Wie es in Chemnitz jetzt weitergehen soll

Nach mehreren Kundgebungen, Demos und einem großen Konzert am Montagabend setzt das Chemnitzer Rathaus auf zusätzliche Angebote zum Dialog. Zum Thema Migration soll Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich Rede und Antwort stehen.

Angela Merkel kommt: Bereits vergangene Woche hatten die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) miteinander telefoniert. Merkel soll in dem Gespräch angeboten haben, nach Chemnitz zu kommen, heißt es. Zu Beginn dieser Woche sei dann eine offizielle Einladung aus dem Chemnitzer Rathaus nach Berlin ergangen. OB Ludwig plant ein Bürgerforum zum Thema Migration, möglichst bereits im kommenden Monat. "Viele Chemnitzer haben Fragen zur Zuwanderung, das Thema spielt auch indirekt immer wieder eine Rolle", erläuterte sie ihren Vorstoß. "Die Bürger sollen die Chance haben, darüber mit der Bundeskanzlerin ins Gespräch zu kommen", so Ludwig. Das Bundeskanzleramt in Berlin teilte am Dienstagabend mit, Merkel nehme die Einladung an. "Ein konkreter Termin wird zu gegebener Zeit vereinbart und bekannt gegeben", sagte ein Regierungssprecher. Herausforderung wird laut Ludwig nun sein, ein Gesprächsklima zu ermöglichen, "in dem Klartext gesprochen werden kann, aber ohne Brüllerei". In letzter Zeit war es bei Besuchen der Kanzlerin in Sachsen regelmäßig zu lautstarken Protesten gekommen.

Bürgerforen: Noch in diesem Monat soll eine öffentliche Veranstaltung zum Thema "Wie sicher ist Chemnitz?" mit Vertretern der Staatsregierung stattfinden. Möglicherweise wird laut OB Ludwig auch Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) erneut nach Chemnitz kommen. In der Veranstaltung soll es um die Sicherheit in der Stadt und um das Sicherheitsgefühl der Chemnitzer gehen - auch um Konsequenzen auszuloten, so OB Ludwig. Eine Idee ist die Schaffung eines "Bürgerbeirats" zur Wahrnehmung der Sicherheitslage. Ludwig will versuchen zu erreichen, dass bei dem Forum auch zugewanderte Chemnitzer teilnehmen und ihre Sicht auf die jüngsten Entwicklungen schildern. Eine dritte Dialogveranstaltung wird es voraussichtlich am 9.November zum Thema Rechtsextremismus geben. Ludwig zufolge sollen dort unter anderem Vertreter der Jüdischen Gemeinde zu Wort kommen.

Sicherheit: Die Stadtverwaltung erwartet vom Freistaat, dass die Polizeikräfte in der Stadt dauerhaft aufgestockt werden. Zugleich ist im Gespräch, den Stadtordnungsdienst weiter auszubauen. OB Ludwig will darüber mit den Stadtratsfraktionen beraten. Zuletzt hatte die CDU einen entsprechenden Vorstoß angekündigt. Dem derzeit vor allem im Stadtzentrum eingesetzten Ordnungsdienst solle ermöglicht werden, stärker auch in anderen Stadtteilen zum Einsatz zu kommen, heißt es aus der Fraktion. Sie strebt eine rasche Entscheidung an, damit die entsprechenden Mehrausgaben im Doppelhaushalt für die kommenden beiden Jahre berücksichtigt werden können. Bereits in der vergangenen Woche hatte der Stadtrat knapp 270.000 Euro für die Einrichtung einer Einsatzkoordinierungsstelle bewilligt. Von dort werden künftig unter anderem die Außendiensteinsätze der Mitarbeiter des Stadtordnungsdienstes, der Verkehrsüberwachung, der zentralen Ermittlungsdienste sowie der Videoüberwachung zentral gesteuert, die in Kürze in der City ans Netz gehen soll.

Gedenkort: Auch mehr als eine Woche nach der Gewalttat, bei der am frühen Morgen des 26. August der 35-jährige Chemnitzer Daniel H. erstochen wurde, ist der Tatort noch immer mit Blumen, Grabkerzen und Trauerbotschaften übersät. Immer wieder bleiben Passanten stehen, zünden eine Kerze an und halten inne. Laut Stadtverwaltung gibt es noch keine näheren Überlegungen, wie es an dem Tatort in Zukunft aussehen soll. "Darüber werden wir zu gegebener Zeit mit den Angehörigen sprechen", sagte OB Ludwig.

Spendenaktion: Auf einem von der Wirtschaftsvereinigung Industrieverein Sachsen 1828 eingerichteten Spendenkonto für die Familie des Getöteten waren bis Dienstag rund 23.000 Euro eingegangen. 20.000 Euro davon stammen von Unternehmen, sagte Geschäftsführerin Katrin Hoffmann. Insgesamt haben der Industrieverein und die Branchenvereinigung Kreatives Chemnitz im Rahmen einer Kampagne "Chemnitz ist weder grau noch braun" in den vergangenen Tagen 182.000 Euro gesammelt. Das Geld soll Hoffmann zufolge in langfristige Projekte zur Demokratieförderung investiert werden.

