"Eltern sagen, wo es langgeht"

Der umstrittene Dokumentarfilm "Elternschule" sorgt für hitzige Diskussionen über Erziehungsfragen.

Mohammed ist zwei Jahre alt und ein Neurodermitis-Kind. Hat er Stress, wird der Ausschlag schlimmer. Ihn stresst so ziemlich alles. Essen, schlafen, an der frischen Luft sein - Mohammed verweigert sich, jammert, weint. Aus Sorge und Liebe zu ihrem Kind tut seine Mutter alles, damit er sich nicht wieder kratzen muss. Jeden Tag. Er schläft nicht ein, wenn sie ihm nicht mindestens eine Stunde lang die Hand hält, den Rücken krault und die Füße massiert. An Durchschlafen ist nicht zu denken. Die Mutter ist am Ende ihrer Kraft.

Der Dokumentarfilm "Elternschule" zeigt Mohammed und seine Mutter sowie andere Familien, deren Kinder chronische Störungen haben. Die Filmemacher Jörg Adolph und Ralf Bücheler begleiten sie durch eine dreiwöchige stationäre Therapie an der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen. Aufnahmekriterium dort ist "die vorherige Ausschöpfung aller ambulanten ärztlichen und psychologischen Therapiemöglichkeiten", sagt der leitende Therapeut Dietmar Langer. Ein Ratgeberfilm mit Impulsen zum Nachahmen sei er daher nicht.

Für die betroffenen Familien ist nichts gut. Sie befinden sich in absoluten Notsituationen. Kinder brechen das Essen wieder aus oder verweigern es so lange, bis sie sondiert werden müssen. Andere sind apathisch, viele ruhelos oder rasten aus. Die meisten haben große Probleme mit dem Ein- und Durchschlafen. Ein Mädchen schreit 14 Stunden durch. Eltern sind maximal verzweifelt und erschöpft. Eine Mutter sagt über ihre Tochter: "Wenn das hier nicht klappt, müssen wir sie in einem Heim unterbringen."

"Die Kinder können sich nicht alleine regulieren", sagt Langer im Film. Sein Team und er wollen helfen. Sie tun es mit Methoden, die hart und verstörend wirken - und für heftige Diskussionen sorgen, seit der Film am 11. Oktober in die Kinos kam. Kinder werden während des Schlaftrainings in hohen Gitterbettchen in dunkle Räume geschoben. Wer in einer vorgegebenen Zeit nichts isst, bekommt nichts mehr. Eltern dürfen während einer Untersuchung zwar im Raum bleiben, ihr Kind aber nicht beruhigen, sondern müssen weiter wegrücken, je mehr es weint. Krankenschwestern wirken abweisend und gefühlskalt. Aber: Am Ende schlafen die Kinder alleine, viele schlafen sogar durch. Sie essen. Die Eltern kommen zur Ruhe.

Der Film dokumentiert. Er erklärt nicht, ordnet nicht ein. In 160 Minuten präsentiert er einen Zusammenschnitt aus Momentaufnahmen aus Betreuung, Therapie und Gesprächen. Wie die therapeutische Arbeit detailliert aussieht, wie intensiv Anamnese und Elternarbeit erfolgen, zeigt er nicht. Das bietet Spekulationen Raum, die die Debatte anheizen. Hauptvorwurf: Der Willen der Kinder würde mittels veralteter Methoden gebrochen, die Therapeuten würden lediglich das akute Problem behandeln, den Ursachen aber nicht auf den Grund gehen. Es gab Forderungen, dass der Film boykottiert oder sogar verboten gehöre.

Der Film "Elternschule" läuft in dieser Woche zum Beispiel im Clubkino Siegmar, Chemnitz.

PRO: "Reizkonfrontation ist eine Option", sagt Dr. Kurt-André Lion von der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen.

