Sprayer-Oma wandelt Hass-Graffiti in Friedensbotschaft um

Ohne Bürsten, Pinsel und Farbe geht sie nie aus dem Haus. Wie eine Berlinerin beschmierte Fassaden verändert, ist jetzt in einer Ausstellung zu sehen.

Irmela Mensah-Schramm ist 73 Jahre alt. Seniorinnen in ihrem Alter gehen in der Regel entspannenden Freizeitbeschäftigungen nach. Die Sprayer-Oma, wie die Berlinerin mitunter genannt wird, aber hat ein mehr als ungewöhnliches Hobby. In ganz Deutschland entfernt Mensah-Schramm Hassparolen und Nazisymbole in Form von Graffiti oder Aufklebern und wandelt sie in Friedensbotschaften um. Mehrfach landete sie dafür vor Gericht, wegen des Vorwurfs der Sachbeschädigung. Doch sie kann nicht anders, als immer weiterzumachen, erzählt sie. "Die gesprühten oder geklebten Morddrohungen und Beleidigungen sind gegen die Schwachen unserer Gesellschaft gerichtet. Ich vernichte die Schmierereien, weil ich den Hass vernichten möchte", sagt sie.

Angefangen habe ihr Engagement vor mehr als 30 Jahren. Da habe sie eines Tages Menschen in Neuruppin dabei beobachtet, wie sie teilnahmslos menschenverachtende Graffiti angestarrt, aber nichts getan hätten. "Das konnte ich nicht ertragen", erinnert sich die frühere Heilpädagogin. Seither geht Irmela Mensah-Schramm niemals ohne eine Tasche mit Fotoapparat, Bürsten, Pinseln, Lösungsmitteln und Farbe außer Haus. Sie beseitigte nach eigenen Angaben bereits tausende Aufkleber mit rassistischen Symbolen und veränderte mehr als 100.000 Hassparolen an Häuserwänden oder Zaunmauern. "Wir sind für das verantwortlich, was wir widerspruchslos hinnehmen", sagt sie. Dabei liege es ihr fern, Hass mit Hass zu bekämpfen. "So etwas wie 'Kill Nazis' oder Ähnliches lehne ich strikt ab. Ich will keinen Krieg führen", betont Mensah-Schramm. Vielmehr will sie Frieden stiften - indem sie zum Beispiel rote Herzen über Hass-schmierereien sprüht oder Buchstabenkombinationen verändert.


Als die Berlinerin im Herbst zu Besuch in Chemnitz war, sei sie vor allem am Busbahnhof fündig geworden. Dort habe sie sowohl Sticker als auch "gnadenlos dämliche Edding-Graffiti" vorgefunden. Aber auch einen Lichtblick: "Ich habe den Schriftzug 'NS Jetzt' gelesen. Aber genau, wie ich es auch gemacht hätte, war vor mir jemand da und hat das NS in HANS verwandelt. Da habe ich wohl einen Nachahmer in der Stadt", so Irmela Mensah-Schramm. Generell habe sie in Chemnitz bisher nicht so viele Hassschmierereien gefunden, wie man es nach den Ereignissen der vergangenen Monate vielleicht vermuten würde. "Da war die Lage in der Nachbarstadt Limbach-Oberfrohna, wo ich vor ein paar Jahren zu Besuch war, schlimmer", so die Berlinerin. Dennoch sei sie geschockt über die Entwicklung in Chemnitz. Mit ihrer Ausstellung im Archäologiemuseum, die ihre mittlerweile 500. ist, will sie allen, die sich in Chemnitz engagieren, Mut machen. "Leute, die sich hier offen gegen Rassismus, Hass und rechte Ideologien stellen, brauchen Unterstützung", betont sie. Angst vor rechten Übergriffen hat sie nicht. Drohanrufe, Beleidigungen und Schmierereien in Gästebüchern bei Ausstellungen sei sie gewohnt.

Die Ausstellung mit dem Titel "Hass vernichtet" zeigt etwa 35 Bilder mit Arbeiten von Irmela Mensah-Schramm. Sie wird am heutigen Dienstag, 18 Uhr, eröffnet.

Bewertung des Artikels: Ø 3.9 Sterne bei 8 Bewertungen
11Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    1
    Hinterfragt
    07.04.2019

    Es gibt keine gute oder böse Sachbeschädigung.
    Sachbeschädigung ist Sachbeschädigung, egal ob man dort der Erste oder X-te ist.
    Zudem lassen sich in diesen Fällen mehrere Farbschichten definitiv schwerer wieder entfernen.

  • 3
    2
    Nixnuzz
    06.04.2019

    "..Die Dame sollte sich lieber daran beteiligen die Schmierereien zu beseitigen..." Diese "Schmierereien" fangen doch schon in den Köpfen der Ersttäter an! Welche Kreise sind da schon enstanden...in diesem "Rechts"-staat..?? Läuft da was nach dem Motto: "Last alle Kindlein zumir kommen..?" um dann verqueres Volksgut da hineinzupflanzen? Wo fängt da der Rechtsbruch schon an?

  • 4
    2
    03.04.2019

    @Diestelblüte: mir sind sowohl rechte als AUCH Schmierereien linker Spacken zu wider aber wo kommen wir denn hin wenn jeder über jede schmiererei der anderen darüberschmiert? Die Dame sollte sich lieber daran beteiligen die Schmierereien zu beseitigen.

  • 3
    4
    Distelblüte
    03.04.2019

    @osgar: Die Sachbeschädigung hatte jedesmal schon stattgefunden, bevor Frau Mensah-Schramm auch nur ihre Handtasche geöffnet hat.

  • 5
    2
    osgar
    03.04.2019

    eigenartiges Rechtsverständnis @Distelblüte.
    Unrecht mit Unrecht vergelten, mag man gar nicht zu Ende denken.

  • 5
    1
    Malleo
    03.04.2019

    distel... und die Narrenfreiheit

    Vielleicht übersprüht die Dame auch mal das Transparent der ANTIFA
    "Ganz Connewitz hasst die Polizei"
    Kommentar von Herrn Gemkow unter 4 Augen....Hirnlose.
    Dem ist nichts hinzuzufügen.

  • 2
    6
    Distelblüte
    03.04.2019

    Hm, schon vier Fans rechter Schmierereien. Da geht bestimmt noch was.
    @Hinterfragt: Die Dame sprayt nicht aus Freude am Beschmieren, sondern weil ihr die Botschaften rechter Spacken so zuwider sind, dass sie deshalb auch Gerichtsverfahren in Kauf nimmt, nur weil sie die abartigen Sprüche überdeckt.
    Das mag für den Staatsanwalt Sachbeschädigung sein, ich halte es für eine kreative Form zivilen Ungehorsams.

  • 4
    2
    Hinterfragt
    03.04.2019

    @Distelblüte; Ich darf Sie mal zitieren:
    "Sie wissen wenig. Aber interessant, dass Ihr Rechtsempfinden aus persönlichem Gefühl gesteuert wird."

  • 3
    6
    Distelblüte
    03.04.2019

    Was für eine coole Frau. Ich finde es richtig, was sie tut.
    Und jetzt bitte im Chor: "Recht und Ordnung und Sauberkeit...deutsche Tugenden..."

  • 6
    10
    02.04.2019

    Ist aber auch Vandalismus und damit Strafbar und sollte genauso geahndet werden!

  • 4
    8
    Ramomba
    02.04.2019

    Schade und vielleicht absichtlich nachlässig: Volkmar Zschocke, Chemnitzer Landtagsabgeordneter von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, hat Frau Mensah-Schramm nach Chemnitz eingeladen.



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