Nur das Beste fürs Kind - Eltern aus Sachsen wagen Experiment

Eltern aus Sachsen wagen ein Experiment: Für 20 Tage testen sie die bindungsorientierte Erziehung und führen darüber Tagebuch. Frisch ausgebildete Babykursleiterinnen stehen ihnen als Coaches zur Seite und erklären, worauf es ankommt. Wichtige Grundregeln sind, Kinder nicht schreien zu lassen und sie so oft es geht am Körper zu tragen.

Eine neue Erziehungsform stellt die Gefühle von Babys in den Mittelpunkt. Die Methode, die Attachment Parenting heißt, wird bei Müttern und Vätern immer beliebter. Auch in Sachsen gibt es jetzt Elternkurse dafür. Doch die Grundprinzipien sind vor allem bei Psychiatern umstritten.

Attachment Parenting heißt bindungsorientierte Erziehung und setzt auf Intuition und größtmögliche Nähe. Es geht darum, Gefühle von Babys früh zu erspüren und sie in den Mittelpunkt der Elternschaft zu stellen. Bindungsorientierte Eltern reagieren auf jedes Weinen des Babys, geben ihm Milch, wann immer es möchte, tragen es am Körper und lassen es bei sich im oder am Bett schlafen.

Kritiker mahnen: "Attachment Parenting kann schaden." Zu ihnen gehört Professor Veit Rößner. Er ist Kinder- und Jugendpsychiater an der Uniklinik Dresden. Seine Bedenken betreffen vor allem das gemeinsame Schlafen im Familienbett. "Ein großer Anteil unserer jungen Patienten schläft länger im elterlichen Bett als der Durchschnitt. Vor allem bei entsprechender Veranlagung kann daraus eine Angststörung werden", sagt er. Auch, das Kind immer in den Mittelpunkt zu stellen, könne für sie schnell zur Gewohnheit werden. Kinderpsychiater Dr. Michael Winterhoff aus Bonn pflichtet ihm bei und sagt, dass Kinder sehr schnell lernen, wie sie ihre Eltern manipulieren können. "Das wächst sich später auch nicht aus", sagt er.

Frauen aus Sachsen, die sich in Hamburg zu Babykursleiterinnen ausbilden ließen, sehen das anders. "Beim Schreien werden Stresshormone ausgeschüttet, die viel eher Angststörungen auslösen können, als zu viel Nähe und Bindung", sagt Leona Weigelt aus Dresden. "Bindung ist lebenswichtig, sie entsteht gerade im ersten Lebensjahr über Körperkontakt und Kommunikation. Man kann dem Baby gar nicht nah genug sein." Doch sie wollen nicht nur agitieren, die Eltern sollen ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen. Die Freie Presse hat deshalb Eltern aufgerufen, sich für eine Teilnahme an dem Test zu bewerben. Acht Elternpaare wurden ausgewählt. Sie lassen sich 20 Tage lang bei der Erziehung begleiten. Die Babykursleiterinnen stehen sie ihnen als Coaches zur Verfügung.

Bei Lydia Nickoleit (38) und Andreas Kühn (47) aus Dresden sind die Erwartungen groß. Als Patchworkfamilie hat jeder eigene Kinder mitgebracht. Insgesamt sind es fünf. Der acht Monate alte Julian ist ihr "Bindungskind", wie sie sagen. Und deshalb wollen sie ihn auch bindungsorientiert aufwachsen lassen. Bei ihren Großen (6,10,11 und 12 Jahre) sei die Methode noch nicht bekannt gewesen. "Wir sind sehr gespannt, wie wir das hinkriegen." Stefanie Schäfer (27) und André Parron (32) aus Dresden wollen wissen, ob sich die ohnehin schon innige Bindung zu ihrem Sohn Timo durch die noch größere Nähe noch verstärkt.

Damit alle Familien gleiche Voraussetzungen haben, bekommen sie Beistellbett, Flaschenüberzug, Tragehilfen und ein Tagebuch für das persönliche Feedback.


