Alternatives Wohnprojekt - Stadt verkauft die Zukunft

Das markante Gebäude an der Leipziger Straße gehört jetzt seinen Bewohnern. Sie können sich dort kreativ entfalten. Sorgen haben sie trotzdem.

Es geht ihnen nicht nur darum, ein Dach über dem Kopf zu haben. Eine Wohnung, in einem picobello hergerichteten Haus, wo jeder Seins macht, ist eher nicht ihr Ding. Den Bewohnern des Wohn- und Kulturprojekts Kompott an der Leipziger Straße, Ecke Matthesstraße geht es darum, Freiräume, Platz für Kreativität zu haben und Teil einer Gemeinschaft zu sein.

So beschreibt es zum Beispiel die 32-jährige Rebecca. Ihre Wohnung könne sie nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten, Probleme würden im Plenum angesprochen, sie sei nicht mehr von Vermieter oder Hausverwaltung abhängig. Außerdem sei die Physiotherapeutin umgeben von Freunden, das Lesecafé Odradek und der Club Zukunft sind im Haus, im Stadtteilgarten Kompost gegenüber an der Matthesstraße könne sie sich entfalten.


Vor sechs Jahren siedelte sich das Kompott an der Leipziger Straße an. Einige der Gründer wohnten vorher in einem Haus an der Reitbahnstraße, das aber geräumt wurde. In den Verhandlungen habe man einen neuen Ort gefordert, so Rebecca. Schließlich konnte mit dem städtischen Wohnungsunternehmen GGG ein Nutzungsvertrag für die Leipziger Straße 3 bis 5 sowie die Matthesstraße 23/25 geschlossen werden. Im Volksmund ist der Häuserblock zwischen Limbacher Straße und Matthesstraße als "Zukunft" bekannt, weil am Eckhaus Leipziger Straße 1 eine beleuchtete Werbetafel, eine Arbeit des Künstlers Steffen Volmer, mit dem Schriftzug hängt.

Jetzt haben die Mitglieder des Vereins, der hinter dem Kompott steckt, eine GmbH gegründet und das Gebäude gekauft. "Es geht darum, das Objekt dauerhaft zu sichern und die Kontrolle zu haben", sagt der 30-jährige Benjamin, der seit vier Jahren an der Leipziger Straße wohnt. Das Projekt strebe an, Teil des Mietshäuser-Syndikats zu werden, einem Verbund von deutschlandweit 112 selbst organisierten Hausprojekten. Die Grundidee dahinter sei, bezahlbaren Wohnraum für alle zu haben, erklärt Benjamin, und die Häuser aus den Händen der Großen in die Hände der Gemeinschaft zu legen. Der Preis für das Gebäude sei fair und unter dem üblichen Marktniveau gewesen, sagt er. GGG-Sprecher Erik Escher bestätigt den Verkauf. Es gehe darum, eine langfristige Nutzung durch den Verein sicherzustellen. Auch das Eckhaus Leipziger Straße 1, an dem das Zukunftsschild hängt, soll verkauft werden. Es würden Gespräche mit einem privaten Investor geführt, so Escher. Die Kompott-Bewohner haben den Interessenten schon einmal kennengelernt.

Momentan wohnen 25 Personen im Kompott, hinzu kommen sechs Atelier-Mieter. Jeder Bewohner ist teilhabeberechtigt an der Verwaltung. Die Wohnungen verfügen über Grundausstattung wie Wasser- und Stromanschluss sowie Heizung. Über das meiste andere kann jeder selbst bestimmen. Durch den Kauf lohne es sich endlich, dauerhaft Energie in das Projekt zu stecken, sagt Rebecca. "Die größte Baustelle ist das Dach", sagt die 28-jährige Meike mit einem kritischen Blick nach oben. Wie die Dacherneuerung finanziert werden soll, darüber sei das letzte Wort noch nicht gesprochen. Aber natürlich würden dafür die Mieteinnahmen genutzt. Auch die Matthesstraße 21, die mit gekauft wurde, soll mit Strom- und Wasseranschlüssen ausgestattet werden.

Doch die Bewohner machen sich auch Sorgen. Darum wollen Benjamin, Rebecca und Meike ihren Nachnamen nicht nennen und nicht fotografiert werden. Denn immer wieder werde das Wohnprojekt, in dem es auch einen Umsonstladen gibt, der vor allem Spenden an Flüchtlinge verteilt, angefeindet. "Die Chemnitzer Neonazi-Szene hat uns auf dem Schirm", sagt Benjamin. Höhepunkt dürfte ein Vorfall im März 2015 gewesen sein, als bis zu 20 Personen, zum Teil vermummt und mit Zaunslatten bewaffnet, versuchten, sich Zugang zum Gebäude zu verschaffen. Die Kompott-Bewohner verorteten die Angreifer im rechtsextremen Spektrum, was die Polizei damals aber nicht bestätigte.

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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    1
    dwt
    06.10.2016

    Eure Phantasien braucht weder Berlin noch Chemnitz.
    Esst mal schön euer Schnittchen und bleibt mal aufm Teppich!

  • 4
    7
    ArndtBremen
    05.10.2016

    Besucher unserer Stadt, welche von der Autobahn in Richtung Zentrum fahren, erleben hautnah und als ersten Eindruck sofort die "Stadt der Moderne". Wie verzweifelt müssen die Obrigen sein, um unsere Stadt, die früher durchaus lebens- und liebeswert war lächerlich zu machen.

  • 6
    9
    fsaenge
    05.10.2016

    Was denkt sich die rot-rot-grün beherrschte Stadt nur dabei? Das Haus wird nun sehr lange ein Schandfleck und eine halbe Ruine bleiben. Und das mitten in zentraler Lage von Chemnitz. Während andere Städte, wie z.B. selbst das linke Berlin, derartige Häuser räumen lassen und diese ansehnlich gestalten, haben wir ein solches Antifa-Haus, auf dessen Dach sogar die Flagge dieser gewaltbereiten Terrorgruppe weht, am zentraler Stelle an einer der bedeutendsten Zufahrtsstraßen nach Chemnitz hinein. Und zum Preis des Verkaufs? Soweit mir bekannt ist, wurde eine entsprechende Ratsanfrage sinngemäß mit den Worten abgetan: "Der Preis war angemessen." Sicher, klar!

    Aber wen wundert das schon. Rot-rot-grün war schon immer ideologisch geprägt und klientelbewusst. Für linke Projekte, egal welcher Art, ist immer Geld da und wird auch alles, was möglich ist (oder für andere Interessengruppen unmöglich wäre) gemacht und ermöglicht. Und daher ist es gar nicht verwunderlich, dass der gewalttätige Trupp der Antifa einen derartigen zentralen Ausgangspunkt für seine "Aktionen" von der Stadt übereignet bekommt. So kann man weiterhin schön gegen alle das System kritisierende Bürger, die man gerne als Nazis beschimpft, vornehmlich mit Gewalt vorgehen und hat einen sicheren Rückzugsort.

    Sicher insgesamt ein "Gewinn" für die Stadt. Sowohl aus städtebaulicher Sicht als auch hinsichtlich der Sicherheit für den normalen Bürger.

    Danke hierfür, liebe rot-rot-grüne Stadtregierung.



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