Einst Heimkind - jetzt Heimerzieherin

Als Zweijährige wurde Amanda Uhlig von ihrem Elternhaus getrennt und lebte mit Kindern zusammen, die ihr Schicksal teilten. Wie ihr die neue Familie geholfen hat.

Yorckgebiet/Lutherviertel.

"Das Heim war das Beste, was mir jemals passieren konnte", sagt Amanda Uhlig und lächelt, "sonst wär ich nicht so, wie ich heute bin." Und sie wäre wohl auch nicht, was sie heute ist - eine freundliche, selbstbewusste Erzieherin im Kinderhaus Horizont, einer Einrichtung des Trägers, in dessen Kinderheim sie 1994 als Zweijährige mit ihren Geschwistern kam. Jetzt feiert Uhlig mit insgesamt 110 Kolleginnen und Kollegen mehrere Jubiläen des Trägervereins "ihres" Kinderhauses, des Freundeskreises "Indira Ghandi".

Das Kinderheim heißt längst nicht mehr Heim - weil das ein bisschen nach Kaserne und Eingesperrtsein klingt, sagt Anja Groß, Geschäftsführerin des Vereins, dessen Geschichte 70 Jahre zurückreicht. Damals wurde an der Würzburger Straße aus Mitteln der Volkssolidarität für Kriegswaisen und verwahrloste Kinder ein Heim für Drei- bis Sechsjährige eingerichtet und 1949 eröffnet. Es gab einen Schlafsaal für 36 Kinder. Auch damals ging es darum, den Kleinen eine bessere, glücklichere Zukunft zu ermöglichen. 1986 wurde das Haus zu klein, zog um in die Fürstenstraße 266, eine ehemalige Kita, heute Stammsitz des Fördervereins "Indira Ghandi". Zu dem Namen kam das einstige Kinderheim 1987 durch eine Karl-Marx-Städter Familie, die Beziehungen nach Indien hatte, eigentlich eine Straße nach der fortschrittlichen indischen Politikerin benennen wollte. Doch ein Kinderheim erhielt ihren Namen. Zur Umbenennung weilte der indische Botschafter im damaligen Karl-Marx-Stadt. Der Förderverein behielt den Namen - schließlich sei man wie Indira Ghandi humanistischen Idealen verpflichtet, sagt Anja Groß. Der Verein ging 1995 aus Patenschaften von Betrieben mit dem Kinderheim hervor. "Patenbrigaden halfen damals ehrenamtlich. Bis heute arbeiten im Verein viele Ehrenamtler mit", sagt die Geschäftsführerin. Seit fast 30 Jahren sei sie dabei - und hat Amanda Uhligs Entwicklung miterlebt.

Amanda Uhlig kam aus einer Familie mit "Alkohol, Drogen, sexuellen Übergriffen", in der sie nicht länger bleiben konnte. Als Sechsjährige war sie in der ersten Außenwohngruppe des Heims, "fünf Kinder, drei Betreuerinnen; eine hat mit im Haus gewohnt". Die dezentrale, familienorientierte Unterbringung ist im Verein Programm. Für Uhlig war dies richtig. "Die Wohngruppe war meine Familie. Meine Geschwister und ich haben uns mit den anderen Kindern gut verstanden, wir haben viel gemeinsam erlebt." Es gab familiäre Rituale wie das Sonntagsmärchen, jeder hatte Möglichkeiten für die Freizeitgestaltung mit Tanz, Musik, Sport. Es gab Ausflüge und Kurzurlaube, eine Reise nach Ägypten, Taschengeld. "Uns hat es an nichts gefehlt", erinnert sich Uhlig, inzwischen selbst Mutter. Und sie weiß noch: "Seit ich das erste Mal hier war, wollte ich Erzieherin werden." Das wurde sie.

Sie habe drei Jahre Sozialassistentin und drei Jahre Erzieherin gelernt, ihr Praktikum habe sie in ihrer eigenen einstigen Wohngruppe gemacht. Seit 1. August ist sie beim Förderverein angestellt und betreut nun acht Kinder im Alter von sieben bis 15 Jahren im Kinderhaus Horizont. Die eigenen Erfahrungen helfen ihr, die Wünsche ihrer Schutzbefohlenen zu verstehen. "Ich kann mich ganz gut in die Gedanken der Kinder hineinversetzen", sagt sie und lacht wieder.

Nach 25 Jahren ehrenamtlicher Arbeit hat sich das Tätigkeitsfeld des Vereins als freier Träger der Jugendhilfe erweitert. Der Freundeskreis bietet ambulante und stationäre Hilfen zur Erziehung an und ist Träger zweier Kitas. "Wir sind ausgelastet", sagt Geschäftsführerin Groß, die Finanzierung ist gesetzlich geregelt, aber darüber hinaus brauche man nach wie vor ehrenamtliche Hilfe und Spenden. Gelegenheit zum Dank für Unterstützung bietet das Sommerfest zum Jubiläum.


Vier Jubiläen - ein Fest

Das ursprüngliche Kinderheim wurde 1949 an der Würzburger Straße 10 eröffnet. 1951 schlossen örtliche Betriebe erste Patenschaften mit dem Heim, aus denen später der Freundeskreis hervorging. 1961 wurde die Kapazität von 40 auf 36 Kinder verringert. Mit dem Umzug in die Fürstenstraße 266 im Jahre 1986 konnte das Heim 60 Kinder aufnehmen. 1987 erhielt es den Namen "Indira Ghandi". 1991 wird der gleichnamige Freundeskreis gegründet, der 1993 die Anerkennung als freier Träger der Jugendhilfe erhält. Inzwischen betreut er Kindertagesstätten in Großhartmannsdorf, das Kinderhaus Horizont an der Chemnitzer Bernhardstraße und das Jugendhilfezentrum an der Fürstenstraße sowie weitere Projekte zur Familienhilfe.

Der Freundeskreis feiert vom 27. bis zum 31. August vier Jubiläen: 70 Jahre Kinderheim, 20 Jahre Erziehungsstellen, zehn Jahre Integrative Familienhilfe und 30 Jahre Namensverleihung. In der Festwoche finden unter anderem ein Fachtag sowie ein Ehemaligentreffen mit Bewohnern und Mitarbeitern statt. Höhepunkt ist das öffentliche Sommerfest am 30. August von 14 bis 18 Uhr auf dem Gelände des Jugendhilfezentrums, Fürstenstraße 266. Bei freiem Eintritt werden sich die Wohngruppen mit kulturellen Beiträgen präsentieren, es gibt Spielmöglichkeiten für Kinder, Führungen durchs Haus, einen Fanfarenumzug durchs Wohngebiet. Prominente Gäste sind die Entertainer Herr Schmitt und Band. (mz)

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