Die Regeln - Die Serie

Regel 1: Auf jedes Weinen des Babys wird sofort reagiert, denn Babys weinen nie grundlos

Regel 2: Das Baby wird am Körper getragen, nicht im Wagen geschoben

Regel 3: Das Baby schläft bei seinen Eltern und wird in den Schlaf begleitet

Regel 4: Stillen und Füttern erfolgen nach Babys Bedarf, nicht nach Plan

Auswertung: Lesen Sie am 26. Oktober, welche Erfahrungen die Eltern mit den Regeln gemacht haben.


Regel 1:  Bloß nicht schreien lassen

Auf jedes Weinen des Babys wird reagiert - Kein Kind schreit grundlos

Du verwöhnst dein Kind! "Das hören viele Eltern von ihren Angehörigen, wenn sie ihr Baby beim ersten Schrei hochnehmen", sagt Kursleiterin Christin Arndt und erntet übereinstimmendes Kopfnicken.

Dana (30) und René Keipert (32) sind auch deswegen hier. Sie wollen durch den Kurs vor allem Kontakt zu Eltern finden, die ihre Kinder auch nach den Prinzipien von Attachment Parenting erziehen. "Wir müssen uns vor Angehörigen und Freunden ständig rechtfertigen, wenn wir jedem Weinen von Oliver nachgeben", sagt Dana Keipert. Sie suche Argumente, damit sie ihr Verhalten begründen kann. Oliver ist fünf Monate alt.

Es gibt viele Untersuchungen darüber, was im Körper des Kindes passiert, wenn man es schreien lässt: Das Gehirn schüttet Adrenalin und Cortisol aus und überflutet den Körper damit. Diese Hormone können in größeren Mengen giftig wirken und bestimmte Regionen im Gehirn dauerhaft schädigen. Christin Arndt: "Ein Baby kann sich schwer bis gar nicht selbst beruhigen, es ist dafür auf Erwachsene angewiesen." Wird das Kind nicht beruhigt und bleibt der Cortisolspiegel oft und lange erhöht, kann dies vielfältige und vor allem dauerhafte Auswirkungen haben, belegen Wissenschaftler. Beispielsweise wird das Wachstum des Hippocampus stark eingeschränkt. Dieser Teil des Gehirns ist für die Angstregulation verantwortlich. Erfahrungen und Gefühle im Babyalter speichern sich im Gehirn ab. Angst, Frustration und Enttäuschung sind tief verankert und haben ihre Wurzeln in der frühen Kindheit, so die Forscher. Zusätzlich wird das Immunsystem geschwächt, Wachstum und Lernfähigkeit können beeinträchtigt sein. Verzweifeltes Schreien aktiviert außerdem die Schmerzrezeptoren im Gehirn - das Kind empfindet tatsächlich körperlichen Schmerz.

Die frühere Weisheit, dass Schreien die Lungen der Babys kräftigt, sei zwar glücklicherweise überholt, sagt Christin Arndt, doch immer noch gebe es Wissenschaftler und Ärzte, die es als förderlich bezeichnen, wenn ein Baby hin und wieder einmal schreit. Damit könne es seine Grenzen ausloten und lernen, dass die Eltern nicht sofort springen, wenn das Kind dies wünscht, meinen sie. "Doch das Gegenteil ist der Fall. Unter Angst lernen Menschen schlecht bis gar nicht", sagt Christin Arndt in ihrem Vortrag.

Das Schreien von Babys habe eine starke Signalwirkung. Das sei nicht zufällig schon seit Urzeiten so, es sei ein Reflex. Wer das nachprüfen will, beobachtet am besten einmal seine Umgebung, wenn irgendwo ein Kind schreit. Hört das Schreien nicht innerhalb kürzester Zeit auf, beginnen fast alle, die Köpfe zu recken, das Baby zu suchen, zu schauen, ob es versorgt wird oder ob man eingreifen muss. "Das ist ein tief im Menschen verwurzelter Instinkt, mit dem die Natur das Überleben der Spezies absichert", so Arndt.

