der Sozialarbeiterin zu einem gemeinsamen Gespräch?", antwortet Marcus daraufhin. "Ja,Sie sind willkommen."

Ich habe es geahnt. Wir hätten unseren Besuch nicht ankündigen dürfen. Die Eltern und die große Schwester sind ausgeflogen nach Rundu, erfahren wir von der alten Großmutter. Stefania von oben bis unten sauber abgeschrubbt, sitzt seit meinen Besuchen erstmals nett gekleidet und mit feinen Sandalen im Freien auf einer hübschen Wolldecke. Sogar die Puppe, die ich seit dem Kauf im Oktober nie wieder sah, liegt total gesäubert, aber für Stefania außer Reichweite, auf der Decke. Zur Begrüßung reiche ich dem glücklichen Kind die Puppe.  "Wenn ich in einer Woche aus Otjiwarongo zurückkomme, fahren Marcus und ich ohne Ankündigung zur Familie. Das Behindertengeld wird aberkannt, wenn die Mutter das Kind nicht zur Schule gehen lässt", sagt uns die für die Region verantwortliche Sozialarbeiterin zum Abschied.

Stefania's schmutziges Kleid liegt schon zum Umziehen bereit.

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