Beistand für den Klapperstorch

In den Kinderwunschzentren in Sachsen finden die Paare Hilfe, bei denen die natürliche Befruchtung nicht funktioniert. Das ist ein Tabuthema. Trotz inzwischen tausender Kinder, die in Sachsen mit Nachhilfe gezeugt wurden.

Chemnitz/Dresden.

Irgendwann hören sich wohl die meisten kinderlosen Paare eine dieser Fragen an: Wann ist es denn soweit? Oder: Übt ihr schon? Oder auch: Ihr wollt wohl gar keine Kinder? Fragen, vielleicht arglos ausgesprochen, die oft ins Mark treffen. Beileibe nicht jede kinderlose Beziehung ist das freiwillig.

Die gute Nachricht: Den Betroffenen kann geholfen werden. So etwa in den Kinderwunschzentren in Leipzig, Chemnitz, Dresden oder dem Kinderwunschzentrum der Dresdner Universitätsklinik. Im Chemnitzer Zentrum beispielsweise wurde dem Klapperstorch seit 2008 schon rund 1400-mal Beistand geleistet. Das Kinderwunschzentrum der Dresdner Uni-Klinik kommt pro Jahr auf rund 300 künstliche Befruchtungen, sagt Oberärztin Maren Goeckenjan. Rund 80 Prozent der Behandlungen führen zum gewünschten Erfolg, sagt sie. Doch der Gang in ein solches Zentrum fällt nicht immer leicht.

Maren Goeckenjan: "Ich habe ganz oft erfolgreiche, dynamische, gut aussehende Paare als Patienten, die nicht glauben können, dass das mit dem Kinderbekommen jetzt ein Thema ist, das nicht klappt." Das Problem machen die meisten mit sich selbst aus, ergänzt Gynäkologin Laila Shugair: "Die Mehrheit will nicht offen darüber kommunizieren." Das Thema ist und bleibt tabu. Seit 2008 leitet Laila Shugair das Zentrum in Chemnitz. Sie berichtet vom Druck, dem sich betroffene Paare nicht selten ausgesetzt sehen, von Schuldgefühlen, von Scham. Natürlich, sagt Shugair, zu Unrecht. "Jede Funktion im Körper kann gestört sein." Wer beispielsweise einen Bandscheibenvorfall hat, schämt sich dessen ja auch nicht.

Die Medizin spricht vom unerfüllten Kinderwunsch, wenn sich nach einem Jahr regelmäßigem Geschlechtsakt noch keine Schwangerschaft eingestellt hat. Das hat in den allermeisten Fällen organische Ursachen, etwa die hormonelle Situation der Frau. Denn Hormone steuern den Prozess der Reifung der Eizelle. Auch die Funktion der Eileiter, wo die Eizelle befruchtet wird, kann gestört sein. Bei Männern ist beispielsweise die Anzahl der Spermien zu gering - oder die Spermien sind schlicht zu langsam.

"In den meisten Fälle finden wir eine organische Ursache", berichtet Maren Goeckenjan. Bei weniger als zehn Prozent der Paare bleibt trotz eingehender Untersuchungen unklar, warum es nicht klappt. Ob das dann psychologische Gründe hat? "Ich glaube, wir können nur nicht genau gucken", sagt Goeckenjan. "Manchmal hat das auch sicher etwas mit dem Verhalten zu tun." So etwa zu wenig Sport, ungesunde Ernährung. Ähnlich sagt das auch ihre Chemnitzer Kollegin Laila Shugair. "Psychologische und medizinische Gründe kann man eigentlich nicht genau trennen", erklärt sie. "Innerlicher Stress ist sicherlich kein gesunder Faktor." Dem könne man aber mit Meditation, Yoga oder ähnlichem begegnen. Und mit Hormonen versuchen die Ärzte beispielsweise, dem Eisprung quasi auf die Sprünge zu helfen.

Sind alle konservativen Methoden ausgereizt, bleibt nur mehr die künstliche Befruchtung. Zunächst lassen die Ärzte mithilfe einer zweiwöchigen Hormontherapie die Eizellen reifen. In einem kleinen Eingriff werden die Eizellen entnommen und noch am gleichen Tag, je nach Methode, mit den Spermien zusammengebracht beziehungsweise die Spermien gleich injiziert. Im Labor beobachten die Mitarbeiter dann die erste Eizellentwicklung. Ein, zwei Eizellen werden dann in die Gebärmutter eingesetzt. Zwei Wochen später zeigt ein Schwangerschaftstest, ob das Ganze geklappt hat. "Pro Paar braucht es im Schnitt 1,5 Versuche", berichtet Maren Goeckenjan.

"Ich freue mich immer, wenn es klappt", sagt Laila Shugair. Sie wollte eigentlich Kinderärztin werden, doch während ihrer Ausbildung war sie bereits in einem Kinderwunschzentrum. Es gefiel ihr so gut, dass sie dabei blieb. "Es ist wunderschön, dass wir der Natur auf die Sprünge helfen können - und die Dankbarkeit und das Glück der Patientinnen und Patienten zu erleben", sagt auch Maren Goeckenjan. "Aber es ist nicht immer nur einfach. Vor allem die Patientinnen, die es leider nicht schaffen, an die denken wir besonders. Aber auch wenn es unermesslich schwer ist: Das Leben geht weiter. Oft ist schon nach wenigen Jahren kein Unterschied in der Zufriedenheit im Leben bei Paaren mit und ohne erfüllten Kinderwunsch mehr zu messen."

Die Buchautorin Melanie Croyé ("Wenn der Storch nicht von alleine kommt" ist im Beltz-Verlag erschienen), rät betroffenen Paaren dennoch auf jeden Fall, Hilfe zu suchen. Sie tritt dafür ein, das Thema zu enttabuisieren. "Ich habe immer offen darüber gesprochen und die Erfahrung gemacht, dass sich die Leute dann auch öffnen." Heute ist sie dank Kinderwunschbehandlung glückliche Mama zweier Kinder. "Ich bin froh", sagt sie, "dass ich es genau so gemacht habe."

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