"Dieses Verhalten, das völlig unbewusst in uns abläuft, muss man nicht hinterfragen", sagt sie. Die Kursleiterin ist sogar der Meinung, dass es des Schreiens überhaupt nicht braucht, um eine Notlage bei seinem Kind zu erkennen: " Schreien bedeutet für das Baby einen unglaublichen Kraftaufwand. Daher versucht es zunächst, durch vielfältige andere Signale darauf aufmerksam zu machen, dass es ein Bedürfnis hat. Bei Hunger wird es schmatzen, das Fäustchen in den Mund stecken und den Kopf suchend bewegen. Ist es müde, reibt es die Ohren oder gähnt", sagt sie.

Im Schnitt kündigt das Baby seine Bedürfnisse erst einmal 31 Minuten lang mit zunehmender Intensität an, haben Wissenschaftler bereits 1984 herausgefunden. Werden all diese Signale missachtet, muss der Forderung nach Erfüllung des Bedürfnisses Nachdruck verliehen werden. Es wird in der Regel sofort in beeindruckender Lautstärke geschrien. Ein Baby schreit nie ohne Grund. "Daher wird es auch nicht eher damit aufhören, bis entweder das Bedürfnis befriedigt wird oder es vollkommen erschöpft ist", so die Babykursleiterin.


Regel 2: Ganz viel Körperkontakt

Das Baby soll ausschließlich getragen und nicht im Wagen geschoben werden

"Der Mensch ist ein Tragling", sagt Sandra Raddatz. Als Physiotherapeutin und Trageberaterin kann sie das beurteilen. Ganz besonders wichtig sei das körpernahe Tragen in den ersten drei Monaten. Denn diese Zeit brauche das Kind, um in der Welt anzukommen, sagt sie. "Die sogenannten Drei-Monats-Koliken sind bei Babys, die getragen werden, deutlich seltener als bei Babys, die ausgestreckt auf dem Rücken liegen", so die Physiotherapeutin in ihrem Vortrag. Die aufrechte Haltung im Tuch sei zudem gut für die kindlichen Bandscheiben, denn das Baby wippt automatisch bei jedem Schritt der Mutter mit. Liegend im Wagen gehe das nicht, sagt sie.

Neugeborene hätten natürlicherweise einen gerundeten Rücken. "Viele meinen, dass das Tragen der kindlichen Wirbelsäule schadet. Doch das ist nicht so. Ihr braucht nur einmal euer Baby hochzuheben. Dabei nimmt es von ganz allein diese gebeugte Haltung mit angehockten Beinchen ein. Ihr tut euren Kindern Gutes damit", ermuntert Sandra Raddatz die Eltern.

Tragen kommt nicht nur der Körperhaltung des Babys entgegen, es beruhigt das Kind. "Gerade im Straßenverkehr ist es oft laut: Autohupen, Martinshorn - das alles ist dem Baby fremd und ängstigt es. Wenn es aber spürt, dass der Puls beim Tragenden ruhig bleibt, es sanft angesprochen wird, lernt es, dass diese Geräusche keine Bedrohung sind", sagt Sandra Raddatz. Beruhigend auf das Kind wirke es auch, dass es im Tragetuch seine Mutter oder seinen Vater sehen kann. Da Babys in den ersten Wochen nur bis zu 30 Zentimeter weit sehen können, sei die Entfernung vom Kinderwagen zum Gesicht der Mutter zu groß.

Doch wie lange kann man sein Kind am Körper tragen, es wird doch schwerer? Geht das nicht auf den Rücken?, wollten Eltern wissen. Wenn Mutter oder Vater auf eine gerade, aufrechte Haltung beim Tragen achten und Tuch oder Tragehilfe richtig binden, sei das keine Gefahr, sagt die Physiotherapeutin.

