Wie eine Chemnitzer Oberschule in die Schlagzeilen geriet

Schwere Vorwürfe wegen Mobbings versetzten Eltern in große Sorge. Monate später taucht der Fall in einer großen Zeitschrift auf - in völlig anderem Kontext.

Anfang des Jahres erfuhr es halb Deutschland: An einer Chemnitzer Oberschule dürfen Fünft- bzw. Sechstklässler, die im Internet gern Nazi-Propaganda posten, ungestraft Witze über Auschwitz machen und im Geschichtsunterricht Hitler-Grüße zeigen. Mitschüler, die das alles andere als witzig finden, werden verprügelt und mit Hakenkreuzen beschmiert. Schulleitung und Lehrer schauen weg. Einer der Rädelsführer ist der Sohn eines Polizeibeamten und AfD-Funktionärs.

So in etwa jedenfalls stand es vor einigen Wochen zu lesen in der Titelgeschichte einer der größten Wochenillustrierten des Landes (gedruckte Auflage: knapp 600.000 Exemplare). Auch im Internet wurde der Text munter weiterverbreitet und eifrig diskutiert. Unter der Überschrift "Was machen die mit unserem Land?" ging der Beitrag über zehn Heftseiten hinweg der Frage nach, wie rechte Kräfte die Bundesrepublik verändern wollen und wie weit sie dabei schon gekommen sind. Im Bundestag, in Vereinen- und an Schulen.

Christoph Ulrich

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Bedrückendes aus Chemnitz, so scheint, darf in derlei Erörterungen nicht fehlen, seit die Ereignisse, Schlagzeilen und Fernsehbilder im August und September vergangenen Jahres die Stadt mit Wucht ins öffentliche Bewusstsein gerückt haben. An Stoff mangelt es nicht. Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund beschäftigen beinahe wöchentlich die hiesigen Gerichte. Zuletzt sorgte eine Gedenkzeremonie für den verstorbenen Gründer einer extrem rechten Hooligangruppe vor einem Viertligaspiel deutschlandweit für Empörung. Doch Kinder als Neonazis, die ihr Umfeld unbehelligt terrorisieren dürfen? Das ist neu.

Auch die Schulleitung und die Schulbehörden zeigen sich verwundert angesichts dessen, was da in der Zeitschrift zu lesen war. "Wir haben von diesen Dingen keinerlei Kenntnis und hatten daher auch keinen Anlass zu reagieren", beteuert ein Sprecher des Landesamtes für Schule und Bildung. Ähnlich äußert sich eine Elternvertreterin der Schule, die sich ebenfalls um eine Aufklärung der Vorwürfe bemüht hat. "Mir scheint, da ist vieles einfach erlogen", sagte sie.

Gleichwohl haben die Schilderungen einen ernsten Hintergrund. Anfang September vergangenen Jahres, kurz nach Schuljahresbeginn, kam es - von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt - an der Schule zu einem Großeinsatz von Rettungskräften, Polizei und Jugendamt. Die Mutter eines Schülers hatte damals Alarm geschlagen, nachdem sie in einem Klassen-Chat Hinweise auf Suizid-Absichten mehrerer Kinder ausfindig gemacht haben wollte. Hintergrund: Mobbing und gewalttätige Übergriffe.

Die Befürchtungen, die Schüler könnten sich etwas antun, erwiesen sich schnell als unbegründet. Von einer "scheinbaren Bedrohungslage" war schon wenig später die Rede. "Eine akute Gefährdung war nicht zu erkennen", fasst eine Sprecherin der Polizei die Ergebnisse der intensiven Gespräche vor Ort zusammen.

