Kinder im Ausnahmezustand

Immer früher, immer extremer? Die Pubertät bringt Eltern oft zur Verzweiflung. Doch Wissenschaftler mahnen zur Nachsicht, denn das Gehirn der Kinder befindet sich im Umbau. Eltern können jetzt viele Fehler machen.

Plötzlich ist sie vorbei - die Vater-Mutter-Kind-Idylle. Türenschlagen, Provokationen, Wut und Tränen sind nun an der Tagesordnung. Die Kinder scheinen wie verwandelt. Mit einem solchen Durcheinander der Gefühle kämpfen derzeit in Sachsen mindestens 160.000 Familien, die pubertierende Kinder haben.

Neurowissenschaftler werben um Verständnis. Was sich hinter der Stirn von Pubertierenden abspielt, sei das wohl größte Umbauprojekt seit der Geburt. Das Gehirn formiert sich neu, und das geschieht zeitversetzt. Die Neuropsychologie-Professorin Kerstin Konrad erklärt: "Der Bereich des Gehirns, der für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist - das sogenannte limbische System - reift schneller." Das Vorderhirn, das die Zusammenarbeit der anderen Gehirnreale koordiniert, werde aber erst zum Schluss fertig. "Dieses Ungleichgewicht begünstigt das typische Pubertätsverhalten. Solange das Vorderhirn nicht ausgereift ist, haben Gefühle die Oberhand."

Auch Körper und Geist entwickeln sich scheinbar getrennt voneinander. "Im Gegensatz zur körperlichen Reifung dauert die gedankliche und psychische länger. Sie ist oft erst mit 27 Jahren richtig abgeschlossen", sagt Ekkehardt Vogel, Psychologe und Familientherapeut der Stadtmission Chemnitz. Deshalb sei es durchaus normal, wenn ein zehnjähriger, im Stimmbruch befindlicher Junge noch mit Autos spielt oder das Mädchen sich morgens stundenlang vor dem Spiegel schminkt und nachmittags mit dem Stofftier im Arm Kindersendungen ansieht. "Die Pubertät ist eine Zeit der Gegensätze, da sollte man sich über nichts wundern", sagt der Psychologe aus Erfahrung. Er leitet einen Elternkurs zur Pubertät, der jetzt wieder neu startet.

Aus Sicht der Eltern setzt die Pubertät immer früher ein. Professor Wieland Kiess, Direktor der Uni-Kinderklinik Leipzig, ist diesem Phänomen nachgegangen und hat sich Studien angesehen: "Im Schnitt beginnt die Pubertät heute gerade einmal drei Monate früher als vor 30Jahren", sagt er.

Ergebnissen aus den USA, wonach immer mehr Mädchen bereits mit acht Jahren Brustwachstum haben, erteilt er eine Absage, denn die Studien seien methodisch zu beanstanden: Die beteiligten Ärzte hätten lediglich mit einem Blick durchs T-Shirt das Brustwachstum beurteilt. "Und in den USA kann das ja auch andere Ursachen haben, wenn man sich den Anteil der adipösen Kinder ansieht", so Kiess. Die einzigen wissenschaftlich fundierten Angaben stammen ihm zufolge aus Dänemark und Finnland, wo seit Jahren alle medizinischen Untersuchungsergebnisse protokolliert werden und damit vergleichbar sind. "Und die belegen nur die besagten drei Monate - im Schnitt wohlgemerkt. Das heißt, dass es in jeder Generation trotzdem Früh- und Spätentwickler geben kann. Aber es sind Ausnahmen."

Ob ein Kind zu den Früh- oder Spätentwicklern gehört, habe zum einen genetische Gründe - es werde also schlichtweg vererbt, wann die Geschlechtsreife einsetzt. Zum anderen bestimme auch die Umwelt, ab wann die Hormonproduktion auf Hochtouren läuft. "Den Startschuss gibt die Hirnanhangsdrüse. Abhängig ist dieser Impuls von einem regelmäßigen Nahrungsangebot und günstigen klimatischen Bedingungen", sagt der Leipziger Professor. "Da gab es in den letzten 30 Jahren kaum Schwankungen." Gleich geblieben sei auch die Dauer der Pubertät. Sie betrage im Schnitt drei bis vier Jahre. Eigentlich überschaubar im Vergleich zu den Höhen und Tiefen, die in der Zeit davor bereits gemeistert wurden.

"Doch die Pubertät ist eben auch ein erstes Zeichen, dass die Kindheit zu Ende geht. Und damit haben vor allem die Eltern Probleme, denn es ist ein Abnabelungsprozess, ein Streben nach mehr Eigenständigkeit", so Kiess. "Deshalb ist aus meiner Sicht die Pubertät eher eine Zeit, in der die Eltern schwierig werden."

Diese Aussage bestätigt auch eine Studie der Universität Tübingen. Danach sehen vor allem Eltern tiefgreifende Veränderungen in der Persönlichkeit ihrer Kinder. Die Jugendlichen selbst empfinden weitaus mehr Stabilität und erleben Veränderungen weniger problematisch.

Die Forscher befragten in einem Zeitraum über drei Jahre rund 2800 pubertierende Kinder sowie ihre Eltern jeweils einmal im Jahr. Sie wollten wissen, wie die Heranwachsenden sich selbst einschätzen und welchen Eindruck ihre Eltern haben. Fünf Persönlichkeitsmerkmale waren den Wissenschaftlern dabei besonders wichtig, weil diese bis zum Erwachsenwerden besonders großen Schwankungen und einer Reifung unterliegen. Dazu gehören: emotionale Stabilität, Verträglichkeit, Geselligkeit, Offenheit und Gewissenhaftigkeit.

