In ihren Herzen lebt sie weiter

Vor über einem Jahr besuchte "Freie Presse" Marianne Deißenbeck im Hospiz. Kurz darauf starb sie. Wie geht die Familie mit dem Verlust um?

Wie viele Male er den Weg schon gegangen ist, weiß Manfred Deißenbeck nicht. Aber er kennt so gut wie jeden Stein vom Eingang des Langenauer Friedhofs bis zum Grab seiner Frau. Mindestens einmal pro Woche kommt er hierher, immer mit einem Strauß Blumen. Diesmal hat er Chrysanthemen mitgebracht, die er gegen verwelkte Blüten austauscht und in eine Vase steckt, direkt neben dem Grabstein. Eigentlich sollte dort ein Engel aus Stein stehen. Das ließ aber die Friedhofsordnung nicht zu. Nun hat die Figur einen Platz im Garten des Hospizes "Ellen Gorlow" in Oederan gefunden. Dort, wo Marianne Deißenbeck am 17. Oktober 2017 gestorben ist - mit gerade mal 50 Jahren. Kurz zuvor war die "Freie Presse" bei ihr und ihrer Familie. Jetzt haben wir uns mit den Trauernden getroffen.

"In unserem Herzen lebst du weiter" steht auf einem kleinen Stein auf dem Grab, daneben ein Gesteck, gebastelt von Enkeltochter Emilia. "Ihr Sonnenschein", sagt Tochter Corinna, die ihren Vater begleitet. "Ich vermisse die Oma", hat die Sechsjährige in den letzten Monaten schon ein paarmal gesagt. Sie wusste, dass Oma krank ist, aber der Tod war für das Kind weit weg.

Auch die Tochter und die zwei Söhne von Deißenbecks denken oft an ihre Mutter. Jeder verarbeitet die Trauer auf seine Art. Christoph mag nicht darüber sprechen. Alexander lässt wie sein Vater auch mal den Tränen freien Lauf. Corinna sucht sich hohe Berge, die sie besteigt. Sie war in der Sächsischen Schweiz und in Südtirol: "Auch wenn ich nicht gläubig bin, habe ich das Gefühl, dass ich Mutti dort ganz nah bin." Sie fehlt ihr sehr. "Sie hat mir zugehört, wenn ich Probleme hatte, mich getröstet oder auch einen Rat gegeben", sagt die 28-Jährige. Und für die Tochter das Wichtigste: "Mutti hat die Familie zusammengehalten. Sie war immer für alle da."

Manfred Deißenbeck, der inzwischen das gemeinsame Haus in Langenau verkauft hat und in Chemnitz wohnt, fehlt der Austausch mit der Ehefrau. Jetzt erzählt er seiner Marianne bei jedem Besuch auf dem Friedhof, was er erlebt hat. Selbst wenn er nie eine Antwort bekommt, das hilft ihm. "Ich habe sogar mal geschimpft, als unser Lieblingsfußballverein 1860 München verloren hat." Als er an den letzten Lebenstagen seiner Frau an ihrem Bett saß und ihre Hand hielt, haben sie noch einmal zusammen Fußball geschaut. "Marianne, die schon sehr geschwächt war, hat gesagt: ,Da spielen unsere Löwen.' Dass es eine andere Mannschaft war, habe ich ihr wenige Stunden vor ihrem Tod nicht mehr gesagt", sagt ihr Mann. Marianne bleibe Vereinsmitglied, auch wenn sie nicht mehr lebt. Er wird ihr von jedem Spiel berichten auf dem Friedhof oder zu Hause, wenn er ein Foto von ihr betrachtet.

Nach dem Tod seiner Frau hatte Manfred Deißenbeck lange mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Wegen Nierenversagens kam er zur Dialyse und später zur Reha. "Dort hat mir eine Psychologin geholfen, mein Leben wieder einigermaßen zu ordnen", sagt der 52-Jährige. Aufgefangen hätte ihn auch seine Familie. "Ich helfe meiner Tochter bei der Betreuung der Enkelin, hole sie von der Kindereinrichtung ab. Das hilft mir, auf andere Gedanken zu kommen."