Die Babykursleiterin will aber vor allem Väter motivieren, ihre Kinder am Körper zu tragen. "Tragen ist wie Stillen für die Väter", sagt sie. Daniel Becker (30) aus Dresden freut sich darauf. Mit seiner Frau Aga (28) und der kleinen Matilda (6 Monate) kam er vor drei Monaten aus Rheinland-Pfalz nach Sachsen. Matilda war eine Hausgeburt. "Wir waren von der ersten Sekunde an zu dritt und hatten in den ersten drei Monaten, wo ich auch mit zu Hause war, einen ganz innigen Kontakt. Seit ich wieder arbeite ist das leider weniger geworden. Das hoffe ich durch das Tragen wiederzubekommen", sagt er.


Regel 3: Alle in einem Bett

Schläft dein Kind schon durch? Das ist meist die erste Frage, die jungen Eltern gestellt wird. "Dabei ist es gar nicht normal, dass Babys die ganze Nacht durchschlafen", sagt Leona Weigelt, Babykursleiterin von "Einfach Eltern" in Dresden. Sie hat sich intensiv mit der Schlafforschung beschäftigt.

"Babys wachen alle 50 bis 70 Minuten auf. Aber auch wir Erwachsenen sind alle 90 bis 120 Minuten wach, erinnern uns nur am nächsten Morgen nicht mehr daran, weil wir einfach weiterschlafen", sagt sie. Erwachsene würden schnell in eine Tiefschlafphase fallen. Das Baby durchlebe bis zum Alter von neun Monaten zuerst eine REM-Phase, in der es sehr leicht erwacht. Diese Phase sei sehr wichtig, damit es die Eindrücke des Tages verarbeiten kann, sagt Leona Weigelt.

"Dazu gehört auch ein großes Sicherheitsbedürfnis. Das Baby kontrolliert durch Rufe oder Tasten nach den Eltern, ob noch alles in Ordnung ist." Liege es allein in einem Bett oder gar in einem anderen Zimmer, fehle diese Rückversicherung. Das Kind könne sich nicht alleine wieder beruhigen. Erst ab etwa dem zehnten Lebensmonat habe es gelernt, dass die Eltern eigenständige Personen sind. Vorher seien aus Kindersicht Mutter und Kind eins.

Und wie reagieren Eltern auf Babys Laute in der Nacht? "Ruhiges Zureden, Körperkontakt oder kurzes Stillen reichen", sagt sie. "Dazu muss man nicht mal aufstehen, das geht alles vom Bett aus." Stillen sei deshalb so wichtig, weil die Muttermilch tags und nachts anders zusammengesetzt ist. Abends und nachts enthalte sie einschlaffördernde Hormone. Bei Flaschenkindern ist das nicht ganz so komfortabel, denn das Fläschchen muss immer frisch zubereitet werden.

Daniela und Michael Grüner aus Radeberg nehmen ihre fünf Monate alte Helena mit ins große Bett. "Helena kommt nachts jede Stunde. Wenn ich da aufstehen müsste, wäre das noch stressiger. So lässt sich das eher verkraften", sagt Daniela Grüner. Stefanie Kunze und Dirk Richter aus Dresden haben sich für ein Beistellbett entschieden. "Da ist für uns mehr Platz", sagen die beiden. Allerdings sei ihr vier Monate alter Fabian in der zweiten Nachthälfte unruhiger. "Dann nehmen wir ihn doch noch mit zu uns ins Bett."

Casey Jay, der sechs Monate alte Sohn von Isabelle und Michael Beyer, habe von Anfang an im eigenen Bettchen im Zimmer der Eltern geschlafen. "Er schläft gut ein. Wenn er jammert, nehme ich ihn heraus", sagt Isabelle Beyer: "Wir nehmen den Kleinen nicht mit ins Bett. Unser Großer würde mit seinen vier Jahren nicht verstehen, warum der Kleine eine Sonderbehandlung bekommt", sagt sie. Eva Zessin aus Ottendorf-Okrilla nickt schmunzelnd: "Unser Großer klettert auch oft über die Bettbrüstung, wenn er Tom-Noah bei uns liegen sieht."