Dennoch gab es Ermittlungen. Weil Eltern sich gegenseitig verklagten und weil zwei Schüler der unteren Klassen - so kam während der Untersuchungen zur Sprache - sich vor einiger Zeit einmal mit dem Hitlergruß begrüßt haben sollen. Wann, wo und warum, bleibt unklar. Die Staatsanwaltschaft hat die Verfahren wegen der verbotenen Geste laut einer Sprecherin ohne nähere Prüfung der Umstände rasch eingestellt. Der Grund: Die Beschuldigten waren zur Tatzeit erst 13 Jahre alt und damit noch nicht strafmündig.

Der Vater eines der Jungen - er ist tatsächlich Polizeibeamter und kandidiert für die AfD zur Stadtrats- sowie außerhalb von Chemnitz zur Landtagswahl - räumt ein, dass sein Sohn ihm gegenüber zugegeben habe, dass er und ein anderer Schüler sich "aus Spaß" einmal den Hitlergruß gezeigt hätten. Die Schulleitung habe davon wahrscheinlich nichts mitbekommen, glaubt er. "Als ich davon erfahren habe, habe ich ihn zur Rede gestellt", erzählt der Vater. Für den 13-Jährigen habe es mehrere Wochen Spielkonsolen-Verbot gegeben. "Er weiß, dass er da Mist gebaut hat."

Von Nazi-Propaganda in sozialen Netzwerken sei ihm aber nichts bekannt, beteuert der 47-Jährige. "Ich habe seine Chat-Verläufe geprüft, da ist nichts." Auch Mitschüler hätten ihm bestätigt, dass sein Sohn in dieser Hinsicht nicht auffällig sei - was immer darunter zu verstehen ist. Überdies halte er die Schilderungen für wenig glaubhaft, Schüler seien im Streit mit Hakenkreuzen beschmiert worden. "Wenn so etwas passiert, dann gehen Eltern dem doch sofort auf den Grund und kommen nicht erst nach längerer Zeit damit an, oder?"

Mittlerweile hat sich an der Schule, die sich aktuell eines hohen Zuspruchs erfreut, die Lage laut Landesamt für Schule und Bildung nach all der Aufregung längst wieder beruhigt. Die Mobbing-Vorfälle seien mit Schülern und Elternvertretern aufgearbeitet, Vereinbarungen dazu getroffen worden, erläutert ein Sprecher. Seither habe es keine Hinweise auf ähnlich gravierende Vorkommnisse mehr gegeben. Die Schulleitung sei aber weiterhin sensibilisiert.

Völlig ausgestanden ist die Angelegenheit allerdings längst noch nicht. Denn der Vater des Jungen hat nach eigener Aussage gegen mehrere Personen Strafanzeige gestellt - unter anderem wegen Verleumdung, übler Nachrede und falscher Verdächtigung. Die Justiz ermittelt. Von all dem ist in der Illustrierten, die den Fall Monate später aufgegriffen hat, nichts zu lesen. Sie vermerkt - als "gute Nachricht" zum Schluss des Beitrags - lediglich, der Leiter der Schule sei inzwischen "abgelöst" worden. Die Wahrheit ist: Er ging bereits Ende vergangenen Schuljahres in den Ruhestand. Planmäßig, nach 44 Berufsjahren.

Bewertung des Artikels: Ø 3.9 Sterne bei 10 Bewertungen
24Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    2
    dwt
    15.04.2019

    @thomboy.. steht's zu scherzen... :))

  • 2
    6
    15.04.2019

    @Blackadder: Es gibt eben immer noch Leute die sich vorher umfassend informieren bevor sie etwas schreiben um zu wissen über was sie eigentlich schreiben.

  • 1
    9
    Malleo
    14.04.2019

    black...
    man muss gelegentlich einen Gegenpol schaffen...

  • 9
    9
    franzudo2013
    14.04.2019

    Ich bin Optimist. Irgendwann sind Gendersternchen wieder verschwunden und man macht sich wieder ehrlich. Immerhin kann Herr Maaßen im ungarischen Fernsehen sprechen und in Schweizer Zeitungen stehen spannende Artikel.
    Zugegeben, das war verkürzt und zugespitzt, es sind nicht alle so.

