In Chemnitz droht größte Massenentlassung seit Jahren: Majorel-Mitarbeiter senden Hilferuf

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Mit Bertelsmann und der Deutschen Telekom sollen ausgerechnet zwei Schwergewichte der deutschen Wirtschaft für die drohende Massenentlassung bei dem Callcenter verantwortlich sein. Der Betriebsrat hofft auf Unterstützung aus Dresden und Berlin.

Wer ein Problem mit seinem Telefonanschluss oder mit seiner Stromrechnung hat, kann sich in der Regel an eine Service-Nummer seines Anbieters wenden - und landet meist in einem Callcenter, das derlei Anfragen in dessen Auftrag entgegennimmt. Kunden der Deutschen Telekom etwa oder des Stromkonzerns Eon führen solche Anrufe oft direkt nach Chemnitz. Hier betreibt das Unternehmen Majorel, ein Global Player der Branche, im Bürokomplex "Chemnitz Plaza" im Herzen der Stadt ein großes Callcenter mit gut 400 Beschäftigten, unter ihnen viele Menschen mit Handicap. Ende des Jahres aber soll damit Schluss sein. Majorel will sich aus Chemnitz zurückziehen. Aus wirtschaftlichen Gründen, wie es heißt.

Sollten die Pläne umgesetzt werden, wäre dies die größte Massenentlassung seit vielen Jahren in der Stadt. "Eine vergleichbare Schließung und Größenordnung gab es in Chemnitz in den vergangenen Jahren nicht", bestätigt eine Sprecherin der hiesigen Arbeitsagentur.

In normalen Zeiten hätte es wohl längst Aktionen, Proteste und Mahnwachen gegeben. Doch angesichts der Coronapandemie spielt sich der Widerstand der Belegschaft gegen die Schließungspläne weitgehend außerhalb der Öffentlichkeit ab. Einer Online-Petition für den Erhalt des Standortes haben sich mittlerweile immerhin mehr als 1700 Unterzeichner angeschlossen.

Dass das Aus für ihre Arbeitsplätze unausweichlich sein soll, daran glauben die Beschäftigten nicht. Bis zuletzt habe es für ihre Leistungen viel Anerkennung gegeben, erzählen sie; ob von den eigenen Chefs oder direkt von den Auftraggebern. Viele der Mitarbeiter waren einst bei der Deutschen Telekom beschäftigt, bis ihre Arbeitsplätze mit der Umstrukturierung des Konzerns in ein Tochterunternehmen ausgegliedert wurden. Im Zuge eines weiteren Kostensenkungsprogrammes folgte 2008 der Verkauf an Arvato, die Dienstleistungssparte des Bertelsmann-Konzerns. Diese wiederum fusionierte vor gut einem Jahr ihre Callcenterbetriebe mit einem marokkanischen Unternehmen zur jetzigen Betreibergesellschaft Majorel. Das Unternehmen mit Sitz in Luxemburg erwirtschaftet nach eigenen Angaben mit weltweit 58.000 Mitarbeitern einen jährlichen Umsatz von rund 1,2 Milliarden Euro.

Anlass für die Schließungsentscheidung, von der neben Chemnitz drei weitere Standorte in Schwerin, Neubrandenburg und Stralsund betroffen sind, soll nach Angaben von Mitarbeitern in erster Linie das Auslaufen eines wichtigen Dienstleistungsvertrages mit der Deutschen Telekom sein, dem wichtigsten Auftraggeber. Auf den Kontrakt gehen bis zu 75 Prozent des Arbeitsvolumens der Chemnitzer Beschäftigten zurück, heißt es. Über eine Verlängerung des Vertrages gebe es zwar Gespräche - aber eben wohl auch sehr unterschiedliche Preisvorstellungen. Auf Anfrage von "Freien Presse" wollten sich weder die Telekom noch Majorel näher dazu äußern.

Die Signale, die die Belegschaft erreicht hätten, seien durchaus widersprüchlich, berichten Mitarbeiter. Einerseits habe die Telekom noch Ende vergangenen Jahres in einem internen Schreiben ("Führungskräfte-News") versichert, an Majorel auch weiterhin ein jährliches Auftragsvolumen zu geben, das ausreiche, um insbesondere die ehemaligen Telekombeschäftigten auszulasten. Anderseits wird von deutschen Telefon- und Internetkunden berichtet, die kürzlich von einem Callcenter in Nordafrika nach Chemnitz weiterverbunden worden seien - wegen Sprach- und Verständigungsproblemen. Doch die Kollegen am anderen Ende hätten erkennen lassen, dass sie es wohl sein werden, die derlei Anrufe ab kommendem Jahr entgegennehmen.

Verdi-Gewerkschaftssekretärin Annett Enter geht davon aus, dass Majorel das Aus für den Standort strategisch genau geplant hat, um durch Verlagerung von Arbeitsvolumen ins Ausland und der Trennung von langjährigen Mitarbeitern in großem Stil Kosten zu sparen. Ein Indiz dafür sei, dass die zur Schließung vorgesehenen ostdeutschen Standorte - allesamt mit einem vergleichsweise hohen Anteil ehemaliger Telekom-Beschäftigter - vorab eigens in eine eigenständige Holding überführt wurden. Ziel der Entscheider, so Enter, sei offenbar, unter allen Umständen eine Sozialauswahl zu vermeiden, bei der langjährig beschäftigte und daher vergleichsweise gut verdienende Mitarbeiter sowie Beschäftigte mit Handicap naturgemäß bessere Karten hätten als jüngere Kollegen, die oft nur auf Mindestlohnniveau tätig seien. Enter spricht von einer "Riesensauerei zur Profitmaximierung eines milliardenschweren Konzerns" und fordert ein Eingreifen der Politik.

