Bitte geh' nicht weg!

Ängste sind ein Schutzreflex - Doch Eltern können sie durch falsches Handeln fördern, sagt ein Kinderpsychiater

Manche Kinder gehen offen auf andere zu, andere hängen ängstlich an der Mutter. Aus Sicht von Professor Veit Rößner ist das zu einem großen Teil auch eine Charakterfrage. Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Dresden sagt, dass Ängste zur kindlichen Entwicklung gehören - doch nur bis zu einem gewissen Grad. Im Gespräch mit Stephanie Wesely erklärt er, wann eine Behandlung nötig sein kann.

Freie Presse: Herr Professor Rößner, Eltern sind oft in Sorge, wenn ihr Kind gerade eben noch kontaktfreudig war und sich dann plötzlich weinend abwendet. Was haben die Eltern falsch gemacht?

Veit Rößner: Möglicherweise gar nichts. Denn die Entwicklung eines Kindes, hin zu immer mehr Selbstständigkeit, verläuft nicht geradlinig, sondern in Wellen. Es gibt also immer ein Auf und Ab. Das zeigt sich an solchen abrupten Veränderungen, ohne dass es eine erkennbare Ursache dafür gibt. Oft wird behauptet, es liege an einem Entwicklungsschub, den das Kind gerade durchmacht, doch das kann ich nicht bestätigen. Selbst unter Geschwistern sind diese Phasen unterschiedlich stark und lange ausgeprägt. Es gibt kein Muster, bis zu welchem Alter welche Ängste auftreten. Ängste sind ein natürlicher Schutzreflex, doch hinderliche Ängste sollten wieder vergehen.

Wann besteht Grund zur Sorge und wer hilft in so einem Fall?

Von behandlungsbedürftigen Ängsten sprechen wir Psychiater, wenn diese länger als vier Wochen anhalten und sich vielleicht zusätzlich auch körperliche Symptome wie Schlafstörungen oder Alpträume einstellen. Etwa fünf Prozent der Kinder mit Ängsten brauchen den fachkundigen Rat eines Arztes oder Psychologen. Am besten wenden sich die Eltern zunächst an ihren behandelnden Kinderarzt. Er kennt das Kind und kann bei Bedarf dann an einen Fachkollegen überweisen.

Sie deuteten vorhin an, dass auch Eltern Fehler im Umgang mit den Ängsten ihrer Kinder machen. Welche?

Indem sie die Ängste zu sehr zum Thema machen oder das Kind vielleicht unbewusst darin bestärken. Oftmals sind die Eltern aber auch selbst voller Ängste und lassen dies ihr Kind spüren. Das färbt natürlich ab. Wenn Kinder im sechsten Lebensjahr noch regelmäßig im Bett der Eltern schlafen und die Eltern das tolerieren oder vielleicht sogar gut finden, kann das manifestierten Ängsten Vorschub leisten. Eltern, die ihren Kindern jedoch Mut zur Selbstständigkeit zusprechen und selbst offen auf andere zugehen, haben meist seltener Probleme damit.

In welchem Alter treten Kinderängste am häufigsten auf?

Da jedes Kind individuell ist, kann man das nicht pauschal sagen. In unserer Familientagesklinik behandeln wir Kinder im Vorschulalter. Sie leiden häufig unter massiven Trennungsängsten, sind buchstäblich an ihren Müttern festgewachsen. Ab dem siebenten Lebensjahr bis hin ins Jugendalter haben wir es häufig mit Schulangst zu tun. Die Kinder verweigern den Schulbesuch, zum Teil aus massiver Lernunlust, aber auch wegen Mobbings und Versagensängsten. Dann gibt es in jeder Altersgruppe spezielle Ängste, zum Beispiel vor Krankheit. Das mündet dann oft in Zwangshandlungen, zum Beispiel permanentes Händewaschen.

Gibt es besonders gefährdete Kinder?

Ja. Bestimmte Risikofaktoren können im Heranwachsen zu behandlungsbedürftigen Angststörungen werden. Solche Vorläufer sind zum Beispiel extreme Zurückhaltung und Schüchternheit. Diese Temperamentseigenschaften nennen wir behaviorale Inhibition - kurz BI. Diese Kinder sind von einer großen Ängstlichkeit, nicht nur gegenüber fremden, sondern auch bekannten Situationen oder Ereignissen geprägt. Das betrifft etwa jedes siebente bis zehnte Kind. Oft liegen solche Charaktereigenschaften bereits bei den Eltern vor. Auch Trennungssituationen der Eltern können Ängsten Vorschub leisten. Auch der Kita-Eintritt, die Einschulung oder ein Schulwechsel sind häufige Bruchstellen.

Haben Ängste bei Kindern und Jugendlichen zugenommen?

Insgesamt eigentlich nicht. Doch bestimmte Teilbereiche haben sich schon verstärkt. Zum Beispiel die Angst, nicht perfekt zu sein und die Erwartungen der Eltern oder Lehrer nicht zu erfüllen. Befeuert werden solche Versagensängste durch einen immer größeren Leistungsdruck.

Was können Eltern tun, um Kindern beim Abnabeln zu helfen?

Besonders bei Kindern mit den geschilderten Angst-Risikofaktoren kann eine Beratung und Begleitung über einen längeren Zeitraum sinnvoll sein. Das kann gemeinsam mit Lehrern oder Erziehern erfolgen. Eltern gefährdeter Kinder sollten besonders verlässlich sein. Die Eltern können erlernen, ihre Kinder zu eigenständigem, alterstypischem Handeln zu ermuntern, sich dabei aber immer mehr zurückzunehmen. Weint das Kind zum Beispiel regelmäßig bei der Übergabe in der Kita, ist eine enge Rückkopplung an die Eltern wichtig. Denn die Kinder beruhigen sich meist schnell wieder, wenn die Eltern außer Sichtweite sind. Nur das wissen ja die Eltern nicht. Nehmen sie stattdessen das Kind aus der Kita, bestärken sie es in seiner Angst.

Professor Veit Rößner

Er ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dresden, arbeitet in der Forschung zum Tourette-Syndrom, zu Zwangserkrankungen und zu hyperkinetischen Störungen. Rößner ist Autor der Kolumne "Kinder, Kinder!" in der "Freien Presse".

Trennungen üben

Elisabeth Pantley, Erzieherin und Autorin aus Washington, gibt in ihrem Buch "Fremdeln, Klammern, Trennungsangst" Tipps, wie man Kindern das Abnabeln erleichtert. Eltern sollten sich aber niemals vom Kind unbemerkt davonschleichen, auch wenn das vielleicht einen tränenreichen Abschied erspart. Damit verstärken sich Trennungsängste, weil dem Kind die Sicherheit fehlt.

Das Buch ist im Trias-Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro (ISBN 978-3-432-10044-9).

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