Weitere Stolpersteine erinnern an Nazi-Opfer

An der Verlegung der Gedenksteine gab es großes Interesse. Die Stimmung war bedrückt - auch wenn der Initiator auf die Kraft seines Projektes vertraut.

Der Termin hatte seit vielen Wochen festgestanden. Die Vorzeichen, unter denen er jetzt stand, und das damit einhergehende gestiegene Interesse waren vor wenigen Tagen noch nicht abzusehen. Im Chemnitzer Stadtgebiet wurden am Donnerstag 19 neue Stolpersteine verlegt, die an das Schicksal von Menschen erinnern sollen, die den Gräueltaten von Nationalsozialisten ausgesetzt waren. Bei der Eröffnungsveranstaltung an der Agricolastraße stehen Menschen dicht gedrängt unter einem Pavillon. In ihrer Mitte befestigt der Künstler Gunter Demnig einen der goldenen Steine im Gehweg. Rings herum sind etliche Schirme aufgespannt.

Trotz des schlechten Wetters seien mehr Personen da als bei den vorherigen Stolperstein-Verlegungen, sagt Bürgermeister Miko Runkel. Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind da, weitere städtische Vertreter, auch ein Kamerateam des ZDF. Das Interesse liege natürlich an den jüngsten Ereignissen, führt Runkel fort. Es sei ein richtiges Zeichen, gerade jetzt Gesicht zu zeigen und an Opfer der Nazi-Zeit zu erinnern. Dass in dieser Woche "Nazis und Geschichtsrevisionisten" durch die Chemnitzer Innenstadt gezogen sind, sei für ihn "unerträglich".

Auch Ruth Röcher, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Chemnitz, sprach über die Geschehnisse von Sonntag und Montag. Als "Jüdin und Bürgerin" bedrücke sie es, wenn fremdenfeindliche Menschen versuchten, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen. "Wir wissen, wohin das führen kann." Der Rabbiner Hugo Fuchs, der einst in der Agricolastraße lebte, sei in der Pogromnacht 1938 durch die Straßen der Stadt gejagt und verspottet worden. Im heutigen Chemnitz dürfe kein Platz mehr für solchen Hass und solche Gewalt sein.

Für den Künstler Gunter Demnig, der seit 26 Jahren in ganz Europa die kleinen Gedenktafeln verlegt, seien die Ereignisse in der Stadt "erschreckend". Er gehe nun aber mit einer "Jetzt erst recht"-Mentalität an seine Aufgabe heran. Demnig glaubt, dass Projekte wie die Stolpersteine dabei helfen können, dass die Bevölkerung aufmerksamer auf gewisse gesellschaftliche Tendenzen reagiere. Er hofft, dass solche Initiativen das Bewusstsein dafür stärken, wenn Antisemitismus und Rechtsextremismus erneut aufkeimen. Im Jahr 2007 verlegte Demnig erstmals Stolpersteine in Chemnitz. Inklusive der am Donnerstag verlegten Exemplare gibt es inzwischen 195 dieser Gedenkplatten im Stadtgebiet. Die Personen, an die erinnert werden, wählt Demnig nicht selbst aus. Stattdessen werden die Vorschläge aus der Bevölkerung oder von Angehörigen an ihn herangetragen.

Miko Runkel sagt, er sei froh, dass es im Stadtrat keiner Diskussionen darüber bedürfe, ob überhaupt Stolpersteine verlegt werden sollen. Und er sei sich sicher, dass zu den 195 bestehenden noch weitere hinzukommen werden.


Gedenksteine unter anderem für Vertreter der jüdischen Gemeinde, Unternehmerin und Redakteure

Hugo Fuchs war 1907 bis 1937 der geistige Führer der jüdischen Gemeinde in Chemnitz und lebte in der Agricolastraße 15. Am Nachmittag des 9. November 1938 wurde er verhaftet und von Nazis zu der bereits brennenden Synagoge geschleppt. Anschließend wurde der schwer misshandelte Fuchs in das Polizeigefängnis auf dem Kaßberg gebracht. 1939 erhielt er die Erlaubnis zur Ausreise und wanderte in die argentinische Hauptstadt Buenos Aires aus. Dort lebte er gemeinsam mit Else Flieg, der Mutter des Schriftstellers Stefan Heym, mit der er in zweiter Ehe verheiratet war. Hugo Fuchs starb nach längerer Krankheit am 6. Oktober 1949 in einem Altersheim in Buenos Aires. Sabina Nathan war seit dem Jahr 1901 die Inhaberin eines koscheren Mittags- und Abendtisch in der Langen Straße 46. Die heutige Adresse, an der auch der Stolperstein verlegt wurde, ist Am Rathaus 8. Im Laufe der Jahre baute sie ihren Mittagstisch zu einer Wirtschaft mit Pension aus. Dabei erhielt sie Unterstützung von ihren Schwestern Johanna und Julie, die bei ihr zur Untermiete lebten. Die drei Frauen waren allesamt zeit ihres Lebens unverheiratet. Sabina und Johanna Nathan kamen am 7. September 1942 mit einem großen Sammeltransport ins Getto Theresienstadt. Dort starb Johanna Nathan im Februar 1943, Sabina Nathans Leben endete im Juli 1944. Werner Daniel Heinrich Hirsch war von 1926 bis 1928 erst Redakteur, dann Chefredakteur der KPD-Zeitung "Der Kämpfer" in Chemnitz. Der Verlag der Zeitung hatte seinen Sitz in der Schützenstraße 23, heute Karl-Immermann-Straße 23 - dort wurde gestern der Stolperstein verlegt. 1928 kehrte Hirsch in seine Geburtsstadt Berlin zurück, wo er 1932 Sekretär von Ernst Thälmann wurde, mit dem er zusammen am 3. März 1933 verhaftet wurde. Nach Entlassung aus der Haft wurde er verdächtigt, Gestapo-Agent zu sein und in die KP-Zentrale nach Moskau befohlen. Er wurde zu Lagerhaft verurteilt, trat mehrfach in den Hungerstreik und starb im Juni 1941 an den Haftfolgen. Julius Nussberg wurde am 13. Oktober 1907 in Düsseldorf geboren. Ein Jahr später zogen seine Eltern mit ihm nach Chemnitz. Die Familie lebte in einem Haus an der Zschopauer Straße 55, wo seit Donnerstag ein Stolperstein an Nussberg erinnert. Im Jahr 1936 wanderte er nach Lettland aus. Wenige Monate später berichtete er in der "Jüdischen Zeitung für Mittelsachsen", die in Chemnitz erschien, über das Leben in Lettland. Seine Eltern waren 1935 nach Palästina ausgewandert. Nach der Besetzung Lettlands durch die Wehrmacht begann die Vernichtung der baltischen Juden. Julius Nussberg wurde im Jahr 1941 verhaftet und 1944 im Zentralgefängnis in Riga ermordet. (schab)

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