Im gemeinsamen Bett sollten Eltern aus Sicherheitsgründen darauf achten, dass das Kind nicht auf Kissen liegt, so Leona Weigelt. Auch Plüschtiere und Schaf-Felle hätten dort nichts zu suchen. Eine Decke braucht das Baby nicht. Der Schlafsack sei am sichersten.

 

Das Bett am Bett

Beistellbetten sind eine komfortable und sichere Möglichkeit, das Bett fürs Baby zu erweitern. Es wird fest mit dem Elternbett verbunden und kann in der Höhe variabel angepasst werden, sodass das Kind mit den Eltern auf einer Ebene schläft. Das ist auch der Tipp der Babykursleiterinnen für Eltern, die sich ein Beistellbett kaufen wollen. Sie sollten unbedingt auf die flexible Höhenverstellbarkeit achten. Manche Fabrikate haben zwar Bohrungen in verschiedenen Höhen. Sie passen aber dennoch nicht immer genau. Erhältlich sind die Beistellbetten in verschiedenen Längen, sodass, Herstellerangaben zufolge, die Kinder bis zum dritten Lebensjahr darin schlafen können.

Aga Becker (Foto), eine unserer Testmütter aus Dresden, ist froh, das Bettchen zu haben: "Matilda bekommt Zähne und ist sehr unruhig. Letzte Nacht habe ich sie mehrmals gestillt. Das ist viel bequemer, wenn ich dazu nicht aufstehen muss.

 

Eigenes Bett - ab wann?

Das gemeinsame Schlafen im Elternbett ist laut Katja Schill nicht auf ein Kind beschränkt. Stephanie Wesely sprach mit der Babykursleiterin. 

Frau Schill, die ganze Familie in einem Bett. Kann das gut gehen?

Ja, natürlich. Und wenn ein weiteres Kind dazukommt, wird halt erweitert. Viele Eltern bauen sich sogar extragroße Betten dafür. Aber wichtig ist, dass das Zusammenschlafen von beiden Partnern toleriert wird.

Wie lange kann ein Kind mit bei den Eltern schlafen?

So lange, wie es für alle okay ist. Oft machen die Kinder den Anfang und wollen in ein eigenes Bett. Vielleicht weil sie es bei Freunden gesehen haben. Wenn nicht, und den Eltern wird es langsam zu eng, kann man die Kinder Schritt für Schritt ans eigene Bett gewöhnen. Sie sollten aber immer die Sicherheit haben, jederzeit wieder zu den Eltern kommen zu dürfen, wenn sie ihre Nähe brauchen. Erwachen die Kleinen morgens im eigenen Bett, wird mit Lob natürlich nicht gespart.

Ärzte warnen oft davor, Kinder mit ins Bett zu nehmen. Das Risiko für den plötzlichen Kindstod soll höher sein als im eigenen Bett?

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen eher das Gegenteil. Durch das gleichmäßige Atmen der Eltern wurden Babys sogar aus nächtlichen Atemaussetzern herausgeholt. Denn der Schlafzyklus von Mutter und Kind passen sich an. Zur Vorbeugung des plötzlichen Kindstods ist es besser, wenn Kinder im ersten Jahr nicht unnötig in den Tiefschlaf fallen.

Warum sollen Kinder nachts gestillt werden? Ist es nicht besser, ihnen das abzugewöhnen?

Stillen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme. Es ist Nähe und Geborgenheit, es gibt Sicherheit. Ein voll gestilltes Baby braucht nachts noch Nahrung. Denn das Gehirn entwickelt sich vorzugsweise in den Nachtstunden. Dazu braucht der Körper Energie. Eine Muttermilchmahlzeit vorm Schlafen reicht da oft nicht aus.

 


Regel 4: Füttern ohne Waage und Uhr

Das Baby wird nicht nach Plan gestillt oder gefüttert, sondern bekommt Milch, wann immer es danach verlangt.

