Mein Kind ist ein bisschen schräg

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Räuspern, Zwinkern, Schniefen: Kindertherapeuten erklären, ob der Spleen nur eine Phase oder Grund zur Sorge ist.

Ist das noch normal? Eltern schämen sich ein bisschen für diese Frage, können sie aber nur schwer beiseiteschieben, wenn das eigene Kind plötzlich auffällige neue Verhaltensweisen an den Tag legt. Wenn es immer wieder an den Haaren zupft, blinzelt oder sich am Kopf kratzt. Am Ärmel lutscht, bis die Spucke tropft. Jeden Abend sämtliche Kuscheltiere im Bett aufreihen muss. Oder das Haus nicht mehr verlässt ohne Gummistiefel an den Füßen.

Spleen, Marotte, Tic - allein schon die Tatsache, dass sich das gar nicht so leicht benennen lässt, was man an seinem Kind beobachtet, ist ein gutes Indiz für die Verunsicherung, die dadurch entsteht. Und trotzdem rät Dana Mundt von der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung zur Gelassenheit. "In der Regel gibt sich das von allein wieder."

Die möglichen Auslöser sind vielfältig: Vielleicht versucht das Kind, innere Anspannung oder Ängste abzubauen. Vielleicht ist ihm langweilig. Vielleicht steht gerade ein wichtiger Entwicklungsschritt an oder eine Veränderung, die das Kind noch nicht so recht einschätzen kann, beispielsweise ein Umzug. Einfach "abstellen" lässt sich das ungewöhnliche Verhalten ohnehin nicht. Ein Tic etwa "lässt sich nur ganz schwer unterdrücken", sagt Veit Rößner, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Dresden. "Er ist wie ein Schluckauf, eine plötzliche Bewegung, die sich immer wiederholt und nicht willentlich steuerbar ist." Das kann ein Zwinkern sein, eine Grimasse, ein Räuspern oder Schniefen.

Vorübergehend tritt das bei bis zu 15 Prozent der Grundschulkinder auf und vergeht in der Regel nach einigen Wochen wieder. Die genaue Ursache kennt man noch nicht, "aber es gibt Hinweise, dass die Kinder reizoffener sind", sagt Rößner: "Sie nehmen bestimmte Reize als unangenehm wahr, und der Körper reagiert darauf."

Neben den Tics gibt es Verhaltensweisen, die eher an Rituale oder Zwänge erinnern. Etwa, wenn beim Essen Nudeln und Soße nicht miteinander in Berührung kommen dürfen, ohne Kuscheltier das Haus nicht mehr verlassen wird und wenn der Fuß beim Spaziergang auf gar keinen Fall die Ritzen zwischen den Bürgersteigplatten berühren darf. "Manchmal brauchen Kinder für eine gewisse Zeit ein Ritual, um sich sicher zu fühlen", sagt Dana Mundt. Sie beobachtet seit Beginn der Coronapandemie eine Zunahme entsprechender Anfragen. "Für viele Kinder sind die gewohnten Strukturen weggebrochen, zugleich spüren sie auch bei ihren Eltern Verunsicherung. Das kann durchaus zu solchen Verhaltensweisen führen."

Auch in der Praxis von Michaela Willhauck-Fojkar melden sich derzeit vermehrt verunsicherte Eltern. Das liege allerdings nicht nur daran, dass die Pandemie die Seele der Kinder belastet, sondern auch an der Tatsache, "dass Eltern weniger Möglichkeiten hatten, sich mit anderen Eltern auszutauschen", sagt die Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche aus Mannheim.

Denn oft relativieren sich eigene Sorgen, wenn man erfährt, dass das Verhalten des eigenen Kindes so ungewöhnlich gar nicht ist. "Und manche Dinge fallen einem nur deshalb auf, weil man im Lockdown viel mehr Zeit als sonst miteinander verbracht hat", sagt Willhauck-Fojkar.

Dana Mundt rät, "wahrzunehmen, aber nicht permanent den Fokus darauf zu richten". Und vor allem, "sich nicht provoziert zu fühlen". Was Außenstehende manchmal einfach nur schmunzeln lässt, kann nämlich im Elternalltag ziemlich an den Nerven zerren. "Aber je aufgeregter ich als Eltern reagiere, umso schlimmer mache ich es", sagt Michaela Willhauck-Fojkar. Stress verschärfe zwanghafte Handlungen nur noch mehr.

Nicht selten verstrickten sich Eltern und Kinder dann in zermürbenden Machtkämpfen um die richtige Schuhwahl oder Essensgewohnheiten. Bei älteren Kindern ab dem Grundschulalter kann man auch kindgerecht das Gespräch suchen, allerdings nicht verbunden mit der Aufforderung "Lass das doch endlich", sondern mit dem Ziel, gemeinsam nach den Gründen zu forschen: "Manchmal fehlen den Kindern einfach noch die Worte für die Gefühle, die sie beschäftigen", sagt PädagoginDana Mundt. Kinder- und Jugendpsychiater Veit Rößner empfiehlt, Beobachtungen aufzuschreiben. "Im Alltag verliert man sonst schnell das Gefühl dafür, wie lange bestimmte Verhaltensweisen andauern." Drei Monate seien ein guter Zeitraum, "um noch einmal nachzuschauen, was war und wie es sich entwickelt hat". Und dann auch fachkundigen Rat zu suchen, wenn sich Tics oder Zwänge so verfestigt haben, dass das Kind darunter leidet und sein Alltag beeinträchtig ist.

Im Rahmen der psychotherapeutischen Sprechstunden, die in den Praxen durchgeführt werden, kann eine erste diagnostische Einschätzung erfolgen, sagt Michaela Willhauck-Fojkar. Auch Familien- und Erziehungsberatungsstellen sind eine gute erste Anlaufstelle. An der Uniklinik in Dresden gibt es ein bundesweit einmaliges Zentrum für Tic- und Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen.

Manchmal lohnt es, den Blick auf die Eltern zu richten: "Kinder orientieren sich in ihrem Verhalten an ihren Eltern", sagt Psychotherapeutin Michaela Willhauck-Fojkar. So manchem Vater und so mancher Mutter dürfte eine Marotte ihres Kindes bekannt vorkommen. dpa

Rat und Hilfe finden Sie hier: Zentrum für Tic-und Zwangsstörungen am Uniklinikum Dresden:

Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung: www.freiepresse.de/tic-stoerungwww.bke-beratung.de