Claußnitzer Oberschule will Unterricht kürzen

Künftig soll es weniger klassische Schulstunden geben.Dafür soll an Disziplin, Sozialkompetenz und Inklusion gearbeitet werden. Das wirft Fragen auf.

Claußnitz.

Sie grüßen nicht mehr, spielen im Unterricht mit dem Handy und verschmutzen die Klassenzimmer. Die Manieren der Schüler werden immer schlechter, sagen Lehrer. Um auf Probleme der Schüler sowie auf die zunehmende Disziplin- und Respektlosigkeit der Heranwachsenden zu reagieren, brauchen die Lehrer mehr Zeit. Das sagt die amtierende Leiterin der Claußnitzer Oberschule, Birgit Möbius-Krämer.

Im Unterricht oder im hastigen Pausengespräch gelinge das oft nur unzureichend, sagte Möbius-Krämer in der jüngsten Gemeinderatssitzung. Sie stellte dem Gremium ein Unterrichtsmodell vor, das die Schulleitung ab August umsetzen will. Zentraler Punkt ist die Verkürzung der Unterrichtszeit. Möbius-Krämer machte eine Rechnung auf: Wenn sie an der Schule fünf Minuten pro Stunde streicht, also die Schüler anstatt 45 dann 40 Minuten Unterricht in Form von Doppelstunden bekämen, wäre Zeit für zusätzliche Stunden mit dem Klassenleiter und für selbstständige Lernarbeit der Schüler gewonnen. Beides wird laut Schulleiterin dringend gebraucht. Das Projekt "80 Minuten" - so lange soll jede Doppelstunde dann dauern - sei der einzige Weg, um eine Lösung zu finden.


Helfen soll das neue Fach "Schüler-Lehrer-Zeit", in dem die Mädchen und Jungen soziales Verhalten sowie Lern- und Arbeitstechniken üben. Zudem soll ein "Trainingsraum" eingerichtet werden, in dem eine Lehrkraft sich mit Schülern befasst, die in Ausnahmefällen wegen massiver Störungen zeitweise vom Unterricht ausgeschlossen werden. "Rausschmeißen geht nicht, weil der Lehrer die Aufsichtspflicht hat", sagte sie. Pro Woche soll es zudem für jede Klasse zwei Stunden Lernzeit beim Klassenleiter geben. Er soll dadurch einen besseren Kontakt zu den Schülern bekommen. Die Mädchen und Jungen wählten den Lernstoff jeweils aus ihren aktuellen Aufgaben eigenverantwortlich aus.

Gemeinderäte fragten, ob Schüler, die gegen grundlegende Verhaltensregeln verstoßen, überhaupt reif genug für diese neuen Unterrichtsformen sind. Laut Möbius-Krämer kann sowohl intensiver auf sie eingewirkt wie auch auf Defizite eingegangen werden. Das Modell sei zugleich eine Antwort auf die wachsende Zahl von Kindern, die sich in psychologischer Behandlung befinden oder mit dem Ziel der Inklusion die Oberschule besuchen. "Wir brauchen die neu geschaffenen Stunden. Viele Schüler verbringen in der Schule mehr Zeit als mit der Familie. Wenn sie sich dort nicht angenommen fühlen, schafft das weitere Probleme", so Möbius-Krämer. Disziplinprobleme der Fünft- bis Siebtklässler resultierten häufig aus Situationen, in denen sie ohne Hilfe einer Bezugsperson keinen Ausweg sehen. Schwierig sei es bei älteren Schülern, die nachts zu wenig schliefen, deshalb morgens kaum dem Unterricht folgen könnten.