"Vier bis fünf Jahre werden im weltweiten Durchschnitt die Kinder gestillt. Davon haben die Milchzähne auch ihren Namen" , sagt Dorothea Dumke. In Deutschland und den westlichen Industriestaaten liege die Stilldauer im Schnitt bei sechs Monaten. "Und selbst das wird von vielen schon als lange empfunden", so die Kursleiterin, die sich auf Babyernährung spezialisiert hat.

Nur maximal zwei Prozent der Frauen können aus anatomischen oder anderen Gründen nicht stillen. Bei der Mehrheit liege es am Stress oder am schlechten Stillmanagement in Kliniken, das dem Baby diese wertvolle Nahrung nicht zur Verfügung steht. "Es gibt viel weniger Stillberaterinnen auf den Stationen als nötig sind", sagt Dorothea Dumke. Deshalb empfiehlt sie Frauen nach dem Klinikaufenthalt eine Stillberatung. "Auch Hebammen können hier gut helfen", sagt sie.

Die Muttermilch sei ein ganz besonderer Saft, denn sie enthalte alles, was das Baby in den ersten Monaten und sogar im ersten Lebensjahr braucht. Dumke: "Sie ist wie ein flüssiges Immunsystem, da die Milch den noch unreifen Darm von innen mit einer Schutzhülle auskleidet. Außerdem ist sie Medizin: Ist das Baby krank, steckt sich die Mutter unweigerlich an. Das heißt aber nicht, dass sie auch krank wird. Nein. Es werden Antikörper gebildet und diese gehen in die Muttermilch über. Und davon profitiert das Baby."

Bei der bedürfnisorientierten Erziehung des Kindes wird beim Stillen nicht auf die Uhr geschaut. "Lasst alle Zahlen weg und achtet nur auf euer Kind", rät die Babykursleiterin. Es braucht auch keine Waage, um festzustellen, wie viel das Baby getrunken hat. Dumke: "Es ist nicht schlimm, wenn euer Kind immer nur mal eine Minute nuckelt, schließlich möchte das Saugbedürfnis auch gestillt werden." Das Saugen sei wichtig für die Entwicklung der Gesichtsmuskulatur und somit für die Sprachentwicklung.

Isabelle Beyer aus Pirna stillt ihren Sohn Casey Jay nicht mehr. "Wir sind auf Flaschennahrung umgestiegen, weil ich den Eindruck hatte, dass er nicht mehr richtig satt wird. Er hat immer gejammert. Seitdem ist das besser, er wirkt zufriedener", begründet die 25-Jährige. "Du musst kein schlechtes Gewissen haben", sagt Kursleiterin Dumke zu ihr. "Warum auch immer das Baby die Flasche statt der Brust bekommt, es ist okay. Eine gute Mutter wird man nicht durchs Stillen, sondern dadurch, dass man feinfühlig auf die Bedürfnisse seines Kindes reagiert."

Bei der Flaschennahrung solle man nicht auf Marketingkonzepte der Hersteller hereinfallen. "Ihr könnt das ganze erste Lebensjahr Pre- oder Einser Milch geben", so Dumke. "Milch, die für ältere Säuglinge konzipiert wurde, enthält oft zu viel Zucker. Das ist schädlich."

Auch Flaschenkinder sollten nicht nach Uhr oder Waage gefüttert werden. "Deshalb empfehlen wir den Flaschenüberzug. Da sieht man nicht, wie viel das Kind getrunken hat", sagt sie.

Wenn das Kind die Hand zum Mund führen kann, es frei mit wenig Unterstützung sitzt und Interesse an der Nahrungsaufnahme zeigt, ist Zeit für die Beikost. Diese sollte immer von Muttermilch oder Pre-Milch umspült sein, das erleichtere die Verdauung. "Doch Beikost heißt nicht Brei. Fingerfood ist eine gute Alternative, denn das Baby lernt das Essen mit allen Sinnen kennen. Das ist am Anfang ein großes Gematsche. Denn zunächst wird das Kind mit dem Essen spielen. Wir haben einen Duschvorhang unter das Stühlchen gelegt", rät Dorothea Dumke. "Das Baby bestimmt das Tempo. Es soll mit am Familientisch sein, muss nicht extra gefüttert werden. Es kann kosten, wovon es mag. Voraussetzung ist, dass das Essen nicht zu scharf oder zu süß ist", rät sie. Ideal seien Sticks aus gedünstetem Gemüse.

