Denkmalschutz behindert Nutzung von Solarenergie

Nach langer Suche hatte die Stadt einen Investor für den maroden Esche-Stift gefunden. Doch der darf jetzt nicht so bauen, wie er das geplant hat.

Fußball-Interessierte in ganz Deutschland kennen die Ruinen direkt neben dem Stadion an der Gellertstraße aus dem Fernsehen. Ausgerechnet das ist jetzt nach Angaben des Eigentümers der Grund dafür, dass sich die Sanierung des ehemaligen Eugen-Esche-Stifts verzögert. Denn weil die Gebäude an der Forststraße unter Denkmalschutz stehen und oft Bilder davon bundesweit übertragen werden, dürfe das Dach nicht großflächig mit Sonnenkollektoren bestückt werden, sagt Ullrich Hintzen, Vorstand der Chemnitzer Baufirma Fasa.

Dabei habe das Unternehmen vor vier Jahren mit der Stadtverwaltung abgestimmt, einen Großteil der benötigten Heizenergie künftig aus Solarthermie zu gewinnen, so Hintzen. Das war 2015, als sich die Fasa bereit erklärte, die Ruinen zu kaufen und vor dem endgültigen Verfall zu bewahren. Zuvor hatte das Rathaus lange vergeblich nach einem Investor für die städtische Immobilie gesucht. "Es war Rettung in letzter Minute, die Häuser waren einsturzgefährdet", sagt Hintzen. Seitdem habe die Fasa etwa 600.000 Euro für die Sicherung der Gebäude aufgewandt.

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Doch das Landesamt für Denkmalpflege in Dresden und auch die Chemnitzer Denkmalschutzbehörde genehmigen nur ein etwa 2,5 Meter breites Band aus Sonnenkollektoren unterhalb des Dachfirstes in Richtung Süden, wo das Stadion steht. Damit verringere sich der mögliche Anteil der Sonne zur Warmwasserbereitung von 46 auf 35 Prozent, bestätigt das Landesamt auf Anfrage. Den elf Prozent mehr Deckung würde ein "erheblicher gestalterischer Schaden" gegenüberstehen, erklärt die Behörde. Die Stadtverwaltung bestreitet auf Anfrage, der Fasa zuvor größere Kollektoren zugesichert zu haben.

Das Unternehmen will sich mit der Verringerung der Kollektorfläche nicht abfinden und hat Widerspruch eingelegt. "Ein Denkmal mit Sonnenkollektoren auf dem Dach wäre doch Werbung für Chemnitz", findet Hintzen. Weil über den Widerspruch noch nicht entschieden wurde, ist die Baugenehmigung unvollständig und auf der Baustelle dürfen bislang nur vorbereitende Außenarbeiten erfolgen.

Reichlich 2,5 Millionen Euro will die Fasa in die Sanierung investieren. Geplant war, drei der insgesamt vier Gebäude bis Ende 2019 zu einer Kindertagesstätte mit 100 Plätzen auszubauen, die der Verein für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe (KJF) betreibt. Über die Nutzung des vierten Gebäudes beispielsweise als Ärztehaus werde noch diskutiert, so Hintzen. Eine Fertigstellung in diesem Jahr sei inzwischen unrealistisch, sagt der Vorstand verärgert. Jetzt hätten alle benötigten Bau- und Handwerksfirmen bereitgestanden. Ob das auch bei einem verspäteten Sanierungsbeginn noch so sein wird, sei ungewiss, sagt Hintzen. Er hoffe aber weiter auf einen Bauabschluss bis zum Sommer 2020.


