Fröhliche Party mit ernstem Hintergrund

Bei der "East Parade" haben Vertreter der Chemnitzer Clubszene ihre Probleme in den Mittelpunkt gerückt. Es soll nur der Anfang sein.

Chemnitz.

Samstagnachmittag, kurz nach 14 Uhr: Auf der Brückenstraße dröhnt laute elektronische Musik von neun Wagen. Immer mehr Menschen versammeln sich, viele in bunten und ausgeflippten Outfits. Als sich die Parade mit zweieinhalbstündiger Verspätung um 16.30 Uhr in Bewegung setzt, dürften es rund 1200 sein. Der Tross zieht über die Mühlenstraße zum Brühl. Von dort geht es entlang der Straße der Nationen wieder zurück. Bis 22 Uhr wird auf der Brückenstraße gefeiert.

Die Fröhlichkeit wirkt ansteckend, sie hat aber einen ernsten Hintergrund. Bei den Organisatoren der "East Parade", so der Name, handelt es sich um langjährige Protagonisten der Chemnitzer Clubszene. Und diese befindet sich ihrer Ansicht nach in keinem guten Zustand. "Chemnitz war mal eine absolute Techno-Hochburg. Wir waren auf der Landkarte, die Leute sind sogar aus dem Ausland nach Chemnitz gekommen", sagt Mitorganisator Holger Raddatz. Doch dann seien die Szeneclubs nach und nach verschwunden, so der 35-Jährige, der exemplarisch die Schließung des "Lait Solaire" im Europark sowie vor allem die des "Achtermai" nennt. Der Club an der Lasallestraße in Siegmar hatte 2004 seine Pforten endgültig geschlossen - noch heute sorgt die Nennung des Namens für nostalgische Gefühle bei Technofans.

Ronny Seifert hat den "Achtermai" jahrelang geführt. Bei der "East Parade" war sein Wagen nicht zu übersehen. Der Grund: ein überdimensionaler, mehr als drei Meter hoher Karl-Marx-Kopf, der sich vier Jahre lang in dem Club befand. Der Kopf sei von den Theaterwerkstätten extra für die "Love Parade" in Berlin gebaut worden, an der der Club viermal, von 2000 bis 2003 teilgenommen habe, so Seifert. Mit der "East Parade" gehe es darum, ein Zeichen für die Clubkultur zu setzen und den Geist der damaligen Zeit wieder aufleben zu lassen. "Chemnitz nimmt man nicht mehr wahr. Die Leute fahren heute zum Feiern lieber nach Dresden oder Leipzig", sagt er. Holger Raddatz zufolge gebe es heute eine Generation, die Techno nur aus dem Fernsehen kenne und der man die Musik erst einmal näher bringen müsse.

In der Tat waren auffällig viele Besucher der Parade am Samstag leicht dem Altersspektrum von Mitte 30 bis Anfang 40 zuzuordnen und hatten zum Teil die eigenen Kinder dabei. So wie Stephanie Ludwig, deren Tochter Melody die Rhythmen bereits verinnerlicht hatte. "Im Achtermai war ich damals ziemlich oft. Die Schließung war schon ein harter Schlag", sagt die 38-Jährige, die auch mehrfach bei der "Love Parade" war, die Jenny Loos wiederum nicht mehr live miterlebt hat. "Dafür bin ich zu jung. Aber ich mag einfach gute Musik, deshalb bin ich hier", so die 26-Jährige, die zum Feiern am liebsten ins Ndorphin geht. Der Club an der Blankenburgstraße ist der letzte noch existierende richtige Techno Club in Chemnitz.

Mit der Resonanz auf die "East Parade" zeigte sich Holger Raddatz nicht hundertprozentig zufrieden. "Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich mir schon noch mehr Besucher erhofft", sagt er. Um die eigenen Anliegen in den Mittelpunkt zu rücken, sei die Veranstaltung aber ein großer Erfolg gewesen und soll im kommenden Jahr in ähnlicher Form wiederholt werden - einen konkreten Termin gibt es noch nicht. Die Premiere habe im Übrigen ursprünglich bereits eine Woche nach dem Stadtfest über die Bühne gehen sollen. "Aber wegen der angespannten politischen Lage im Anschluss hatten wir das aus Pietätsgründen verschoben", so Raddatz.

Bewertung des Artikels: Ø 4.7 Sterne bei 3 Bewertungen
1Kommentare
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  • 9
    1
    CPärchen
    30.09.2018

    Tolle Aktion! Bitte im Vorfeld bereits bekannter machen :)



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