Kinder sprechen immer schlechter

Fast jeder fünfte Sechsjährige ist in logopädischer Behandlung. Therapeuten in Sachsen haben oft lange Wartezeiten.

Matteo aus Dresden spricht gern und viel. Doch bei den Zischlauten hat der Fünfjährige Probleme. Er kann sie beim Hören schlecht unterscheiden und verwendet sie deshalb auch beim Sprechen immer wieder falsch. Die als Sigmatismus bezeichnete Artikulationsstörung kommt bei Fünf- bis Siebenjährigen am häufigsten vor. Jedes sechste Kind in dieser Altersgruppe ist betroffen. "Mitunter fehlt die Muskelspannung im Mundraum, oder die Zunge wird zu stark gegen die Zähne gedrückt", sagt Liane Fröbel, Leiterin einer Logopädiepraxis in Freital. Einmal pro Woche kommt Matteo zu ihr zur Behandlung. Bis zur Einschulung soll das Problem behoben sein.

34,5 Prozent der Kinder zwischen fünf und sieben Jahren sind nicht altersgemäß entwickelt. Ihr Anteil hat sich in den letzten zehn Jahren stetig erhöht. Über 82 Prozent dieser Kinder haben Probleme mit dem Sprechen, geht aus dem neuen Heilmittelbericht des wissenschaftlichen Instituts der AOK hervor. Die Gründe dafür sind vielfältig. "Oft kommt es in den für die Sprachentwicklung bedeutenden Jahren zwischen null und vier zu Hörstörungen aufgrund von Mittelohrentzündungen, die oft nicht erkannt werden, weil sie keine Schmerzen verursachen", sagt Logopädin Liane Fröbel. Die Kinder hörten die Laute dadurch nicht korrekt und können sie nicht richtig verwenden. Eine gute Hilfe sei es, wenn Eltern den Kindern vorlesen und mit ihnen über das Vorgelesene sprechen. Zeigen sich dabei Defizite, sollte rechtzeitig eine Therapie begonnen werden.

Deshalb ist die Logopädie das in diesem Alter am häufigsten verordnete Heilmittel. Doch die Verordnungen sind rückläufig. Vor fünf Jahren waren noch 249 von 1000 bei der AOK versicherten Jungen und 168 Mädchen in der Sprachtherapie, 2017 nur noch 229 Jungen und 155 Mädchen. Die gleiche Tendenz nennt die Barmer für Sachsen. Von 12.000 Verordnungen im Jahr 2015 sank die Zahl bis 2017 auf 10.000.

Liane Fröbel sieht das aber nicht als Zeichen einer besseren gesundheitlichen Situation: "Es wird weniger verordnet, weil manche Ärzte immer noch meinen, Sprechstörungen wachsen sich von selbst aus. Doch das tun sie nicht. Die Kinder sind meist auf Dauer im Lernen beeinträchtigt und können nicht die Leistungen abrufen, zu denen sie normalerweise fähig wären." Für Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der Barmer in Sachsen, ist es wichtig, dass Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen schon sehr früh professionelle Hilfe erhalten, wenn das aus medizinischer Sicht notwendig ist. "Denn Sprachstörungen können dazu führen, dass Kinder ein Stück weit stigmatisiert werden und schlechtere Entwicklungsmöglichkeiten haben."

Sachsen ist dem AOK-Bericht zufolge das Bundesland mit der höchsten Patientendichte bei den Unter-14-Jährigen. Mit 15,6 Prozent übersteigt der Freistaat den Bundesdurchschnitt von 11,4 Prozent deutlich. Das betrifft auch die Zahl der Behandlungen. Mit 280 Therapiesitzungen pro 1000 Versicherten liegt der Freistaat über dem Bundesdurchschnitt von knapp 240. Die gesetzliche Krankenversicherung gab im Jahr 2017 für Sprachtherapien 735 Millionen Euro aus.

Doch die Zahl der Therapeuten geht kontinuierlich zurück. "Wir haben in der Logopädie in Sachsen Wartezeiten zwischen drei und sechs Monaten. Vor dem Schulstart können wir kaum alle betroffenen Kinder behandeln", so Liane Fröbel. Oder die Behandlungen ziehen sich in die Länge. Im Schnitt werden laut AOK pro logopädisch behandeltem Kind 20 Sitzungen abgerechnet. Eine dauert 30 bis 60 Minuten, je nach Schwere des Falls.

Zwischen 2017 und dem ersten Quartal 2018 ist die Zahl der Logopädiepraxen in Sachsen von 657 auf 555 zurückgegangen, sagt Matthias Geussen, Sprecher des Deutschen Berufsverbandes für Logopädie. Die Vergütung sei seit 2016 zwar um fast 15 Prozent gestiegen, jedoch auf niedrigem Niveau. Er macht das am Beispiel der am häufigsten verordneten 45-minütigen Einzeltherapie fest. In Sachsen würden dafür nach der Erhöhung knapp 43 Euro gezahlt, in Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg 42 Euro, in Baden-Württemberg, Bayern und dem Saarland bis zu 47 Euro. Das wirke sich auch auf die Bezahlung der angestellten Therapeuten aus. Da in ganz Deutschland Bedarf besteht, gehen sie meist dorthin, wo sie besser verdienen. Hinzu kommt, dass es in Sachsen laut Berufsverband nur eine von sechs Logopädie-Schulen gibt, in der Auszubildende kein Schulgeld zahlen müssen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat im Dezember ein Gesetzespaket vorgestellt, mit dem die Versorgung der Patienten und die Arbeitsbedingungen in den Heilberufen verbessert werden sollen. Sind alle parlamentarischen Hürden genommen, könnte es im April 2019 in Kraft treten. Dann sollen logopädische Leistungen bundesweit gleich viel kosten. Der höchste mit den Krankenkassen ausgehandelte Preis soll für alle Bundesländer gelten. Auch das Schulgeld für Auszubildende soll abgeschafft werden.

Für Liane Fröbel ist das ein Lichtblick. "Wir hoffen, dass das Praxissterben wegen Personalmangels dann aufhört." Denn durch den Anstieg der Geburtenzahlen werde der Bedarf der Kinder an sprachtherapeutischer Behandlung zunehmen. Auch dann werden Kinder wie Matteo noch Probleme mit den Zischlauten haben.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 2 Bewertungen
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...