Aufstand gegen die Sprachlosigkeit

Gleich zwei Kunstfestivals wurden am Samstag eröffnet. Sie zeigen eine gut vernetzte Kulturszene, ihre Initiatoren konnten sich derweil über prominente Fürsprecher und ein kritisches Publikum freuen.

Stefan Heym, in Form der wunderbaren Puppe aus dem Chemnitzer Figurentheater, hatte die Lacher auf seiner Seite, als er nach längerem Blick in sein Manuskript - "was hab ich mir aufgeschrieben?" - sagte: "Dankeschön..." Es gab viel zu danken am Samstagabend im Staatlichen Museum für Archäologie, wo mit einiger Prominenz und 300 bis 400 Gästen die Kunstfestivals "Aufstand der Geschichten" und das als Biennale für multimediale Kunst geplante "Pochen" eröffnet wurden.

Beide Festivals bestechen vor allem durch ihre gelungene Vernetzung freier und institutioneller Kulturträger, die offensichtlich - nicht nur im Zuge der Bewerbung um den Titel "Europäische Kulturhauptstadt" - zunehmend auf Gemeinsamkeit und Koordination setzen. Im Archäologiemuseum selbst hat dies schon Tradition. Die Einrichtung öffnet sich der Moderne und begreift sich als Teil der Stadtgesellschaft, wie Direktorin Sabine Wolfram feststellte. Zu hören am Samstag in einem großartigen Set des Chemnitzer Pioniers elektronischer Musik Olaf Bender, zu sehen in einer Klanginstallation des Schweizer Künstlers Zimoun, der dem "Pochen" mittels Pappkartons und Metallschlägeln sicht- und hörbar Ausdruck gab. Zumindest "für eine Minute interessant" fanden das einige kritische Gäste, die sich aber in den nächsten Tagen noch auf ein abwechslungsreiches Programm freuen dürfen, das an vielen Orten der Innenstadt und auch einigen Außenbezirken stattfindet, etwa im Fritz-Theater und dem ehemaligen Wismut-Kulturhaus.

Lange vor den Chemnitzer Ereignissen im August und September geplant, bekommen diese kulturellen Aktivitäten nun eine zusätzliche Brisanz, auf die die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Franziska Giffey (SPD), hinwies. Sie, die nach dem Tötungsverbrechen und den anschließenden Ausschreitungen bei Demonstrationen als erstes Mitglied der Bundesregierung den Weg nach Chemnitz fand, freue sich über die vielen Menschen, die sich in Chemnitz für demokratische Vielfalt engagieren. Die Stadt sei "mehr als die Summe ihrer Probleme". In einer langen und etwas nach idealistischem Wahlkampf klingenden Rede zitierte sie ihren Sohn, dem wiederum in dem Kinderbuchklassiker "Die drei Fragezeichen" der Satz aufgefallen war: "Die Dinge sind nicht, was sie sind, sondern was man über sie erzählt." Eine tückische Aussage, die aber gleichwohl mit dem Ansatz der kulturellen Offensive in Chemnitz korrespondiert, der Erzählung von der rechten, intoleranten, fremdenfeindlichen, aggressiven Stadtgesellschaft die von einer offenen, friedlichen, diskussionsbereiten Gemeinschaft entgegenzusetzen. Ein Thema, mit dem sich auch der Münchener Soziologe Armin Nassehi in seinem Vortrag über "Narrative Authority. Wer spricht für wen?" auseinandersetzte. Geschichten seien oft nicht nur die Lösung, sondern auch das Problem. Menschen glaubten Geschichten, "die stimmen könnten", oft mehr als Statistiken. Er habe im Übrigen selten einen "so intelligenten Titel" erlebt wie den "Aufstand der Geschichten".

Geschichten, die stimmen, fühlen sich die beiden beginnenden Festivals verpflichtet. Benjamin Gruner, Mitinitiator des multimedialen "Pochen", dessen erste Auflage sich der Geschichte des Wismut-Bergbaus widmet: Dies solle zur Identitätsstiftung der Stadt beitragen. Ein Anliegen, das auch bei Frank Wolf, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Wismut AG, nach anfänglicher "Skepsis und Überraschung" ob der Themenwahl, auf Zustimmung und Unterstützung stieß. Franz Knoppe, Mitkurator der "Geschichten": Man wolle Räume für Begegnungen schaffen. Begegnungen, in denen auch über "Wendeverlierer", die "treulose Treuhand" diskutiert werden kann und soll; Themen aus der unmittelbaren Vergangenheit, die bis in die Gegenwart wirken.

All diese Vorhaben unterstreichen, dass sich Chemnitz gegen die Sprachlosigkeit wehrt, ihr zahlreiche Möglichkeiten des Dialogs entgegensetzt. Der Erfolg wird davon abhängen, ob diese Gespräche nicht nur die erreichen, die es schon wissen, sondern darüber hinaus Menschen bewegen können, sich an einer friedlichen, offenen Demokratie zu beteiligen, die ihr bislang skeptisch gegenüberstehen.

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