Kommentar: Unfair

Wer die Baufirma Fasa kennt, der weiß, dass sie bei ihren Sanierungs- und Neubauvorhaben immer auf große Sonnenkollektoren und Wärmespeicher setzt, um Wohnungen und Büros möglichst ohne fossile Brennstoffe zu beheizen. Beispiele dafür gibt es mittlerweile nicht zu knapp unter anderem auf dem Schloßberg, dem Kaßberg und in Rabenstein. Das war selbstverständlich auch der Stadtverwaltung bekannt, als sie 2015 mangels anderer Bewerber das Chemnitzer Unternehmen um Hilfe bat, damit die für die Stadtgeschichte bedeutsamen Gebäude an der Forststraße nicht zusammenbrechen. Einem Solarpionier, der in die Bresche gesprungen ist, gerade bei so einem Vorzeigeobjekt die für ihn typische Bauweise zu verbieten, ist unfair. Sonnenkollektoren mögen nicht auf alte Schlösser passen - auf eine denkmalgeschützte Kindertagesstätte aber durchaus.


Strumpffabrikant war Stifter

Namensgeber der Eugen-Esche-Stiftung war der Strumpffabrikant Eugen Moritz Otto Esche (1845-1902), dessen Unternehmen an der Goethestraße einst als größte Fabrik dieser Art in Deutschland galt. In seinem Testament überließ Esche dem Rat der Stadt 300.000 Mark als Grundstock für eine Stiftung, die den Bau von Wohnungen für seine Arbeiter finanziert. Geplant waren acht Einzelhäuser mit 41 Wohnungen, von denen 1904/05 aber nur fünf errichtet wurden. Die Fassaden zierten Hilbersdorfer Porphyr, rote Ziegel und blau gestrichenes Fachwerk. Zu DDR-Zeiten war ein Altersheim darin untergebracht. Eines der Gebäude, das Haus Forststraße 22, wurde bereits vor einiger Zeit saniert. (jüw/mib)

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 2 Bewertungen
4Kommentare
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  • 9
    2
    fnor
    16.05.2019

    Es gibt ja auch Solardachziegel, die einer normalen Eindeckung sehr ähnlich sehen. Leider armt hier SolarCity, das von Tesla gekauft wurde, derzeit am besten das Aussehen von Dachziegeln nach. Warum leider? Weil man es nicht wirklich einfach selbst kaufen kann und auch noch recht teuer ist. Auch wenn "nur" Strom raus kommt, wäre es für viele alte Gebäude sicher eine gute Alternative. Es ist ja nicht nur der Denkmalschutz in Chemnitz, der solche Ansichten hat. Hier wäre die deutsche Solarindustrie gefragt ähnliche gute Lösungen anzubieten, um sich auch von den chinesischen Billiganbietern abzugrenzen und auf dem Markt behaupten zu können. Ggf. liest das hier ja ein Chemnitzer Hersteller für Solarmodule mit.

  • 21
    3
    KatharinaWeyandt
    16.05.2019

    Man stelle sich das vor: Da zeigt das Fernsehen Bilder von einem CFC-Spiel. Und der Zuschauer guckt nicht auf das Spielfeld oder auf die Tribüne, sondern auf ein saniertes Haus in der Nähe. Und entdeckt da SONNENKOLLEKTOREN. Und denkt ... ja was sollte jemand um Himmels willen dagegen haben?
    Ich weiß, dass der Chemnitzer Denkmalschutz bei vielen Haussanierungen gerade auf dme Sonnenberg geholfen hat, aber hier schießt sich jemand ins Abseits.

  • 18
    4
    franzudo2013
    16.05.2019

    Wo bleibt das Augenmaß? Wenn ein Unternehmer in die Öffentlichkeit geht, muss der Frust schon groß sein.
    Lösung sofort, sonst Abmahnung für die Verantwortlichen in der Verwaltung!

  • 22
    4
    Hinterfragt
    16.05.2019

    Nun, da zeigt sich doch die "Stadt der Moderne" mal wieder altbacken.

    "...und oft Bilder davon bundesweit übertragen werden,..."
    Aha, die jetzigen Bilder sind also besser, als das Zeigen von Fortschritt und Nutzung der erneuerbaren Energien?
    Man baut diese dann lieber auf der grünen Wiese (so lang es sie noch gibt) ...

    Tipp an die Stadt Sonnenkollektoren nennen sich so, da sie Sonne brauchen, im Schatten ist damit nichts zu machen!



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