  • 8
    14
    Blackadder
    14.04.2019

    @franzudo: Darf ich Sie dann ehrlich fragen, warum Sie ein Abo der Freien Presse haben und hier auf deren Seite kommentieren?

  • 11
    9
    franzudo2013
    14.04.2019

    Ich vertraue der Presse nicht.
    Mittlerweile ist ja nicht der Kaiser (die Kaiserin) nackt, nein, die Presse ist es auch.
    Gab es irgendeine Konsequenz aus dem Relotius - Fall? Hat sich mal jemand bei den Chemnitzern entschuldigt?
    Spiegel, Stern, Sueddeutsche Zeit haben keine Relevanz mehr. Die haben fertig.

  • 14
    2
    jeverfanchemnitz
    14.04.2019

    Warum nennt man die Akteure und Verfasser und insbesondere die Medien und deren Schreiber nicht beim Namen? Ich vertraue der Presse. Aber zu glauben, dass es da keine schwarzen Schafe gibt, wäre auch ziemlich blauäugig. Hier sollte man nicht pauschalisieren (was ein Grundübel in der heutigen Zeit zu sein scheint) sondern konkret die Konsequenzen ziehen. So wie im richtigen Leben.

  • 9
    12
    sunhiller
    14.04.2019

    @blackadder...
    sie bilden einen Gegenpol?
    Aber Sie wissen schon, dass sich Pole auch bewegen?
    Mein Pol bewegt sich so weit rechts, dass er links schon wieder reinschaut!
    Machen Sie sich darüber doch mal Gedanken!

  • 15
    8
    Lesemuffel
    14.04.2019

    Da war wohl wieder keiner vor Ort und hat sich eine Geschichte aus dem "Arsenal alle und alles gegen Chemnitz" ausgedacht?Wohl Relotius 2.0.?

  • 30
    16
    franzudo2013
    13.04.2019

    Blackadder trägt zur Meinungsbuntheit bei. Das ist schön.
    Seltsam ist nur, dass alle Buntheitsprediger, selbst die größten Ausgrenzer sind.
    Bestes Beispiel ist der Bundestag, solche helle Kerzen auf der Torte wie Johannes Kahrs und Martin Chulz halten ihren Standpunkt für den einzig Richtigen und schaffen es noch nicht mal, die Regel des Hohen Hauses anzuwenden, die da lautet, dass jeder Fraktion ein Amt als Bundestagsvizepräsident zusteht.
    Scheint reine Dialektik zu sein. Das Wort, welches am meisten meisten im Munde geführt wird, dem wird man selbst am wenigsten gerecht.

  • 20
    13
    13.04.2019

    Das kennt man ja nun zu genüge aus Funk und Presse und wurde ja auch schon bewiesen (siehe Fall Relotius).

  • 15
    31
    Blackadder
    13.04.2019

    Tja Osgar. Bei den meisten hier im Forum ist es genau umgekehrt. Da bilde ich halt einen Gegenpol.

  • 31
    16
    franzudo2013
    13.04.2019

    Spiegel und Stern.... darin wollen selbst Fische nicht mehr eingewickelt werden. Gott beschütze Sachsen vor diesen Medienschaffenden.

  • 22
    14
    Interessierte
    13.04.2019

    "Mir scheint, da ist vieles einfach erlogen" ..

    Das wurde gestern im Radio auch einmal geäußert , dass eine Darlegung verklärt wurde oder - gelogen wurde ...
    Das scheint somit derzeit üblich zu sein ...
    Und hier will man sicherlich ( nach all dem Übel ) nun auch noch die Chemnitzer Kinder in ein rassistisches Licht ziehen - wohl durch böse Menschen
    Was hat ´Chemnitz` denn getan , was andere Städte nicht getan haben ?
    Oder war ´Chemnitz` bisher zu ruhig , dass man da bißchen nachhelfen muß ?