Den Kontakt zu Selbsthilfevereinen oder Gruppen, die anderen Trauernden guttun, hat er nie gesucht. "Nein, das ist nicht mein Weg." Aber er hat sich ein Tattoo stechen lassen. Vorsichtig zieht er den Ärmel seines Pullovers hoch. Marianne 17.10. steht darauf - der Sterbetag seiner Frau. Eine Hand hält eine Rose, daneben vier Sterne, eines für jedes Kind und die Enkelin. "Wie ich das Tattoo gestalte, das habe ich mit Emilia besprochen. Sie hatte genaue Vorstellungen", sagt der Opa.

"Jeder trauert auf seine ganz eigene Art", sagt Carmen Rakutt. Die Koordinatorin des Hospizvereins Chemnitz weiß, dass es dafür kein Rezept gibt. "Wichtig ist es, offen zu sein, Trauer zuzulassen." Wer dabei Hilfe benötigt, erhält sie bei einem der 48 Hospizdienste in Sachsen. Die Chemnitzer bieten unter anderem ein Trauercafé, Gruppen, Gedenkfeiern und Gespräche an.Die Chemnitzer bieten zum Beispiel ein Trauercafé, Gedenkfeiern und Gespräche an. Vielleicht findet auch Manfred Deißenbeck den Weg zu so einer Gruppe. Aber nicht jetzt.

Er ist froh, dass er in den letzten Lebensmonaten so viel Zeit wie möglich mit seiner Marianne verbracht hat. Und er ist den Pflegekräften im Hospiz dankbar, die sich um seine Frau gekümmert haben. Den Kontakt dorthin hält der gebürtige Oberbayer weiterhin. Manchmal bringt er Sachspenden hin, die so dringend benötigt werden - vor allem Toiletten- und Kosmetikartikel.

Sechs Wochen wurde seine Frau im Hospiz betreut - seit dem Augenblick, als die Schwerkranke ständig Hilfe brauchte und ihr Mann es nicht mehr allein schaffte. Täglich war jemand aus der Familie in dieser Zeit bei ihr. Da lag der Schicksalstag für seine Frau schon einige Wochen zurück. Manfred Deißenbeck erinnert sich genau an jenen Abend im August 2017, als er seine Frau aus der Uniklinik Dresden abholte. "Die Ärzte hatten uns gesagt, dass es keine Heilung mehr gibt und wir die nächste Zeit so intensiv wie möglich miteinander leben sollen." Vielleicht ein paar Wochen, bestenfalls ein paar Monate - länger gaben sie der Patientin nicht. Da hatten sich bei der 50-Jährigen schon Metastasen im Kopf ausgebreitet. Zunächst seien beide in ein tiefes Loch gefallen, sagt der Witwer. Doch dann hätten sie die ganze Nacht geredet. "Marianne hatte genaue Vorstellungen, welche Musik auf ihrer Beerdigung gespielt werden soll." Einmal und nie wieder hätten sie darüber gesprochen - und über ihre letzten Lebenswochen. Der Mann hat Tränen in den Augen. Auch, als er vom Wunsch seiner Frau erzählt, Comedian Bülant Ceylan in Chemnitz zu erleben. Die Karten waren schon gekauft, aber Marianne starb vorher. Verwandte erzählten ihm danach, dass der Künstler auf der Bühne von Marianne gesprochen hätte, die so gern im Publikum sitzen wollte.

Manfred Deißenbeck weiß, dass er jetzt wieder mehr an sich denken muss. So, wie es ihm die Psychologin empfohlen hat. Vielleicht ist er irgendwann bereit, mit einer neuen Partnerin zusammenzuleben. Seiner Marianne wird er alles erzählen. So, wie er es jetzt auch macht - auf dem Friedhof oder zu Hause.

Angebote für Trauernde gibt es bei den Hospizdiensten. Die Adressen finden sich auf der Webseite des Landesverbandes für Hospizarbeit und Palliativmedizin Sachsen. Auch über den Verband bekommen Betroffene Rat.

www.hospiz-palliativ-sachsen.de

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