Mit Computer-Software Leben retten

Trotz Vorkehrungen begehen immer wieder Gefängnisinsassen Suizid. Eine Chemnitzer Firma will das verhindern - mithilfe von künstlicher Intelligenz.

Im Oktober 2016 starb der mutmaßliche Terrorist Dschaber al-Bakr in einer Haftzelle. Er hatte in den Monaten zuvor in einer Wohnung im Stadtteil Kappel einen Sprengsatz gebaut und stand im Verdacht, einen Anschlag auf einen Flughafen geplant zu haben. Geheimdienste wurden auf den Syrer aufmerksam, ein Zugriff in Chemnitz scheiterte. Al-Bakr floh, wurde aber später festgenommen und inhaftiert. In seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Leipzig nahm er sich das Leben.

Ein prominenter Fall, aber nur einer von Dutzenden. In Deutschland begehen jährlich etwa 75 Insassen in ihren Zellen Selbstmord. Durchschnittlich verübten bundesweit zwölf von 10.000 Inhaftierten Suizid, konstatiert der Europarat - ein im Europavergleich überdurchschnittlicher Wert. Dabei gibt es in vielen Gefängnissen für besonders gefährdete Häftlinge Suizidpräventionsräume mit beispielsweise fest verbauten Möbeln und ohne Gitterstäbe. Zum Teil werden gefährdete Häftlinge alle 15 Minuten von JVA-Beamten kontrolliert. Als Konsequenz aus dem Fall al-Bakr stimmte der Sächsische Landtag Anfang dieses Jahres zudem dafür, dass Hafträume in Sonderfällen per Videokamera überwacht werden dürfen. Nur: Können die Justizvollzugsbeamten immer alles im Blick behalten? Und schätzen sie die Lage richtig ein?

An diesem Punkt setzt ein Pilotprojekt des Landes Nordrhein-Westfalen an, für das das Chemnitzer Unternehmen Fusion Systems den Zuschlag erhielt. Die 2005 gegründete Firma, die sich auf Personenerkennung spezialisiert hat, will mithilfe künstlicher Intelligenz Suizide in Haft verhindern. Ein Programm soll mithilfe von Bildern einer Überwachungskamera eine Einstufung des Selbstmordrisikos des Häftlings vornehmen und gegebenenfalls eine Warnung an die Justizbeamten abgeben, erklärt der technische Leiter des Projekts Karsten Schwalbe. Für das Forschungsprojekt stellt das Land Nordrhein-Westfalen 160.000 Euro zur Verfügung.

Die Gefahreneinschätzung werde auf zwei Säulen beruhen, erläutert Schwalbe: Zum einen soll die Software Gegenstände im Raum erkennen und lokalisieren, von denen sie vorab gelernt hat, dass sie für einen Selbstmord benutzt werden könnten - beispielsweise Scheren, aber auch Gürtel oder Bettlaken. Das Problem sei, sagt der Mitarbeiter, dass es tausende mögliche Varianten einer Schere geben. Man müsse dem Programm also existierende Scheren zeigen und es dazu anleiten, auch andere, nicht gezeigte Scheren zu erkennen. Dazu kämen Unwägbarkeiten wie schlechte Lichtverhältnisse in der Zelle, die man mit einkalkulieren müsse.

Die zweite Grundlage der Einschätzung ist wesentlich schwieriger: Das Programm soll auffällige Verhaltensmuster der Insassen erkennen, die auf eine mögliche Selbstmordabsicht hindeuten. Das könnten, sagt Projektleiter Kai-Uwe Kaden, beispielsweise bestimmte Bewegungen der Person sein. Kaden und seine Mitstreiter haben in der Regel ein technisch-naturwissenschaftliches Studium absolviert. Um Verhaltensmuster zu programmieren, werde man deswegen in den kommenden Wochen Interviews mit geeigneten Experten führen, kündigt er an: "Wir werden mit JVA-Beamten, Präventionsbeauftragten und Psychologen reden."

Ist das Programm fertig, soll es in den Firmenräumen im Technologiezentrum getestet werden, sagt Kaden. "Wir bauen bei uns eine Gefängniszelle nach - so gut es geht." In etwa einem Jahr, hofft der Projektleiter, soll die Software einsatzbereit sein. Zuerst wird sie in einer Zelle der JVA Düsseldorf angewendet. Erweist sie sich als sicher, soll sie künftig die permanenten Videokontrollen durch Justizvollzugsbeamte und die persönlichen Kontrollen im 15-Minuten-Rhythmus ersetzen, die derzeit in Nordrhein-Westfalen für selbstmordgefährdete Häftlinge gelten, erklärt der Justizminister des Landes Peter Biesenbach. Gegenüber der Zeitung "Die Welt" sagte er, auch mit dem Programm werde man Suizide hinter Gittern nicht ausschließen können: "Aber wir werden viele verhindern."


Vor 14 Jahren gegründet

Fusion Systems wurde 2005 aus der TU Chemnitz ausgegründet. Schwerpunkt des 70 Mitarbeiter zählenden Unternehmens sind intelligente Sensorsysteme, die komplexe Sachverhalte erfassen können. Als Dienstleister entwickelt die Firma Lösungen für Auftraggeber, aber keine eigenen Produkte. Entwickelt werden Programme für unter anderem Brems- oder Spurhalteassistenten, für die Positionsbestimmung, für fahrerlose Transportsysteme sowie für Systeme zur Mensch-Maschine-Interaktion, zum Beispiel Therapiegeräte. (lumm)

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