Der gesunde Start ins Leben

Ein Netzwerk veröffentlicht neue Empfehlungen für die ersten 1000 Tage eines Kindes - und beginnt ab der Zeugung.

Die Zeit von der Befruchtung bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr ist die entwicklungsintensivste im Leben eines Kindes. "Es nimmt rasant an Gewicht zu, und alle Gewebe des Körpers werden gestaltet", sagt der Kinderarzt Professor Berthold Koletzko, Sprecher des wissenschaftlichen Beirats des Netzwerks "Gesund ins Leben". "In diesen 1000 Tagen wird sozusagen die Hardware vernetzt und der Organismus so angelegt, dass später alles andere nur noch modulierende Wirkung hat." Dafür sind nicht nur die Gene verantwortlich, auch äußere Einflüsse. "Die ersten 1000 Tage sind deshalb ein ganz sensibles Zeitfenster, in dem sich die Weichen in Richtung Gesundheit stellen lassen", sagt er. Deshalb hat das Netzwerk neue Empfehlungen herausgegeben.

Doch die Mediziner gehen noch weiter. Koletzko: "Wir haben dazugelernt, dass auch die Zeit davor eine sehr entscheidende ist." Dafür wurden die Empfehlungen aktualisiert, selbst wenn bekannt ist, dass etwa ein Drittel der Schwangerschaften ungeplant eintritt. Der größere Teil der werdenden Mütter könne sich darauf rechtzeitig einstellen.

Vor der Schwangerschaft: Frauen, die bald schwanger werden wollen, sollten bereits mit der Einnahme von Folat - oder seiner synthetischen Form, der Folsäure - beginnen, empfiehlt das Netzwerk. Eine folatreiche Ernährung, zum Beispiel mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten, reicht dafür nicht aus. Täglich sollten deshalb 400 Mikrogramm Folsäure ergänzt werden. Das Vitamin ist vor allem an der Teilung und Neubildung von Zellen beteiligt. Es kann sogenannten Neuralrohrdefekten vorbeugen. Das Neuralrohr ist die erste Entwicklungsstufe des zentralen Nervensystems, die drei bis vier Wochen nach der Befruchtung abgeschlossen ist. Jährlich werden in Deutschland 700 bis 1000 Neuralrohrdefekte diagnostiziert. Am schwersten ist der offene Rücken.

Wichtig, sowohl für einen Eintritt als auch für den Verlauf der Schwangerschaft, ist das Körpergewicht. Frauen mit Kinderwunsch sollten möglichst Normalgewicht haben. Doch ein Drittel der 18- bis 29-jährigen und fast 40 Prozent der 30- bis 39-jährigen Frauen sind übergewichtig. Das erhöht das Risiko für Geburtskomplikationen. Das Netzwerk spricht hier vor allem die Gynäkologen an, bei den von ihnen behandelten Frauen darauf zu achten.

In der Schwangerschaft: Lebensmittelinfektionen wie Listeriose und Toxoplasmose können dem ungeborenen Kind schaden. Deshalb werden schwangere Frauen vorsorglich gewarnt. Etwa 40 Fälle von Toxoplasmose und Listeriose in der Schwangerschaft werden dem Robert-Koch-Institut pro Jahr gemeldet. Das ist nicht viel bei rund 700.000 Geburten, doch es müsse von einer Dunkelziffer ausgegangen werden, so das Netzwerk. Die Folgen für das Kind können schwer sein und sogar zu Früh- und Totgeburten führen. Vorbeugen ist einfach: Lebensmittel vom Tier werden nur durcherhitzt, also gekocht, gebraten oder pasteurisiert, gegessen. Das gilt für Fisch, Fleisch, Milch und Milchprodukte genauso wie für Eier. Aber auch ungewaschenes Obst oder Gemüse kann ein Risiko sein, denn die Erreger können beim Anbau oder bei der Ernte aus der Erde auf die Lebensmittel übergehen. Küchenhygiene ist also oberstes Gebot.

Auch in der Schwangerschaft muss auf das Gewicht geachtet werden. Professor Koletzko: "Der Energiebedarf von Schwangeren steigt erst am Ende der Schwangerschaft um zehn Prozent - das sind etwa 250 kcal. Schwangere sollen also nicht für zwei essen, aber für zwei denken." Die normale Gewichtszunahme in der Schwangerschaft liegt zwischen zehn und 16 Kilogramm. "War die Frau vorher schon übergewichtig, sollten es insgesamt maximal zehn Kilogramm sein", sagt der Arzt. Schwangere brauchen nicht viel mehr Energie, aber mehr Vitamine und Mineralstoffe.

In der Schwangerschaft ist besonders der Bedarf an Folsäure, Eisen, Jod, Zink, Vitamin B 12 und E erhöht. Außer Folsäure sei dem Netzwerk zufolge keine Nahrungsergänzung notwendig. Fleisch ist ein guter Lieferant von Vitamin B 12, Zink und Eisen. Besonders fettarme Sorten sollten gewählt werden. Fettreich darf hingegen Meeresfisch sein, denn Makrele, Hering oder Sardine liefern Omega-3-Fettsäuren.

Eine zu geringe Jodversorgung kann sich ungünstig auf die psychomotorische Entwicklung und auf Denkleistungen des Kindes auswirken. Der Bedarf in der Schwangerschaft ist um 50 Mikrogramm auf 200 Mikrogramm am Tag erhöht. Jodiertes Speisesalz enthält zwischen 15 und 25 Mikrogramm je Gramm Salz. Die empfohlene Salzmenge von sechs Gramm am Tag deckt fast schon den Jodbedarf. Eine kleine Portion Seefisch liefert rund 200 Mikrogramm Jod zusätzlich. Vegetarierinnen sollten diese Mineralien und Vitamine künstlich ergänzen.

Koffein kann Wachstumsverzögerungen beim Kind zur Folge haben - aber nur in großen Mengen. Als sicher gelten dem Netzwerk zufolge täglich 200 Mikrogramm. Sie stecken in 500 Millilitern Kaffee oder anderthalb Litern grünem Tee. Keinerlei Sicherheitszone gibt es für Alkohol und Nikotin. Die sind tabu.

Nach der Schwangerschaft: Auch in der Zeit danach, denn gestillte Kinder trinken mit. Das Netzwerk relativiert aber. Da die Muttermilch so wichtig für das Kind ist, sei bei seltenen und besonderen Anlässen ein kleines Glas Wein, Bier oder Sekt tolerierbar, um deshalb nicht abstillen zu müssen. Stillende sollten Jodtabletten nehmen, da der Bedarf noch höher als in der Schwangerschaft ist.

Gestillt oder gefüttert wird nach dem Bedarf des Kindes. Damit könne bei Kindern Übergewicht vermieden werden. Denn auch das Sättigungsverhalten wird in den ersten 1000 Tagen entscheidend geprägt.

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