Zentrum, Stadtrand oder Dorf? Wo die Stadträte zu Hause sind

Im Rathaus nehmen die neu gewählten Bürgervertreter heute ihre Arbeit auf. Die einzelnen Stadtteile sind dabei höchst unterschiedlich vertreten. Ein Problem?

Von Gesetzes wegen scheint alles wunderbar organisiert: Um von Ebersdorf bis Klaffenbach, von Mittelbach bis Euba Chemnitzern aus allen Teilen der Stadt ähnliche Chancen zu geben, Vertreter in den Stadtrat zu entsenden, wird das Stadtgebiet vor jeder Kommunalwahl in mehrere Wahlkreise mit etwa gleich vielen Wahlberechtigten eingeteilt. Aber geht diese Rechnung nach der Wahl auf? Sind alle Teile der Stadt angemessen im neuen Stadtrat vertreten?

Gemessen daran, wo in Chemnitz die insgesamt 60 Stadträte im Einzelnen zu Hause sind, ergibt sich ein durchaus eigentümliches Bild. So finden sich aus den fünf Stadtteilen des Heckertgebietes - Heimat von weit mehr als 30.000Chemnitzern - voraussichtlich gerade einmal zwei Vertreter (beide von den Linken). Der Stadtteil Schönau hingegen, in dem nur gut 4000 Menschen leben, stellt allein sechs Stadträte (davon drei AfD). Einsiedel mit seinen 3500Einwohnern ist mit vier Stadträten (davon drei CDU) ebenso zahlreich vertreten wie der Kaßberg, der als bevölkerungsreichster Stadtteil gut fünfmal so viele Einwohner aufweist.


Ein ähnlich verschobenes Bild ergibt sich, wenn man das Stadtgebiet gemäß der Struktur der Lebensräume unterteilt: in die eigentliche Kernstadt rund um das Zentrum, die etwas weiter außerhalb gelegenen, aber (größtenteils) städtisch geprägten Stadtteile sowie die eher ländlichen Ortschaften am Stadtrand. Während in diesen Stadtrandlagen etwa jeder dritte Stadtrat zu Hause ist, gleichwohl dort nur gut ein Fünftel der Chemnitzer lebt, sind städtisch geprägte Stadtteile außerhalb der eigentlichen Kernstadt (wie Gablenz, Hilbersdorf oder Altchemnitz) eher unterrepräsentiert. In mehr als jedem vierten Stadtteil ist sogar kein einziger Stadtrat zu Hause.

Eine Schieflage, die sich bereits vor der Wahl angebahnt hatte. Zum einen, weil kommunalpolitisches Engagement nicht überall im Stadtgebiet in ähnlichem Umfang ausgeprägt ist. So bringen sich in Gegenden mit eher schwieriger Sozialstruktur erfahrungsgemäß oft tendenziell weniger Menschen ein als anderswo - obwohl es gerade dort für die Kommunalpolitik oft viel zu tun gibt.

Zum anderen müssen Stadtratskandidaten keineswegs notwendigerweise in jenem Wahlkreis antreten, in dem sie auch zu Hause sind. Die Entscheidung, wer wo ins Rennen geht, treffen die Parteien nach einer ganzen Reihe von Erwägungen. Die Aussicht auf ein möglichst erfolgreiches Abschneiden kann dabei ebenso eine Rolle spielen wie der Anteil weiblicher und männlicher Kandidaten und deren altersmäßige Zusammensetzung. Das führte etwa im Wahlkreis 6 (er umfasst weite Teile des Heckertgebietes und Kapellenberg) dazu, dass sieben der zehn Spitzenkandidaten dort "Exporte" von außerhalb waren.

Aber muss es überhaupt ein Problem darstellen, wenn in der immerhin drittgrößten Stadt Ostdeutschlands ein Großteil der Räte nicht in einer urbanen Gegend, sondern eher am Rand oder gar auf dem Dorf zu Hause ist? Wie sehr prägen Wohnort und Lebensumfeld die Perspektive, etwa auf Themen wie Mobilität, Nahversorgung oder Sicherheit - wenn vor Ort kaum Busse fahren, es nur einen Supermarkt gibt (oder gar keinen), kaum Kriminalität?

"Ich würde das Problem zwar nicht als irrelevant bezeichnen, aber auch nicht zu hoch bewerten", sagt Susanne Rippl, Professorin am Institut für Soziologie der TU Chemnitz. Man müsse schließlich davon ausgehen, dass politische Repräsentanten gerade nicht ihre eigenen Interessen verträten, sondern die ihrer Partei beziehungsweise ihrer Wahlbezirke, verdeutlicht sie. "Im Umkehrschluss ist es ja auch nicht gewährleistet, dass jemand, der in seinem Wahlbezirk auch wohnt, deshalb eine bessere Politik macht."

Dass der Spagat zwischen eigenem Wohnumfeld und den Schwerpunkten politischer Arbeit gelingen kann, zeigen Stadträte wie Ines Saborowski (CDU, Adelsberg) oder Jörg Vieweg (SPD, Kleinolbersdorf-Altenhain). Saborowski widmet sich immer wieder Stadtteilthemen etwa in Bernsdorf, Gablenz, dem Yorckgebiet und nimmt dort regelmäßig an Beratungen der örtlichen Akteure teil. "Weil ich schon möglichst selbst hören will, was da los ist", begründet sie. Viewegs kommunalpolitische Heimat wiederum liegt seit jeher im Heckertgebiet. "Ich bin ein Junge aus dem Heckert und werde das immer sein, egal wo ich wohne", sagt der 48-Jährige. Ob Zufall oder nicht: Beide fuhren bei der Stadtratswahl die jeweils meisten Stimmen für ihre Parteien ein.

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