Bürgermeister Günter Hermsdorf (CDU) äußerte sich trotz dieser Argumente skeptisch. "Es wird dafür Fachunterricht abgebaut, sagte er. Hinzu kommt, dass Schüler in Sachsen ab August ohnehin in den Grundschulen weniger Musik-, Deutsch- und Sportunterricht haben. In den Oberschulen entfielen Stunden in Mathematik, Englisch, Biologie und Sport. "Die Schule wird durch unser Modell nicht schlechter", versicherte Möbius-Krämer. Sie sei im Gegenteil überzeugt, dass es ein Gewinn für alle wird. Mit Lehrern, Eltern- und Schülerrat habe sie bereits gesprochen. Die 23 festangestellten Kollegen und sieben Seiteneinsteiger der Einrichtung, an der rund 260 Schüler unterrichtet werden, unterstützten den Vorschlag. Auch der Elternrat sei einhellig für das Projekt. Bei einer Abstimmung der Schülersprecher habe es Ja- und Nein-Stimmen gegeben.

Verbindlich wird der neue Unterrichtsplan erst, wenn die Schulkonferenz in ihrer Sitzung im Juni zustimmt. In diesem Gremium ist neben Lehrern, Eltern und Schülern auch die Gemeinde vertreten. Sie hat als Schulträger bei Entscheidungen vier Stimmen. Per Gemeinderatsbeschluss erhielten die Vertreter den Auftrag, für das Projekt zu votieren. Der Beschluss wurde einstimmig gefasst. Möbius-Krämer sagte zu, bis zum Termin noch den veränderten Stundenplan und die Busfahrzeiten abzustimmen. Ihrem Wunsch, kurzfristig Platz für Freizeiträume im Schulhaus durch Umbau und Renovierung von Zimmern in der ehemaligen Hausmeisterwohnung zu schaffen, erteilten die Räte eine Absage. "Hauruck geht nicht", sagte Gemeinderat Michael Bergt (CDU). Eingriffe in die Bausubstanz müssten geplant und finanzierbar sein, so Hermsdorf.

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6Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 6
    3
    Blackadder
    03.06.2019

    @Hinterfragt und Tauchsieder: Das mit dem Respekt sollte auch in Richtung der Kinder gelten, die sich für ihre Zukunft einsetzen!

  • 3
    6
    Hinterfragt
    03.06.2019

    Ist doch alles kein Problem mehr, jetzt wo die "heilige" Greta die Schule für ein Jahr aussetzt, rennen die Schüler ihr sicherlich auch bei diesem Plan erst mal hinterher ...
    Sanierung/ Neubau von Schulen und Lehrermangel haben dann mehr Zeit zur Lösung.

  • 3
    13
    christophdoerffel
    02.06.2019

    Es wäre schön, wenn auch die Lehrer Respekt für die Schüler und Eltern üben würden.

    Ich finde es z.B. nicht sehr respektvoll, wenn sich Lehrer beim Elternabend über die Ordnung und Form der Schüler beschweren und noch nicht einmal eine vollständige und ordentliche Powerpoint Präsentation auf dem WhiteBoard hinzubekommen. Statt dessen werden drei lieblose Stichpunkte präsentiert und zwischen Word und Powerpoint hin und her geschaltet.

    Den Schülern gegenüber ist es auch nicht respektvoll, stolz darauf zu sein, dass man als Lehrer kein Smartphone hat und nichts darüber weiß. Das zeugt nur davon, dass man keine Lust hat sich mit einem wichtigen Teil ihrer Lebenswelt auseinander zu setzen.

  • 7
    9
    Tauchsieder
    02.06.2019

    Geht das überhaupt noch, wenn die schon Freitags das Weltklima retten ?

  • 6
    2
    HHCL
    02.06.2019

    80 Minuten halte ich auch für gut, da vor allem in jüngeren Klassen kein Kind 90 Minuten durch hält. 40 Minuten Einzelstunden verbreiten aber nur Hektik. Ich hoffe man schafft es konsequent Doppelstunden einzurichten.

  • 12
    1
    Micheles
    01.06.2019

    Sehr guter Plan! Ich drücke der Clausnitzer Oberschule die Daumen, dass ihr Projekt gelingt und dass es im Erfolgsfall (den ich mir gut vorstellen kann) von vielen anderen Schulen übernommen wird.



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