    Aber ´Mobbing` gibt es seit der Wende , dass man sich da heute erst drum kümmert !

  • 25
    11
    HHCL
    13.04.2019

    @Blackadder: Es ist ja mittlerweile wirklich erwartbar, dass Sie alles, was nicht in Ihr Weltbild passt relativieren und Zustände, die Sie für wahr halten, hartnäckig verteidigen; auch ohne jeden Beleg. Haben Sie den Artikel gelesen? Haben Sie Fakten zu den Hintergründen der Suizidgedanken? Ich nehme an nicht. Das hindert Sie natürlich nicht daran irgendwelche Zusammenhänge zu konstruieren und zu fordern Ihnen missliebige Politiker anzuprangern.

    Ich frage mich auch, ob Sie meinen Beitrag vollständig gelesen haben, oder nach dem ersten Halbsatz reflexartig ihr Statement abgegeben haben.

    Ich hätte auch gern die Meinung der Autoren gehört und etwas über die Reaktion der Behörde erfahren. Leider steht dazu hier nichts.

  • 27
    18
    osgar
    13.04.2019

    Der übliche und voraussehbare Beitrag von @Blackadder.
    Nach Links relativieren, Nach Rechts (ab der Mitte) austeilen.
    Einfach nur peinlich.

  • 26
    2
    Pixelghost
    13.04.2019

    @Blackadder, es war nicht der „Spiegel“, sondern der „Stern“, in seiner Ausgabe vom 24. Januar.

  • 20
    20
    Hinterfragt
    13.04.2019

    Da bekommt der Begriff "Lügenpresse" doch wieder mal eine positive Rechtfertigung ...

  • 11
    13
    j35r99
    13.04.2019

    Endlich geht mal einer konkret gegen die "Lügenpresse" vor.
    Meine volle Unterstützung!

  • 14
    27
    Blackadder
    13.04.2019

    @HHCL: Was war denn Fake? Das mit den Hitlergrüßen hat der AfD Kandidat ja zugegeben. Ich frage mich schon, wie ein Sohn eines AfDlers auf sowas kommt und mit 13 ist man kein kleines Kind mehr. Es handelt sich übrigens um den Spiegel und ich habe den Artikel auch gelesen. So richtig kann mich der Artikel nicht überzeugen, dass nichts war. Wenn sogar die Polizei anrücken muss wegen Suizidgedanken, sowas muss doch Gründe haben. Ich fände es wichtig, wenn der Name des Stadtratskandidaten genannt würde, die Leute sollen doch wissen, wen sie wählen.

  • 11
    14
    ArndtBremen
    13.04.2019

    Womit wir wiedereinmal beim Thema "Lügenpresse" wären.

  • 30
    13
    Deluxe
    13.04.2019

    Es ist Wahlkampf.
    Da scheint jedes Mittel recht.

  • 45
    3
    HHCL
    13.04.2019

    Ich frage mich, warum der Namen der "Illustrierten" nicht genannt wird. Wenn Leitmedien in diesem Land offensichtlich Fake News verbreiten, muss man sie meiner Meinung nach auch mit Namen nennen.

    Was mir ebenfalls fehlt ist die Konfrontation der/des Autoren dieses Artikels mit dem Sachverhalt. Wenn er/sie sich nicht äußern, kann man das auch schreiben.

    Was passiert jetzt eigentlich? Hat irgend jemand Anzeige erstattet, o.ä.? Das sich Schulleitung und LaSub nur wundern, kann ja nun nicht das Ende der Geschichte sein.

  • 37
    11
    Lesemuffel
    13.04.2019

    Das Chemnitz-Bashing nimmt mittlerweile ordinäre, aber wohl vorbereitete und Durch organisierte Züge an. Wer wohl dahinter steckt? Jedenfalls sind es die Leute, die unsere Demokratie für ihre Zwecke missbrauchen, das aber immer anderen vorwerfen.



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