Hochbegabte Kinder und der etwas andere Unterricht

Eine Einrichtung in Stelzendorf widmet sich den Bedürfnissen hoch talentierter Schüler. Die Plätze sind jedoch rar.

Stelzendorf.

Die Zweitklässler der Leonardo-Grundschule haben heute Sachkunde. Ihre Aufgabe dreht sich um Frühblüher, ein beliebtes Schulthema um diese Jahreszeit. Aus Texten sogenannter Steckbriefe sollen die 20 Schüler Eigenschaften von Pflanzen wie Krokus oder Nelke herauslesen und nach bestimmten Kriterien herausfiltern. Dazu müssen sie Wichtiges von Unwichtigem trennen, denn die nächste Aufgabe besteht darin, die Blumen aufzuzeichnen und von der Wurzel bis zur Spitze korrekt zu beschriften.

Kurz vor Ende der Stunde will Lehrerin Stefanie Dietel wissen, wie viele Frühblüher die Kinder in der vorgegebenen Zeit aufzeichnen konnten. "Wer hat drei geschafft?", fragt sie. Sehr viele Arme gehen hoch. "Wer hat eine geschafft?" Einige Arme gehen runter, andere bleiben oben. Dietel fragt Richard Seidel, einen der Schüler, warum er beide Male die Hände gehoben hat. "Na wenn ich es geschafft habe, drei Blumen zu zeichnen und zu beschriften, dann trifft es ja auch zu, dass ich eine Blume beschriftet habe", antwortet der achtjährige Junge keck. Die Lehrerin und ihre beiden Assistentinnen, Referendarin Marie Fröbe und Praktikantin Cora Baudach, die für die 20 Schüler zuständig sind, lächeln. "Das sind die typischen Antworten, die sie von hochbegabten Kindern erhalten", sagt Dietel.

Auch Luise, die siebenjährige Tochter der Freiberuflerin Yvonne Marschner, besucht die Leonardo-Grundschule für hochbegabte Kinder. "Mit zwei Jahre hat Luise schon Hörbücher verschlungen, in denen es vor allem um Sachthemen ging", sagt die Mutter. Außerdem habe die Tochter kurze Zeit später bereits sämtliche Automarken bestimmen können. Obwohl Marschner schon zu diesem Zeitpunkt vermutet hatte, dass ihre Tochter zu den Hochbegabten gehört, wollte sie nie einen Intelligenztest machen lassen. "Es hätte ewig Ärger bedeutet, wenn eines meiner beiden Kinder einen höheren Intelligenzquotienten aufgewiesen hätte als das andere", sagt die zweifache Mutter und fügt hinzu: "Das Wort Hochbegabung fällt bei uns daher gar nicht."

Die Begabungen der Schüler sind laut Rektor Thomas Richter sehr unterschiedlich verteilt und nicht alle Formen von Intelligenz ließen sich durch Tests bestimmen. Einige Schüler verfügten demnach über großes mathematisches Talent, andere seien gute Konfliktlöser oder Musiker. "Es bringt auch nichts, eine Klasse aus Mathematikcracks zusammenzuwürfeln", sagt Richter. Die 80 Schüler der Leonardo-Grundschule werden daher in 20er-Gruppen in vier Klassen unterrichtet. Jede Unterrichtsstunde findet in zwei Räumen statt. Die Schüler haben so die Möglichkeit, entweder am Gruppentisch oder ungestört in Ruhe zu arbeiten, sagt Richter. "Jedes Kind darf hier so sein, wie es ist", erklärt der Schulleiter. Das bedeute jedoch nicht, dass es keine Strukturen gibt. Die Kinder haben einen klaren Tagesplan: Die Unterrichtsstunden dauern jeweils 90 Minuten, dazwischen gibt es Pausen, die teils bis zu einer Stunde lang sind. "Damit die Schüler produktiv seien können, müssen sie zwischendurch auch einfach mal Kind sein dürfen und sich austoben", sagt Richter. Das gelte auch für hochbegabte Kinder. Mutter Yvonne Marschner ist froh, dass ihre Tochter die Leonardo-Grundschule besuchen darf. "Hier wird den Kindern kein Deckel auf den Kopf gesetzt, sie dürfen Visionen haben", sagt sie.

So wie Yvonne Marschner würden viele Eltern ihre Kinder gern in die Begabten-Schule schicken, die von einem freien Träger geführt wird. "Auf einen Platz haben wir derzeit vier Anfragen", sagt Richter. Zur Aufnahme müssten Kinder, so wie im Fall von Luise, nicht unbedingt einen Intelligenztest absolvieren. Es bestehe auch die Möglichkeit, an einer Art Spiel teilzunehmen, bei dem soziale, künstlerische oder musikalische Intelligenz getestet wird.

Damit der Schulbetrieb wie gewohnt weitergehen kann, sind dringende Arbeiten am Gebäude notwendig. Sowohl die 30 Jahre alten Fenster als auch die Fassaden und Decken müssten komplett saniert werden, sagt Uwe Vogel, stellvertretender Geschäftsführer des freien Trägervereins. Am ersten März hatte der Stadtrat einem Beschluss zugestimmt, wonach der Verein, das von der Stadt gemietete Grundstück kauft auf dem die Schule steht. In drei Jahren müssten die geförderten Sanierungsarbeiten abgeschlossen sein. Die Stadt behält sich für diesen Zeitraum ein Rückkaufrecht vor.

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