Um die Verträglichkeit zu messen, mussten die Jugendlichen die Aussage "Ich bin jemand, der andere schnell kritisiert" bestätigen oder verneinen. Für die Gewissenhaftigkeit ging es um die Aussage "Ich erledige meine Aufgaben sofort" und beim Merkmal Geselligkeit um: "Ich bin jemand, der gerne mit anderen zusammen ist".

Neben den Unterschieden zwischen Eltern und Kindern fanden die Forscher heraus, dass die Persönlichkeitsentwicklung im Jugendalter nicht linear erfolgt. Die Verträglichkeit und Offenheit verringerten sich in der Phase. Das zeige sich daran, dass die Jugendlichen mehr diskutieren als früher und sich auch schneller zurückziehen.

"Überrascht hat uns, dass beim Punkt Gewissenhaftigkeit Kinder von sich selbst ein schlechteres Bild hatten als ihre Eltern", sagt Studienautor Richard Göllner. Die Kinder waren der Meinung, weniger leistungsbereit, diszipliniert und zuverlässig geworden zu sein. Die Eltern hingegen haben in diesem Punkt fast keine Veränderung festgestellt. Beim Punkt Geselligkeit war es umgekehrt. Die Mädchen waren übrigens insgesamt verträglicher, gewissenhafter und offener als Jungen. Für Göllner liegt das daran, dass bei Mädchen der Reifungsprozess früher einsetzt.

Für Eltern ist die Pubertät eine Gratwanderung zwischen Festhalten und Loslassen. Denn einerseits haben die Kinder den Wunsch nach mehr Eigenständigkeit, brauchen aber auch den sicheren Hafen und den Schutz der Erwachsenen. Eltern können hier viele Fehler machen, sagt der Psychologe Ekkehardt Vogel. Zum Beispiel, wenn sie versuchen, den Jugendlichen möglichst ähnlich zu sein, die gleiche Kleidung zu tragen oder die gleiche Musik zu mögen. Das ist vielen Kindern peinlich. "Und es hilft ihnen nicht. Denn sie wollen richtige Erwachsene und keine 40-jährigen Freunde."

Ein anderer Elterntyp lasse einerseits zwar die Ablösung zu, habe aber die Erwartung, weiterhin immer über alles informiert zu werden. "Die Jugendlichen entwickeln unter diesen Bedingungen ein chronisch schlechtes Gewissen und meinen, den Eltern immerzu etwas zu schulden", so Vogel.

Ein besonderes Extrem seien aber auch Eltern, die die Jugendlichen früh sich selbst überlassen und wenig Beteiligung an ihrem Leben zeigen. "Auch wenn Jugendliche Unabhängigkeit einfordern, erleben sie diese Haltung als Desinteresse an ihrer schwierigen Lebensphase", sagt der Psychologe.

Der richtige Weg liegt wie so oft mittendrin. Vogel nennt das Beispiel Schule: Die Eltern dürften sich ab der fünften oder sechsten Klasse aus Hausaufgaben allmählich heraushalten und dem Kind einen Vertrauensvorschuss gewähren, dass es alles ordentlich und pünktlich erledigt. Da müsse man nicht mehr permanent nachfragen. Gebe es dann aber Versäumnisse, sollten Kinder wissen, dass Eltern konsequent handeln und eingreifen werden. Das macht Eltern glaubwürdig und hilft Kindern, die positiven wie negativen Folgen ihres eigenen Handelns tragen zu lernen. "Kinder wollen starke Eltern", sagt er.

Starke Eltern gestehen ihren Kinder auch zu, eigene Vorschläge zu machen, wie eine problembesetzte Situation verändert werden kann. Eines sollten Eltern von Pubertierenden aber niemals tun: Fehler zu kommentieren, weder mit Auslachen noch mit Sprüchen wie "Siehst du" oder "Das habe ich dir doch gleich gesagt". Das könne Kinder schnell entmutigen und sehr verletzen. "Kinder sollten erhobenen Hauptes Fehler korrigieren können und daraus lernen, ohne sich minderwertig zu fühlen. Das fällt vielen Eltern oft richtig schwer", sagt der Psychologe.

Eltern und Jugendliche haben für bestimmte Probleme verschiedene Schmerzgrenzen. Auf dieser Basis gelte es, eine Wohlfühlordnung für die Familie zu finden. "Vorbildwirkung, Vertrauen, Konsequenz und Humor sind wichtig für die Pubertät", so Vogel. Denn wie heißt es so schön: "Kinder haben selten auf die ältere Generation gehört, aber nie versäumt sie nachzuahmen."

Am nächsten Montag lesen Sie: Stürmische Umarmung, Beleidigtsein und großes Chaos - Die Pubertät aus der Sicht einer Mutter und eines Sohnes.

Elternkurs und Fernsehserie          

Psychologen und Familientherapeuten aus Sachsen bieten einen Elternkurs "Abenteuer Pubertät" an. Er besteht aus fünf Informationsabenden. Termine: Montag, 11. September, 17 Uhr, Stadtmission Chemnitz, Glockenstraße 5. Dienstag, 7. November, 19 Uhr, St. Benno-Gymnasium Dresden. Anmeldungen unter: www.kess-erziehen.de

Die Pubertät ist Thema einer sechsteiligen Fernsehserie im ZDF, die am Donnerstag 20.15 Uhr beginnt. Vorlage für den Film ist der Bestseller "Das Pubertier" von Jan Weiler.

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