"Ich war damals sehr leichtsinnig"

Herbst 89: Landtagsabgeordneter Volkmar Zschocke (Grüne) über oppositionellen Leichtsinn in jungen Jahren und neue Verteidigungskämpfe

Wie denken Zeitzeugen und Protagonisten der Wendezeit in Chemnitz und Umgebung über damals und über die Entwicklung seither? Heute: Volkmar Zschocke, Stadtrat und Landtagsabgeordneter von Bündnis 90/Grüne, im Gespräch mit Michael Müller.

"Freie Presse": Herr Zschocke, Sie waren im Herbst 1989 gerade 20 Jahre jung, absolvierten ein sozialdiakonisches Jahr bei der Stadtmission und waren in kirchlichen Umweltgruppen aktiv. Was war die DDR für Sie?

Volkmar Zschocke: Schon als junger Mensch habe ich in diesem Land Grenzen gespürt. Ich komme aus einem christlichen Elternhaus, war als einziger meiner Klasse weder bei den Pionieren noch in der FDJ. Trotz guter Noten war mir der Weg auf die Erweiterte Oberschule oder zum Studium versperrt. In einer Beurteilung hieß es, meine Äußerungen würden gegen die "Normen in der sozialistischen Schule" verstoßen.

Was heißt das?

Ich hatte denen wahrscheinlich zu viel herumdiskutiert.

Welche Themen haben Sie damals besonders bewegt?

Die Umweltzerstörung war für uns damals sehr spürbar, nicht zuletzt durch das Waldsterben im Erzgebirge. In der Sozialdiakonie - einem Ort, in dem sich auch viele junge Leute trafen, die irgendwo "angeeckt" waren - wurde es dann schon sehr politisch. Wir haben etwa zur Kommunalwahl 1989 einen Aufruf verbreitet, auf den Wahlzetteln die Einheitskandidaten der Nationalen Front durchzustreichen. Sogar eine Gruppe von Totalverweigerern des Wehrdienstes hatten wir gebildet. Heute muss ich sagen: Ich war damals sehr leichtsinnig.

Wieso das?

Wie ich später erfahren habe, hatte die Stasi gegen mich im Frühjahr 1989 eine "Operative Personenkontrolle" eingeleitet mit dem Ziel, mir politische Untergrundtätigkeit nachzuweisen. In meinem Freundeskreis hatten allein fünf Inoffizielle Mitarbeiter praktisch jeden Gedanken dokumentiert, den ich geäußert habe. Selbst mein Engagement für mehr Radverkehr in der Stadt war für die Stasi ein Problem. Ich hatte großes Glück, dass das Ende der DDR kam.

Haben Sie dieses rasche Ende kommen sehen?

Ich hatte schon das Gefühl, dass das Land in Bewegung gekommen war. Die Frage war nur: Wie geht das aus? Es gab ja durchaus Gewalt und Verhaftungen. Als Anfang Oktober die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen aus Prag durch Karl-Marx-Stadt fuhren und ich am Hauptbahnhof fotografiert habe, da wurden Leute von den Sicherheitskräften weggeprügelt. Am 7. Oktober 1989, beim ersten Protestmarsch vom Luxor zur Zentralhaltestelle, standen die Kampfgruppen schon einsatzbereit und über uns kreiste ein Hubschrauber.

Hatten Sie mal überlegt, in den Westen zu gehen?

Nicht wirklich. Ich hatte ja hier meine Familie, die mich sehr unterstützt hat, und meine Freunde. Und ich war der Meinung, dass es besser ist, hier etwas zu ändern.

Nach dem Mauerfall ging es bald immer weniger um Reformen in der DDR, sondern um eine möglichst schnelle Wiedervereinigung. Wie haben Sie das erlebt?

Das konnte man schon auf den Demos sehen. Die Plakate und Transparente, auf denen anfangs viele Hoffnungen zum Ausdruck gekommen waren, wurden weniger. Bald gab es nur noch Deutschlandfahnen und Rufe "Wir sind ein Volk!". Schon damals war auch Völkisches und Nationalistisches dabei. Ich bin dann auch nicht mehr hingegangen, sondern habe die neuen Möglichkeiten genutzt, mich demokratisch zu engagieren - unter anderem die Grüne Partei Karl-Marx-Stadt mitgegründet.

Wann waren Sie das erste Mal im Westen?

Ich glaube, erst Anfang der 1990er-Jahre. In Düsseldorf, bei einem Partnerverein unseres Selbsthilfewohnprojektes Further Straße, bei dem ich Vereinsgeschäftsführer war.

Was war Ihrer Meinung nach der größte Fehler bei der Wiedervereinigung?

Es hätte mehr Zeit gebraucht, das Land aus eigener Kraft zu reformieren, um auf Augenhöhe zwischen beiden deutschen Staaten zu kommen. Auch, um hinterher hier nicht so viele Probleme zu bekommen. Ob das aber ein "Fehler" war, weiß ich nicht. Möglicherweise ging es gar nicht anders, angesichts der Dynamik in der Gesellschaft.

Chemnitz als Industriestadt hatte nach 1990 besonders viel mit Betriebsstilllegungen und Massenentlassungen zu kämpfen. Sind Sie je damit in Berührung gekommen?

Naja, ich hatte auch mal eine sogenannte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Über die bin ich zur Arbeiterwohlfahrt gekommen, wo ich dann zehn Jahre lang als Sozialarbeiter tätig war und berufsbegleitend studiert habe.

Rückblickend: Haben sich Ihre Hoffnungen und Erwartungen vom Herbst 1989 erfüllt?

Ja. Wir haben uns Freiheiten erkämpft, die bis heute gelten: Freizügigkeit, offene Grenzen, individuelle Freiheitsrechte.

Abgesehen von Ihrer Arbeit als Berufspolitiker: Wo sind Sie heute zivilgesellschaftlich aktiv?

In mehreren Vereinen und Initiativen. Besonders am Herzen liegt mir der Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis, den ich mitgegründet habe. Angesichts der politischen Entwicklung hier in Sachsen und in Europa halte ich die Auseinandersetzung mit autoritären Strukturen für sehr wichtig.

Ihr Wunsch für die Zukunft?

Dass es gelingt, die offene, freie Gesellschaft mit einer Vielfalt an Meinungen zu verteidigen gegen Kräfte, die das infrage stellen. Da denke ich vor allem an die AfD, die in meinen Augen ein Angriff ist auf alles, was wir uns 1989 erstritten haben. Ich will nie wieder in einem autoritären, abgeschotteten Staat leben, der das Recht auf freie Entwicklung und Entfaltung des Einzelnen missachtet.


Volkmar Zschocke

Der gelernte Werkzeugmacher (Jahrgang 1969) ist seit 1990 kommunalpolitisch für Bündnis 90/Die Grünen aktiv. Seit 2014 vertritt er die Partei im Sächsischen Landtag. 2013 kandidierte Zschocke zur Wahl des Chemnitzer Oberbürgermeisters. Der Vater zweier Kinder ist im Stadtteil Altendorf zu Hause. (micm)

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