Dass wir den Willen der Kinder brechen, weisen wir auf das Schärfste zurück. Diejenigen, die eine solche Kritik äußern, reagieren emotional betroffen auf einen Film, der aus 200 Stunden Material zusammengeschnitten wurde. Bei einem einzelnen Ansehen könnte dieser Anschein entstehen. Das dann aber als absolute Wahrheit zu behaupten, ist nicht statthaft. Familien, die in unsere Klinik kommen, haben bereits zig andere Therapieoptionen am Heimatort ausgeschöpft, leider ohne Erfolg. Die hier behandelten Kinder haben im Rahmen der chronischen Regulationsstörung, die durch Stress unterhalten wird, gelernt, sich durch Unmutsäußerungen Anforderungen zu entziehen. Bei ihnen ist es zu Hause zu einer Umkehr in der Interaktion gekommen: Nicht das Kind lernt von den Eltern, sondern die Eltern übernehmen die Wünsche des Kindes. Bei der Therapie wird vermittelt, wie die Eltern den Kindern in einem sicheren Rahmen Strukturen und sichere Führung vermitteln können. Das passiert auch mit Reizkonfrontation, die in der Verhaltenstherapie eine gängige Option ist. Dabei werden die Kinder nicht gefügig gemacht oder dressiert, sondern erlernen einen sicheren, entspannten Umgang mit den Eltern. Das ermöglicht dann auch dem Kind einen ungestörten Nachtschlaf und ein stabiles Essverhalten.

KONTRA: "Kinder manipulieren die Eltern nicht", sagt Antje Kräuter, psychologische Psychotherapeutin aus Chemnitz.

Wer bewusst einen den Kindern angedichteten Willen brechen und sie an das Ertragen von Kontrollverlust gewöhnen möchte, kann sie traumatisieren. Der Film zeigt, dass die Behandler den überlasteten Eltern helfen wollen, indem die Kinder ihre Essprobleme aufgeben und durchschlafen lernen. Der Psychologe geht davon aus, dass Kinder generell ihren eigenen Willen haben und schon als Säuglinge durchsetzen wollen. Sie wüßten schon, wie sie die Eltern dazu bringen, ihnen alle Wünsche zu erfüllen. Im Zuge der letzten 60 Jahre Bindungsforschung und der letzten 20 Jahre neurobiologischen Forschungen sowie unter Beachtung der Entwicklungspsychologie sind Kleinkinder jedoch ganz auf die Unterstützung ihrer Hauptbezugspersonen angewiesen, um sich in der Welt sicher zu fühlen und ein gesundes Selbstwertgefühl zu erlernen. Nur dadurch wachsen sie psychisch und körperlich störungsfrei heran. Sie können sich nicht absichtlich gegen die Interessen ihrer Eltern wenden, denn damit würden sie sich selbst gefährden. Ihre angeborenen Erwartungen an die Eltern in der ersten Zeit beziehen sich auf ihrer Bedürfnisse nach Sicherheit durch Nähe und Körperkontakt, vor allem nachts. Es verunsichert sie, allein schlafen zu müssen, sie klammern dann noch mehr.

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1Kommentare
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  • 14
    1
    saxon1965
    29.10.2018

    Wer meint, dass Kinder ihre Eltern nicht vermögen zu manipulieren, der hatte es wohl noch nie mit s. g. Scheidungskindern zu tun.
    Es liegt in der Natur der Sache, dass die Eltern zeigen müssen wo es lang geht. In der freien Wildbahn kann das Gegenteil für den Nachwuchs tragisch enden. Dass man mit zunehmendem Alter der Kinder, diesen Eigenverantwortung und auch mal lange Leine lassen muss, ist genau so notwendig.
    Letztlich sind nicht die Kinder "das Problem", sondern die oftmals überforderten Eltern. Es ist halt nicht immer leicht, Eltern zu sein und die richtigen Reaktionen zu zeigen, sprich richtig zu erziehen. Erziehung bedeutet jedoch nicht, dass Kinder das Familienleben dominieren dürfen. Sie sollten lieber lernen, dass es ein Geben und Nehmen ist und dass man sich im Leben auch mal auf einen älteren Menschen verlassen sollte.



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