30 Personen greifen Kundgebungs-Teilnehmer an

Der Fall liegt bereits eine Weile zurück, ist aber erst jetzt bekannt geworden. Die Polizei geht von einem politischen Hintergrund aus - und sieht sich Kritik ausgesetzt.

An diesen Tag denken Dominik Heins und Yvonne Schröder* ungern zurück. Am 1. September nahmen die beiden Chemnitzer an der Kundgebung "Herz statt Hetze" auf dem Parkplatz an der Johanniskirche teil. Zu der Veranstaltung hatte ein Bündnis zivilgesellschaftlicher Akteure, demokratischer Parteien, Vereine, Unternehmen und Gewerkschaften aufgerufen. Es war eine Reaktion auf die zum Teil von Ausschreitungen begleiteten Proteste rechter Gruppen nach dem gewaltsamen Tod eines Deutsch-Kubaners am Rande des Stadtfestes. Parallel hatten die AfD und Pro Chemnitz zu Kundgebungen an anderen Orten im Zentrum geladen, die später zusammengeführt wurden.

Die beiden Chemnitzer Heins und Schröder blieben bis zum Schluss auf der "Herz statt Hetze"- Veranstaltung und machten sich dann auf den Heimweg, der sie entlang der Moritzstraße in Richtung Falkeplatz führte. Gegen 19.45 Uhr trafen sie an der Kreuzung Annaberger Straße auf eine Gruppe dunkel gekleideter junger Leute. Aus der heraus seien sie angegriffen worden, berichtet Heins: "Drei oder vier Männer rannten auf mich zu und begannen, mich zu schlagen." Er sei mehrmals im Gesicht getroffen worden. Schröder ergänzt, einer der Angreifer habe ihr mit Schlägen gedroht. Die Männer hätten "Adolf Hitler Hooligans" gerufen. Sie habe zudem einen jungen Mann gesehen, der offenbar ebenfalls attackiert worden sei und stark blutend an einer Laterne saß. Heins rannte zur Reitbahnstraße, wo er eine Polizeistreife antraf. Die Beamten hätten ihn zum Ort des Überfalls begleitet, so der 23-Jährige. Die Täter seien aber bereits verschwunden gewesen. Er sei mit den Polizisten aufs Revier gefahren und habe Anzeige erstattet.

Der Fall wurde erst bekannt, nachdem sich die beiden Geschädigten an die "Freie Presse" wandten. Die Polizei bilanzierte am Abend des 1. September 25 Straftaten im Zusammenhang mit den Kundgebungen, darunter Körperverletzungen und das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Den von Heins und Schröder beschriebenen Überfall erwähnten die Beamten nicht. Auf Anfrage von "Freie Presse" teilt die Pressestelle erst mit, man habe Kenntnis von einer Auseinandersetzung gehabt, vor Ort sei aber niemand angetroffen und somit auch keine Anzeige erstattet worden. Auf nochmalige Anfrage und Nennung der Anzeigennummer entschuldigt sich die Pressestelle und verweist auf eine Verwechslung. Es habe mehrere Angriffe an diesem Tag gegeben.

Zu dem von Heins und Schröder beschriebenen Fall ermittele die Staatsschutz-Abteilung der Kriminalpolizei wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung, teilt Polizeisprecher Andrzej Rydzik nun mit. Bekannt sei, dass etwa 30 Personen insgesamt zehn Frauen und Männer attackiert haben. Die Angreifer seien vermutlich dem rechten Spektrum zuzuordnen, die Opfer dem linken, sagt Rydzik. Ein 20-Jähriger sei leicht verletzt worden. Ein politischer Hintergrund liege nahe, heißt es weiter, und: "Es ist nicht auszuschließen, dass es sich bei den Angreifern um Versammlungsteilnehmer handelte."

Schröder berichtet zudem, dass ihr die Polizisten vor Ort von einer Anzeige abgeraten hätten. Zum einen seien die gegen sie ausgesprochenen Drohungen nicht ausreichend, habe man ihr gesagt. Zum anderen hätten die Beamten darauf verwiesen, dass bei einer Gerichtsverhandlung die mutmaßlichen Täter ihren Namen und persönliche Daten erfahren könnten. Aus ihrer Sicht haben die Beamten keinen Willen gezeigt, die Opfer zu schützen. Ob die Worte so gefallen sind, lasse sich nicht mehr nachvollziehen, sagt Polizeisprecher Rydzik. Es sei aber nicht üblich, dass Polizisten von Anzeigen abraten. "Wir haben ein großes Interesse an Strafverfolgung und das ist einfacher, wenn Anzeige erstattet wurde."

*Namen von der Redaktion geändert.

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 10 Bewertungen
6Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 0
    1
    Interessierte
    14.10.2018

    Die Angreifer seien vermutlich dem rechten Spektrum zuzuordnen, die Opfer dem linken ...

    ( ich bin weder rechts noch links noch rot oder grün oder blau oder braun , aber wenn ich da auch mal hingehe und gucken will , werde ich wohl auch entsprechend eingeordnet ...

  • 5
    3
    BlackSheep
    12.10.2018

    @Hankman, wer sich einseitig informiert kommt halt zu einseitigen Urteilen.
    https://www.welt.de/regionales/berlin/article181547882/100-Linke-an-AfD-Stand-in-Potsdam-aufgetaucht.html

  • 8
    9
    Hankman
    12.10.2018

    Die rechten Relativierer behaupten immer, die Teilnehmer der rechten Demos seien stets lieb und brav und könnten kein Wässerchen trüben und nur die Gegendemonstranten verkörperten das absolut Böse - weshalb man all die Polizisten brauche. Dieser Fall zeigt einmal mehr, wie absurd diese Propaganda-Lügen sind. Ich würde hier der Polizei nicht vordergründig einen Vorwurf machen. Immerhin ermittelt ja der Staatsschutz. Und es wäre gut, wenn die Täter ermittelt und einer gerechten Bestrafung zugeführt würden.

  • 7
    9
    remarcel
    11.10.2018

    Ganz bestimmt nicht. Jahrzehntelang wurde der NSU toleriert und über Steuergeld und die V-Leute-Praxis sogar staatlich mitfinaniert. Über die lasche Strafverfolgung von Sturm 36 und Revolution Chemnitz wurde umfassend berichtet.

  • 16
    9
    1523313
    11.10.2018

    Lieber "remarcel", schämen können, ja sollten Sie sich! Und zwar für Ihre pauschalen und ungeprüften Behauptungen, die Polizei schütze Täter und nehme Opfer als lästig war. Zu dieser Schlussfolgerung einzig nach der Lektüre des Artikels zu kommen, zeugt von Voreingenommenheit, oder?

  • 21
    18
    remarcel
    11.10.2018

    Ich schäme mich nur noch für die Chemnitzer Polizei. Täter werden geschützt und Opfer als lästig wahrgenommen. Statt schonungsloser Aufklärungs- und einer transparenten Öffentlichkeitsarbeit werden Informationen zurückgehalten und Straftaten mit Lagerkämpfen zwischen links und rechts bagatellisiert.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...