Mehr Personal für Kitas: Elternvertreter lassen nicht locker

Der Stadtelternrat fordert mehr Zeit für Kinder. Trotz der jüngsten Änderung im sächsischen Kita-Gesetz reicht die Betreuungszeit der Erzieher nicht aus, lautet ein Kritikpunkt. Und ein Bereich ist bislang ganz leer ausgegangen.

Kindergärtnerinnen müssen immer überlegen, was sie gerade weglassen können: ob sie sich kürzer und damit weniger gut auf das Elterngespräch vorbereiten, ob sie weniger Zeit für die Organisation neuer Spiele und Beschäftigungen in der Gruppe verwenden oder ob die Dokumentation darüber aufgeschoben wird, wie sich jedes Kind entwickelt. So beschreibt Katja Keller den Alltag in den sechs Kindertagesstätten der Chemnitzer Kindervereinigung. Deshalb unterstützt die Kita-Verantwortliche den jüngsten Vorstoß des Stadtelternrates.

Das Gremium aus gewählten Elternvertretern von rund 150 Kitas, Horten und Kindertagespflegen hatte kürzlich eine Postkartenaktion gestartet. Auf den an die Landtagsfraktionen der Regierungsparteien CDU und SPD adressierten Karten werden im Kern vor allem weitere Verbesserungen bei der personellen Ausstattung der Einrichtungen gefordert sowie die Wiedereinführung eines kostenlosen Vorschuljahres. Reaktionen der Fraktionen gebe es bislang noch nicht, sagt Mitinitiatorin Silke Brewig-Lange, die Vorsitzende des Stadtelternrats.

Mit dem neuen Kindertagesstättengesetz war in Sachsen das Betreuungsverhältnis bereits geringfügig geändert worden - von 1:13 auf jetzt 1:12,5 Kinder. Ab kommendem Schuljahr ist ein Erzieher für zwölf Kinder im Kindergartenalter verantwortlich. Einen Tropfen auf den heißen Stein nennt Katja Keller die Veränderung. Wünschenswert sei ein Verhältnis von 1:10 im Kindergarten und 1:4 in der Krippe. Momentan blieben Vor- und Nachbereitung häufig auf der Strecke. "Oder die Mitarbeiterinnen nutzen dafür ihre Freizeit", sagt Keller. Das sei zwar ein Beweis des Engagements, aber keine Dauer-Lösung.

Erschwerend hinzu komme, dass die Chemnitzer Kindergärten momentan nahezu komplett ausgebucht sind, sodass die Betreuer in der Gruppe voll gefordert seien und keine Zeit für andere Dinge bleibe. Die Möglichkeit, Mitarbeiter dafür freizustellen, sei eine theoretische Diskussion, sagt Keller. Das wäre nur machbar, wenn alle Kollegen an Bord sind und das komme faktisch nie vor.

Deshalb lautet eine Kernforderung des Stadtelternrates, dass wöchentlich zwei Vor- und Nachbereitungsstunden einzuplanen und damit vom Land auch zu bezahlen sind. Dabei sind derzeit die Chemnitzer Kindergärtnerinnen sogar privilegiert, so Brewig-Lange. Die Stadt übernehme freiwillig die Kosten für eine Stunde Vorbereitungszeit. Übernimmt das Land die Finanzierung, könne auch die Stadtkasse entlastet werden, sagt die Anwältin.

Jürgen Tautz, Chef der Arbeiterwohlfahrt Chemnitz, die in 20 Einrichtungen rund 2000 Kinder betreut, sieht ebenfalls vor allem das Land in der Pflicht. Weitere nennenswerte Veränderungen werde es, wenn überhaupt, aber wohl erst nach der nächsten Landtagswahl 2019 geben, glaubt er.

Ein Aspekt ist laut Stadtelternrat in der Diskussion bislang kaum benannt worden: die Betreuung der Hortkinder. Momentan ist eine Mitarbeiterin dort für 20 Schüler verantwortlich. "Da wird eine Betreuung sehr, sehr schwierig", schätzt Katja Keller von der Kindervereinigung ein. Sie hielte ein Verhältnis von 1:15 für angemessen.

Knapp vier Wochen nach Start der Postkartenaktion seien fast alle 5000 Karten von Eltern abgeholt worden, sagte Brewig-Lange gestern. Interesse gebe es inzwischen auch aus anderen Landkreisen. So greife die Arbeiterwohlfahrt Zwickau die Aktion auf. Am ersten Juni-Wochenende soll es zudem im Küchwald eine Aktion geben, mit der der Stadtelternrat auf seine Forderungen aufmerksam machen will. (mit micm)

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1Kommentare
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    Pixelghost
    13.04.2016

    Wer sich die 170 Seiten des Sächsischen Bildungsplanes durchgelesen hat der weiß was die Erzieherinnen zu leisten haben. Aber Papier ist ja bekanntlich geduldig.



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