Pflegende Familien sind am Ende ihrer Kräfte

Die Barmer schlägt Alarm: Mehr als 11.000 Angehörige in Sachsen fühlen sich erschöpft. Viele von ihnen würden gern aufhören.

Zehn Jahre hat sich die Leipziger Wirtschaftsberaterin Martina Band um ihre demente Schwiegermutter und um deren Mann gekümmert. Zehn Jahre, in denen die über 80-jährige Frau den Weg nach Hause nicht mehr fand, in denen sie immer dasselbe erzählte oder nachts im Schlafzimmer der Kinder stand. 2016 ist die Dame mit 90 Jahren gestorben.

Es waren zehn Jahre der Zerrissenheit für Martina Band und ihren Ehemann. Sie mussten ihren Alltag neu strukturieren und eng takten. Ruhephasen und Kontakte zu Freunden kamen viel zu kurz. "Trotzdem hatte man immer das Gefühl, es ist nicht genug, was man tut. Man hatte immer ein schlechtes Gewissen", sagt sie rückblickend.

Wenn sie einen Wunsch freihätte für sich und ihre Tochter, dann, dass es in der öffentlichen Meinung nicht mehr als Versagen angesehen werde, einen Angehörigen in die Pflege zu geben - sondern dass ein solcher Schritt akzeptiert werde. Die Betreuung in den Heimen, so habe sie es selbst erlebt, sei sehr wohl fürsorglich, aufmerksam und professionell, anders als es mitunter in Medien beschrieben werde.

Martina Band war eine von Abertausenden Familienangehörigen, die alljährlich an die Grenzen ihrer Kräfte stoßen: So zeigt eine repräsentative Befragung von rund 2 000 Betroffenen im neuen Pflegereport der Barmer deutliche Alarmsignale: Allein in Sachsen seien nach Hochrechnungen der Kasse etwa 7,5 Prozent der pflegenden Angehörigen erschöpft und am Ende ihrer Kräfte - mehr als 11 000 Menschen. "Viele Angehörige stehen kurz davor, ihren Dienst einzustellen. Sie sind physisch und psychisch überfordert", sagt Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der Barmer in Sachsen. "Mit ihrer Motivation aus Liebe und Pflichtbewusstsein leisten Familienmitglieder der Gesellschaft einen unschätzbaren Dienst. Ihre eigenen Bedürfnisse kommen jedoch oft zu kurz, und sie werden krank."

Sachsenweit sind laut dem Pflegereport zurzeit mehr als 180 000 Menschen pflegebedürftig, Tendenz weiter steigend. Fast Dreiviertel von ihnen werden Zuhause und mehrheitlich von Angehörigen umsorgt, nur etwa ein Viertel wird in Heimen betreut. "Der größte Pflegedienst in Deutschland sind nach wie vor die Angehörigen", betont Magerl.

In zwei Drittel aller betroffenen Familien übernehmen Frauen zwischen 50 und 70 Jahren die Pflege: Ehefrauen, Töchter, Schwiegertöchter. Rund ein Viertel von ihnen verkürzen für den sozialen Dienst sogar ihre Arbeitszeit oder geben ihren Beruf ganz auf. Fast 40 Prozent der Betreuenden leiden jedoch unter Mangel an Schlaf, 30 Prozent fühlen sich in ihrer Rolle als Pflegende gefangen, und 20 Prozent ist die Pflege eigentlich zu anstrengend. Die dauerhafte Belastung und der hohe Verantwortungsdruck schlagen dann auch auf die Gesundheit durch. Pflegende Angehörige sind vergleichsweise häufiger krank als andere Menschen. Mehr als die Hälfte leiden unter Rückenbeschwerden und bis zu 45 Prozent unter psychischen Störungen. Depressionen sind weit verbreitet.

Es sei daher höchste Zeit, so Magerl, dass Pflegepersonen nicht nur für ihre Angehörigen, sondern auch für sich selbst mehr Hilfen und Unterstützung bekommen. Die Barmer biete daher neuerdings für ihre Versicherten kostenlos ein Seminar an. Titel: "Ich pflege - auch mich". An mehreren Tagen sollen die Teilnehmer lernen, wie sie sich trotz der anstrengenden Pflegesituation entlasten können. Die erste Nachfrage sei enorm groß.

