Mehrere Tausend Menschen folgen Aufruf von Pro Chemnitz

Die Proteste nach dem gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen führten am Montag zu einer bedrohlichen Lage in der Stadt. Erneut war die Polizei mit zu wenigen Beamten vor Ort.

Chemnitz.

Nach dem Tod eines 35-Jährigen in der Nacht zum Sonntag haben verschiedene Gruppierungen am Montagnachmittag bis zum Abend in der Innenstadt demonstriert. Beobachter sprechen von der größten Demonstration des rechten Spektrums seit vielen Jahren in Chemnitz. Auf der von rechten Gruppen veranstalteten Kundgebung versammelten sich nach Schätzung etwa 5000 Teilnehmer. In unmittelbarer Nähe demonstrierten mindestens 1000 Teilnehmer auf einer von den Linken organisierten Veranstaltung.

Beide Seiten lieferten sich lautstarke Wortgefechte und versuchten, sich mit Sprechchören zu übertönen. Die Polizei trennte beide Lager. Mit zunehmender Dauer wurde die Stimmung aggressiver. Kurz bevor sich der rechte Demozug in Bewegung setzen sollte, flogen aus beiden Lagern Gegenstände auf die jeweils andere Seite. Beiderseits gab es Verletzte. Die Polizei hatte in dieser Situation größte Mühe, die Lage unter Kontrolle zu behalten. Wasserwerfer fuhren auf. Am Abend räumte sie ein, angesichts der großen Teilnehmerzahlen mit zu wenigen Einsatzkräften vor Ort gewesen zu sein.

Fotos dokumentieren, wie auf der rechten Demonstration Teilnehmer den Hitlergruß zeigen. Die Polizei berichtete zudem von Vermummten auf beiden Seiten. Die Ermittlungen dazu laufen.

Mehrere Redner der rechten Kundgebung kritisierten die Asylpolitik der Regierung. Martin Kohlmann, im Chemnitzer Stadtrat für die rechtspopulistische Vereinigung Pro Chemnitz, forderte, Ausländer abzuschieben, die sich nicht an "unsere Regeln" halten. Auf der Gegenseite verurteilte Tim Detzner, Stadtchef der Links-Partei, auch die Gewalttat gegen den getöteten 35-Jährigen aufs Schärfste, kritisierte aber die Instrumentalisierung durch eine seit Jahrzehnten gefestigte Naziszene in Chemnitz. Die Ereignisse vom Sonntag hätten eine neue Qualität gezeigt. Bis zu 1000 Demonstranten waren an diesem Tag einem Aufruf der rechtsgerichteten Fußballfangruppe "Kaotic" gefolgt. Dabei kam es auch zu Angriffen auf Polizisten, Migranten und Linke.

Das Amtsgericht Chemnitz hat am Montagnachmittag Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Totschlags gegen einen 23-jährigen Syrer und einen 22-jähriger Iraker erlassen. Beide Beschuldigten befinden sich in Untersuchungshaft. Sie waren bereits am frühen Sonntagmorgen im Zuge der Fahndung in der Nähe des Tatortes festgenommen worden. Die Ermittlungen hätten laut Staatsanwaltschaft ergeben, dass beide dringend verdächtig seien, am Sonntagmorgen gegen 3 Uhr im Chemnitzer Stadtzentrum einen 35-Jährigen deutschen Staatsbürger mit einem Messer erstochen zu haben. Dem sei ein verbaler Streit vorangegangen. Zwei weitere Deutsche wurden zum Teil schwer verletzt. Zum Tatmotiv und zum genauen Ablauf der Tat sowie zur Tatwaffe dauern die Ermittlungen an.

"Diese Taten müssen weiter zügig aufgeklärt werden", sagte am Abend Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow (CDU). "Aber mit der gleichen Entschlossenheit werden wir die Ermittlungen wegen anschließender Ausschreitungen vorantreiben." Vorher war bekannt geworden, dass der Generalstaatsanwalt des Freistaates, Hans Strobl, die Ermittlungen im Zusammenhang mit gewalttätigen Auseinandersetzungen am Rande des Stadtfestes an sich gezogen hat.

Unter den Teilnehmern des "Kaotic"-Protestzuges am Sonntagnachmittag hat die Polizei etwa 50 Gewaltbereite ausgemacht. Zu den Ausschreitungen aus der Demo heraus gibt es noch keine neuen Erkenntnisse. Den Behörden liegen drei Anzeigen von Flüchtlingen vor. Sie geben an, am Abend nach der Demo im unmittelbaren Stadtzentrum geschlagen, bedroht beziehungsweise festgehalten worden zu sein. (mit dpa)

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