Auch der Betriebsrat und die Schwerbehindertenvertretung von Majorel Chemnitz hoffen auf Unterstützung in Berlin und Dresden. Erste Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Der Chemnitzer SPD-Abgeordnete Detlef Müller etwa erwähnte die Schließungspläne in einer Rede im Deutschen Bundestag, der Ostbeauftragte der Bundesregierung Marco Wanderwitz (CDU) sicherte im Auftrag des Kanzleramtes und des Bundeswirtschaftsministers Anfang des Jahres zu, sich an die Konzernmutter Bertelsmann zu wenden. An Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, der sich telefonisch mit dem Betriebsrat in Verbindung gesetzt hat, sandten die Beschäftigtenvertreter Anfang des Monats ein Schreiben mit der Bitte, sich wegen möglicher Projekte des Freistaats mit Bertelsmann bzw. Majorel in Verbindung zu setzen und zu prüfen, ob diese gegebenenfalls über den Standort Chemnitz abgewickelt werden können.

77 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    6
    Zeitungss
    15.02.2021

    Wie ich es vorhergesagt habe, Satire wird hier nicht verstanden, allerdings was Pixelhost zwischen den Zeilen in seinem Beitrag sagen wollte, auch nicht. Es geht eben nichts über eine linientreue Haltung, diese muss man auch nicht verteidigen und man eckt nirgends an. Ein Verfahren, welches sich über Jahrhunderte bewährt hat und auch in Zukunft nicht an Bedeutung verliert.

  • 3
    2
    paral
    14.02.2021

    Ein callcenter ist überflüssig. Punkt Aus und Ende.

  • 2
    4
    Zeitungss
    14.02.2021

    @Pixelhost: So ist sie nun einmal unsere heile Welt, der Preis muss nur stimmen und zwar für den Arbeitgeber. Zum Glück blieb mein Router bisher vom Coronavirus verschont, obwohl er noch sehr lange auf eine Impfung warten muss, zumal es bisher noch keinen zugelassenen Impfstoff gibt. Mal sehen, wer diese Zeilen wieder für "bare Münze" nimmt und es hier zum Ausdruck bringt. Das Verständnis für satirische Beiträge ist bekanntlich sehr beschränkt.

  • 4
    3
    Pixelghost
    14.02.2021

    @netzwerkcomputer, Anrufer: „Ich habe mir den Coronavirus eingefangen. Was soll ich machen?“ Agent: „Was für einen Router haben Sie denn?“

  • 21
    6
    netzwerkcomputer
    12.02.2021

    Also ich verstehe es nicht. Jetzt werden massiv Callcenter-Kapazitäten für die Corona-Impfung gebraucht, und da sollen die Callcenter geschlossen werden. Auch in Zukunft wird noch viel an Beratungsbedarf wegen der Pandemie benötigt werden und deshalb sind Callcenter nötiger den je. Unser Finanzminister, Herr Scholz, meint ja immer, das Geld kein Problem sei. Hier wären die Callcenter zur Unterstützung des Gesundheitwesens wirklich sinnvoll.

  • 45
    7
    Pixelghost
    12.02.2021

    Der Netz-, Kabel- oder Mobilfunk-Kunde sieht auf seine Rechnung, den Tarif, die Kosten. Und er will so wenig bezahlen wie möglich.
    Ich erinnere mich da an Gespräche unter Bekannten: wer so dämlich ist und seinen Tarif nennt ist der Depp. Es gibt immer jemanden, der für gar kein Geld noch viel mehr telefoniert…
    Die Firmenbetreiber wollen, trotz billiger Tarife, den größtmöglichen Reibach. Man spart an jeder Tastatur, jedem Headset, jedem Sessel, jedem Tisch.

    Selbst wenn der Kunde mehr bezahlen würde - mit der Hoffnung, dass wenigstens ein Teil davon bei den Mitarbeitern ankommt: Pustekuchen.
    Die Nachricht von noch höherem Reibach würde nur Jubelstürme in den Chefetagen auslösen. Das war’s dann aber auch schon.

  • 60
    22
    Mike1969
    12.02.2021

    Ihr glaubt doch nicht wirklich das man Euch aus der sächsischen Politik helfen wird? Das ist Marketing fürs TV und Radio. Nicht mehr und nicht weniger.
    Denn "ein Hoch" auf unsere sächsische Politik, deren Wirtschaftspolitik für Sachsen seit 30 Jahren nur auf Dresden & Leipzig ausgerichtet ist. Schaut Euch an, wie alles verteilt wurde. Forschungseinrichtungen stehen zu Hauf in Dresden. Großunternehmen wurden zu Hauf in Dresden & Leipzig angesiedelt. Öffentliche Einrichtungen und Banken wurden in Dresden & Leipzig angesiedelt. Und derlei Maßnahmen kann man noch unzähliges - bis hin zur Infrastruktur - aufführen. Besser kann man es nicht machen, um es so richtig Schlecht zu machen. Danke liebe Politik, dass wir Südwestsachsen wenigsten noch hier leben dürfen (ironisch gemeint).