Aus der Befragung gehe hervor, dass pflegende Angehörige bisher eine Kurzzeit-, Tages- oder Verhinderungspflege sowie Betreuungs- und Haushaltshilfen eher selten oder überhaupt nicht in Anspruch nehmen. Allerdings fehle es den Pflegedienst-Anbietern oft auch an geeignetem Personal. Daneben stellen Anbieter immer wieder fest, dass den Angehörigen viele Angebote und ihre Ansprüche nicht bekannt sind, berichtet der Landesgeschäftsführer der Volkssolidarität, Steffen Lemme. "Die Leute müssen zunächst Beratung bekommen, um sich im Pflege-Dschungel zurechtzufinden." Auch Martina Band hätte sich damals gewünscht, dass man sie besser über die Chancen informiert.

Hilfreich sei, so Barmer-Chef Magerl, dass die Bundesregierung die Kurzzeit- und Verhinderungspflege nun in einem jährlichen "Entlastungsbudget" für Pflegebedürftige zusammenführen möchte. Auch die Entlastungsleistungen von 125 Euro monatlich sollten in das Entlastungsbudget einbezogen werden.

Kommentar: Hilfeschrei der Pflegenden

Von Gabriele Fleischer

Der Pflegenotstand ist seit Jahren ein Thema - und es wird immer dringlicher. Doch die Ankündigung von mehr Arbeitsplätzen und Geld schafft keine Entspannung.

Rettender Anker sind pflegende Angehörige. Viele von ihnen sind aber an ihren Grenzen angekommen, weil Geld und Unterstützung fehlen und sie durch die Pflege selbst krank sind. Weder Sachsens Pflegekoordinatoren noch Onlineangebote des Sozialministeriums erreichen diese Menschen. Die Idee der Barmer, Schulungen für pflegende Angehörige anzubieten, ist daher nur zu begrüßen. Genauso wie der Vorschlag des Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung: Unabhängige Pflege-Ko-Piloten sollen - ähnlich wie Hebammen bei frischgebackenen Eltern - pflegende Angehörige besuchen und betreuen.

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4Kommentare
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  • 3
    0
    kartracer
    23.11.2018

    @Pixelghost, dieses Problem ist etwas komplexer, als Sie es sich hier machen.
    @cn3boj00, hat mit keiner Silbe auch nur angedeutet, das er etwas bestimmen will, bitte Alles lesen und verstehen, "Selbstbestimmung" ist das Zauberwort, was so mancher Unbetroffene, nicht verstehen kann oder will.
    Es gibt unglaublich viele Menschen, die aus den verschiedensten Gründen ihr Leben nur noch als Qual empfinden, und SELBST bestimmen möchten, ob sie das noch ertragen müssen oder nicht.
    Ihre "Lebensrettung" in allen Ehren, das haben Millionen schon erlebt, die dann wieder zur Arbeit gegangen sind, etwas seht kurz gedacht!
    Mit nur 1% meiner Pflegeerfahrung, hätten Sie sich Ihre Einschätzung besser überlegt, (12 Jahre; 24 Stunden am Tag, Querschnitt C5 Tetraplegie), das ist kein Scherz, das war bittere Realität! Google machts möglich!

  • 7
    5
    Franziskamarcus
    22.11.2018

    Im grossen und ganzen kann ich cnbj nur zustimmen, das unschöne will halt keiner hören. Mit Medikamenten und durch Streicheleinheiten will ich später auch nicht vor mich hin vegetieren wollen und meinem Kind zu dieser unmenschlichen last fallen. Und das weiss es auch.

  • 11
    7
    Pixelghost
    22.11.2018

    Mir wurde von Medizinern und Produkten der Pharmaindustrie das Leben gerettet und ich kann noch eine Weile für meine Familie da sein. Ihr Kommentar ist unpassend, zynisch und offenbar vom Frust gegenüber der bösen Pharmaindustrie befeuert.

    Ich zitiere: „...egal ob es noch lebenswert ist oder nicht...“ Und das bestimmt wer? Sie?

    Was macht Idiologie nur aus manchen Menschen.

  • 10
    13
    cn3boj00
    22.11.2018

    Eine Gesellschaft, die dazu übergegangen ist, Leben um jeden Preis zu erhalten, egal ob es noch lebenswert ist oder nicht, und in der die Erlösung von Leid eine Straftat ist, muss sich nicht wundern, dass dies irgendwenn ihre Kräfte übersteigt.
    Aber mit Alten und Todkranken werden die besten Geschäfte der Pharmaindustrie gemacht, und einige Mediziner verdienen daran so gut, dass sie kaum noch Zeit für "normale" Kranke haben. Wann wird den Menschen die Selbstbestimmung über ihr Leben zurückgegeben?



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