Sag mal "S", nicht "Sch"

Nicht jeder Sprachfehler wächst sich aus. Wie Logopäden helfen können - und Eltern schon im Babyalter vorbeugen.

Kaum eine Mutter oder ein Vater denkt bewusst darüber nach. Aber fast alle reden von Anfang an mit ihrem Kind. So ist es auch am besten, sagt Manfred Herbst, Vorsitzender des Verbands Deutscher Logopäden und Sprachtherapeutischer Berufe. "Wenn man die Windeln wechselt oder kocht, erzählt man dem Kind, was man macht." Handlungsbegleitendes Sprechen nennt sich das. Das Kind gewöhnt sich an Sprache und Melodie, wird aufmerksam und verknüpft Worte mit ihrer Bedeutung.

Eltern sollten aber nicht in die Babysprache verfallen, rät Diethild Remmert, Vorsitzende von LOGO Deutschland. Das ist die Interessengemeinschaft der selbstständigen LogopädInnen und SprachtherapeutInnen. Man sollte das Kind ausreden lassen. Darüber hinaus empfiehlt sie, den Medienkonsum gerade für die Kleinen zu beschränken - stattdessen lieber viel zu singen, vorzulesen und kindgerecht zu spielen. "Lieber zehn Minuten ganz aufs Kind konzentrieren als eine halbe Stunde immer mit dem Blick auf die Uhr."

Macht das Kind beim Sprechen noch den einen oder anderen Fehler, sollten Eltern nicht belehrend verbessern. Besser ist ein sogenanntes korrektives Feedback, sagt Remmert. "Ich wiederhole, was mein Kind gesagt hat, aber so, wie ich spreche. Sagt das Kind "Esse will", sage ich: "Willst du was essen?" So hört das Kind nicht nur die richtige Variante, es geht auch in einen Dialog mit den Eltern.

Jedes Kind hat beim Sprechenlernen sein Tempo. Eine gewisse Gelassenheit tut Eltern daher gut. Dennoch sollten sie aufmerksam sein. Zu oft hören sie Sätze wie "Das wächst sich noch aus", sagt Sonja Utikal vom Deutschen Bundesverband für Logopädie. Ein Beispiel: Jedes Kind lernt das "t" vor dem "k". "Wenn Kinder t statt k sagen, ist das lange normal. Ab einem bestimmten Alter sollte das überwunden sein. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, dass Kinder statt t das k benutzen." Sie sagen dann "krinken" statt "trinken". Das sei ein untypischer phonologischer Prozess - ein Problem, das sich nicht von allein erledigt. In so einem Fall sollten Eltern die Fachkenntnis von Logopäden in Anspruch nehmen, sagt Utikal.

Der Weg dahin führt über eine Verordnung vom Kinderarzt. "Es muss nicht unbedingt auf eine Therapie von 30 Stunden oder mehr hinauslaufen", so Utikal. "Eine fundierte logopädische Diagnostik kann auch in einer Beratung enden. Für Eltern kann es entlastend sein zu wissen, dass da nichts ist." Oder es besteht Handlungsbedarf für eine Therapie.

Schon mit etwa anderthalb Jahren kann bei einer Sprachentwicklungsstörung eine logopädische Therapie sinnvoll sein, sagt Remmert. Für die Sprachentwicklung eines Kindes gelten Meilensteine, auf die zum Beispiel der Kinderarzt bei den Vorsorgeuntersuchungen achtet. "Mit viereinhalb, fünf Jahren ist der Lauterwerb eigentlich komplett abgeschlossen", so Utikal. "Wenn ein Kind da das Sch noch nicht richtig verwendet, ist es spätestens dann auffällig." Sprechstörungen, also Stottern oder Aussprachefehler, fallen nach Remmerts Erfahrung schneller auf als Sprachentwicklungsstörungen, bei denen es zum Beispiel um das Sprachverständnis oder den Wortschatz geht. Letztere sind aber viel gravierender und brauchen deshalb unbedingt rechtzeitige Behandlung.

Was es nicht einfacher macht: Jedes Kind ist individuell. Auch der Leidensdruck ist unterschiedlich hoch. So habe ihr die eigene lispelnde Tochter einst gesagt "Mama, die Jungs finden das süß", sagt Diethild Remmert. Tatsächlich ist in dem Fall eine Therapie nicht dringend, solange die Entwicklung des Kiefers mit den Folgen einer Zahnfehlstellung nicht gefährdet ist. Logopädie-Termine sind für Kinder meist keine Strafe. "Man macht Dinge, bei denen der Ziellaut, also das, was nicht funktioniert, häufig vorkommt", so Herbst. "Wenn zum Beispiel das Kind ein Sch durch ein S ersetzt, kann man ein Memory spielen, wo Bilder mit einer Tasse und Tasche vorkommen."Eltern können mit ihrem Kind zu Hause üben und so den Therapieverlauf positiv beeinflussen."Die Kinder gehen danach manchmal ins Wartezimmer und sagen den Eltern: "Ich hab heut nur gespielt!"", sagt Sonja Utikal. "Das ist ein ganz großes Lob an den Logopäden.

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