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4Kommentare
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  • 5
    1
    BertaH
    12.10.2015

    Ich habe 3 von den netten kleinen Exemplaren, darunter Zwillinge. Bis auf die Schlafregel hab ich alles eigentlich so gemacht. Füttern nach Bedarf, mehr getragen im Tragetuch, viel Körperkontakt, Schreien hab ich sie selten lange gelassen, es sei denn ich musste mal durchatmen um wieder ruhig zu den kleinen zurück gehen zu können. Im Bett schlafen wollte ich nicht, aus Bedenken bezüglich des plötzlichen Kindstot und weil ich bei 3 Kindern im Bett kein Platz mehr gehabt hätte. Ich kann grundsätzlich die Methode unterstützen, würde aber allen Eltern empfehlen es für ihr LEBEN und ihre Situation anzupassen. Das Bauchgefühl sollte ebenso wichtig sein. Und bitte legt die Kinderratgeber bei Seite und hört auch nicht so sehr auf andere. Folgt eurem Urinstinkt. Meine Kinder sind wild .... sehr verschieden aber keine Terrorkids die alles erfüllt bekommen. Sie müssen mit einem NEIN klarkommen. Manchmal besser, manchmal schlechter. ABer das hab ich angefangen als so etwas älter als 1 Jahr waren. Bis zu einem Jahr bin ich der Überzeugung, dass Kinder nicht aus ABSICHT schreien, um zu ihren Willen durchzusetzen. Danach lernen sie erste Verhaltensweisen von den Eltern einzuschätzen und genau da muss man aufpassen und Regeln einführen. Rituale sozusagen. Wobei da auch jedes Kind anders ist. Es gibt nix pauschales, jeder kleine Mensch hat andere Prioritäten in seinen Bedürfnissen. Die Kunst ist es, sie herauszufinden. WICHTIG .... ruhige ausgeglichene MÜTTER/VÄTER haben meist das beste Bauchgefühl. Das ist leider in unserer Leistungsgesellschaft oft auf der Strecke geblieben.

  • 8
    0
    Pixelghost
    12.10.2015

    Experimente - oder Projekte - wurden es doch schon, als die Kleinen geplant wurden.
    Einfach normal erziehen, mit Herz, Verstand und Bauchgefühl. Das haben Millionen von Eltern geschafft und deren Kinder stellen sich den Anforderungen von Familie und Beruf und stehen ihre Frau bzw. ihren Mann.

    Hoffentlich lernen diese kleinen, besonderen Menschen irgendwann mal, dass es noch Millionen anderer Menschen auf der Welt gibt und sie eigentlich nichts besonderes sind. Denn wenn nicht, werden sie Probleme bekommen.

  • 5
    1
    DirkEller
    12.10.2015

    @nell73: stimme ich voll zu. Ich finde aus eigener Erfahrung, daß das Wichtigste in der Kindererziehung ist, den eigenen Verstand einzusetzen. Wenn man so eine wie im Artikel beschrieben Methode nicht einsetzt, nimmt man doch trotzdem sein Kind oft hoch, wenn es schreit, und hat viel Nähe. Bringt seinem Kind aber nicht bei, seine Eltern zu tyrannisieren. Also: nicht neumodische fremdgesteuerte "Schwarz-Weiß-Malerei", sondern mit eigenem Verstand die vielen "Grau-Töne" dazwischen sinnvoll nutzen

  • 7
    4
    nell73
    12.10.2015

    Finde ich als den selben Schwachsinn wie antiautoritäre Erziehung wo sich Eltern den Mund fusselig reden und das Kind macht was es will!



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