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August genießt das Kuscheln mit seiner Mama. Bis vor ein paar Wochen half dem Dreijährigen aus Chemnitz nur das Stillen, wenn er unruhig war.

Foto: Toni Söll

"Ich habe drei Jahre lang gestillt"

Nicht nur fürs Kind, auch für die Mutter ist Stillen ein Gewinn, sagt eine Chemnitzerin. Aber wie lange wird es empfohlen?

Von Stephanie Wesely
erschienen am 22.05.2018

Selbst als ihr Sohn schon in den Kindergarten ging, hat ihn Laureen Hentschel aus Chemnitz noch gestillt. Morgens zum Munterwerden und abends zum Einschlafen. "Tagsüber hat er normal im Kindergarten gegessen", sagt die 32-Jährige. Drei Jahre und zwei Monate bekam August Muttermilch. "Eigentlich wollte ich das nie so lange. Doch es war so bequem und so schön für uns beide", sagt sie. Das habe sich einfach so ergeben. Aus ihrer Sicht hätte die Stillzeit auch noch länger gehen können. "Das Stillen ist etwas Besonderes, das können nur Mutter und Kind miteinander teilen."

Wie Laureen Hentschel schaffen es nur wenige Frauen, über das dritte Lebensjahr ihres Kindes hinaus zu stillen. Manche halten aber sogar noch länger durch. Auf einschlägigen Internetseiten ist zu lesen, dass Frauen selbst ihren Schulanfängern noch die Brust geben - nicht als Mahlzeit, eher zur Beruhigung. Doch ist das noch gesund?

Stillen hat heute einen hohen Stellenwert. Immer mehr Geburtskliniken zeichnen sich mit Zertifikaten zur Still- und Babyfreundlichkeit aus, was ihnen mehr Zulauf bringt. Ob sich das aber schon auf die Stilldauer ausgewirkt hat, kann niemand sagen. Die einzige bundesweite Erhebung zum Thema Stillen und Säuglingsernährung - kurz: Suse-Studie - liegt 20 Jahre zurück. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung gab deshalb eine Fortschreibung der Studie - Suse 2 genannt - in Auftrag, die mit Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft gefördert wird. 1700 Mütter werden gegenwärtig dazu befragt. In diese Untersuchung fließen auch Erfahrungen von Hebammen, Ärzten und Pflegepersonal ein. Mit den Ergebnissen, die etwa 2020 vorliegen werden, wollen die Wissenschaftler herausfinden, wie sich die Maßnahmen zur Stillförderung in Deutschland ausgewirkt haben und wo künftig Schwerpunkte gesetzt werden müssen.

Laut Suse-Studie stillten unmittelbar nach der Geburt 91 Prozent der Mütter. Nach vier Monaten sind es noch 58 Prozent und nach sechs Monaten 48 Prozent. Ausschließlich Muttermilch bekommen nur zehn Prozent der sechs Monate alten Kinder. Die höchste Abbruchrate gebe es nach dem zweiten Lebensmonat. Viele meinten dann, nicht mehr genug Milch zu haben.

Professorin Mathilde Kersting von der Uni-Kinderklinik in Bochum forscht schon lange zum Thema Stillen und mahnt, die Verantwortung in dieser Zeit nicht den Müttern allein aufzubürden. Sie brauchten Unterstützung durch Fachpersonal und vom sozialen Umfeld. Denn selbst die erste Beikost sei kein Grund abzustillen. Durch Muttermilch sei die andere Babynahrung sogar bekömmlicher. Doch die Zahl der Hebammen, die Mütter nach der Geburt begleiten und bei Stillproblemen beraten könnten, geht derzeit sogar zurück.

Auch bei Laureen Hentschel klappte das Stillen nicht gleich problemlos. "Ich wollte es aber unbedingt, zumindest ein paar Monate. Deshalb ging ich zu einer Stillberaterin", sagt sie. Ihre Geduld und die vielen guten Tipps hätten geholfen, Mutter und Kind das Stillerlebnis zu erhalten. Auch Milchstaus und Brustentzündungen kennt die Chemnitzerin. "Viele Mütter stillen in solchen Situationen ab, wenn sie keine professionelle Hilfe haben." Bei ihr wirkten warme Umschläge und das sanfte Ausstreichen der Brust.

Der Kampf um jeden Tropfen Muttermilch lohnt sich, denn Stillen hat viele gesundheitliche Vorteile für das Kind, wie wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen. So gibt es bei sechs Monate lang gestillten Kindern 43 Prozent weniger Mittelohrentzündungen, 68 Prozent weniger Zahnfehlstellungen, 26 Prozent weniger Übergewicht, 35 Prozent weniger Diabetes und 50 Prozent weniger Durchfallerkrankungen und Atemwegsinfekte. Selbst die Gefahr des plötzlichen Kindstods nimmt ab.

Auch die Mütter profitieren. So erhöht das Stillen den Oxytocinspiegel im Blut. Dieses Hormon hat eine wichtige Bedeutung im Geburtsprozess. Der erhöhte Spiegel führe dazu, dass sich die Gebärmutter nach der Geburt rascher zurückbildet. Stillende Mütter haben seltener Diabetes oder Übergewicht. Auch Wochenbettdepressionen treten weniger auf. Eine aktuelle Studie aus Pennsylvania wies nach, dass Frauen, die gestillt haben, ein 20 Prozent geringeres Brustkrebsrisiko haben, wie eine Analyse von 35.000 Brustkrebsfällen ergab. Auch Eierstockkrebs sei seltener.

Doch wie lange sollte man stillen? Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt zwei Jahre und länger - trotz Beikost. Obwohl es laut der amerikanischen Akademie für Kinderheilkunde keine schädlichen Effekte auf die Psyche oder die Entwicklung des Kindes gibt, wenn ins dritte Lebensjahr oder darüber hinaus gestillt wird, melden sich auch kritische Stimmen. So halten einige Psychologen Langzeitstillen zum Beispiel dann für problematisch, wenn der Wunsch danach allein von der Mutter ausgeht. Ihre Aufgabe müsse es sein, feinfühlig auf die Signale des Kindes zu achten und es bei der Abnabelung zu unterstützen. Denn ein Kind könne sich nur schwer von selbst aus einer Bindung lösen. Wenn sich Mütter selbst in der Rolle als Langzeitstillerin gefielen, sei das psychologisch gesehen sogar egoistisch.

Das Problem hatte Laureen Hentschel nicht. August hat sich mit reichlich drei Jahren selbst abgestillt. "Nach einer Grippe wollte er von selbst nicht mehr an der Brust trinken", sagt sie. "Das ging von einem Tag auf den anderen." Um die Milchproduktion zu drosseln, habe sie dann unter anderem Globuli genommen. "Etwas Wehmut war in den ersten Tagen schon dabei. Aber ich freue mich jetzt auch über ein Stück mehr Freiheit und bin froh, dass wir es so lange geschafft haben."

 
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