Konzert: Nach dem "Wir sind mehr"-Konzert am Montag bereiten die Städtischen Theater Chemnitz für Freitag eine Aufführung von Beethovens 9. Sinfonie auf dem Theaterplatz vor. Das Konzert "Gemeinsam stärker - Kultur für Offenheit und Vielfalt" unter Beteiligung aller Sparten des Hauses beginnt um 19Uhr. Der Eintritt ist frei.

Weitere Demos: Die rechtspopulistische Vereinigung Pro Chemnitz hat für Freitag, 18.30Uhr, eine weitere Kundgebung am Karl-Marx-Monument angemeldet. Für Samstag plant eine Privatperson eine Gedenkveranstaltung am Tatort an der Brückenstraße. Zudem ist eine Versammlung der Gruppierung "Staatenlos.info" am Marx-Kopf geplant, die laut Verfassungsschutz der Reichsbürgerszene nahesteht.

Eine Anzeige nach Konzert - Verein schützt Spielerinnen

Am Gedenkort für den getöteten Daniel H. in Chemnitz kam es nach Abschluss des Konzerts am Montagabend zu einem Polizeieinsatz, der bis etwa 0.30 Uhr dauerte. Dabei haben die Beamten eine Anzeige wegen Beleidigung aufgenommen. Im Laufe des Abends hatten dort immer wieder Menschen verschiedener politischer Spektren zum Teil heftig diskutiert. Nach Ende des Konzerts hatten sich mehrere dutzend linksgerichtete Personen am Gedenkort versammelt und Parolen gerufen. Die Polizei hatte sie aufgefordert, den Bereich zu verlassen. Dem seien die Personen "nur allmählich" nachgekommen, so die Polizei. Die sächsischen Beamten wurden durch mehrere Hundertschaften aus sechs Bundesländern und der Bundespolizei unterstützt.

Medizinisch behandelt wurden am Konzerttag 79 Personen. Elf von ihnen kamen ins Krankenhaus, unter anderem wegen Kreislaufproblemen.

Das Parteibüro der AfD in Chemnitz ist in der Nacht zu Dienstag mit schwarzer Farbe beschmiert worden, teilte die Polizei mit. Zudem wurden im Zentrum zwischen 0.30 und 2 Uhr zwei mobile Toiletten angezündet. Die Feuerwehr löschte den Brand.

Das fremdenfeindliche Bündnis Thügida hatte zum Wir-sind-mehr-Konzert eine Gegenveranstaltung angemeldet, die von der Stadt untersagt wurde. Dagegen wurde ein Eilantrag beim Verwaltungsgericht gestellt, der ohne Erfolg blieb, unter anderem weil alle Plätze in der Stadt belegt waren. Die Begründung lesen Sie unter www.freiepresse.de/vgchemnitz

Der Basketball-Bundesligist Chemcats trifft Vorkehrungen für seine Spielerinnen. So würden die Frauen nach dem Training und Spielen nach Hause gefahren oder aufgefordert, sich nur in Gruppen zu bewegen, sagt Vereinspräsident Andreas Wagner. Hintergrund sei, dass zwei dunkelhäutige Spielerinnen in der vergangenen Woche körperlich angegangen worden sein, so Wagner.

Wegen des Zeigens des Hitlergrußes bei der Demonstration am 27. August in Chemnitz müssen sich voraussichtlich zwei Chemnitzer vor Gericht verantworten. Gegen die 32 und 34 Jahre alten Männer seien beim Amtsgericht Chemnitz Anträge auf beschleunigte Verfahren gestellt worden, teilte die Generalstaatsanwaltschaft Dresden mit.

Die Technische Universität Chemnitz hat ein Video veröffentlicht, mit dem sie ein Zeichen für Vielfalt und Toleranz setzen will. In dem Clip kommen Studierende und Mitarbeiter der Uni aus aller Welt zu Wort. Rektor Gerd Strohmeier betont den internationalen Charakter der TU: Mehr als jeder vierte der 11.000 Studierenden stammt aus dem Ausland. (lumm/dy/dpa)

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 6 Bewertungen
3Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 3
    1
    Hinterfragt
    05.09.2018

    @cn3boj00; nicht so schlimm, auch mit C kämen Sie ohne Einladung nicht rein ...

  • 1
    3
    cn3boj00
    05.09.2018

    Ich dachte die mit dem Hitlergruß waren eingschleuste Provokateure? Hat man das nicht so behauptet?
    Ach ja und wo kann man sich denn nun bewerben? Ich hätte schon mit Frau Merkel oder Ludwig oder Kretzschmer was zu besprechen. Da ich aber 200m von der Chemnitzer Stadtgrenze wegwohne und man Z zu meinem Lebensmittelpunkt bestimmt hat darf ich immer nicht rein.

  • 12
    3
    Interessierte
    05.09.2018

    War denn die Angela Merkel in den vielen ihrer Amtszeit schon einmal in Chemnitz ?
    Auf sämtliche Hinweise und Warnungen hat sie nie gehört und reagiert und jetzt , wo das Kind in den Brunnen gefallen ist , kommt sie ...



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...