Hilfe für schwangere Süchtige

Crystal, Cannabis, Alkohol: Etliche Kinder in Sachsen sind bei der Geburt abhängig. "Mama, denk an mich" will helfen.

Eva* streicht sich über den Bauch. Die 36-Jährige freut sich auf ihr Kind. Anfang November ist es so weit. Es ist ihr viertes, ein Mädchen. Eigentlich könnte es eine ganz normale Familiengeschichte sein. Aber die junge Frau ist suchtkrank: Alkohol, Nikotin, Crystal, THC - geschluckt, geraucht, durch die Nase gezogen. Seit sie 15 Jahre alt war. Deshalb sitzt sie jetzt im Universitätsklinikum Dresden und spricht mit Judith Hennig über ihre Sorgen, Ängste, aber auch Fortschritte - und das Kind, das in ihr wächst. Die Sozialpädagogin betreut das Projekt "Mama, denk' an mich". Es vereint Ärzte aus den Bereichen Geburtshilfe, Neugeborenenmedizin und Suchttherapie.

Als es vor drei Jahren gegründet wurde, ging es zunächst vor allem um Crystalkonsumenten. Seitdem wurden etwa hundert Familien behandelt - auch mit anderen Suchterkrankungen. So wie Eva, die seit April, als ihre Entgiftung in der Klinik beendet war, jeden Montag zur Therapie und Beratung geht. Beides liegt fast Tür an Tür. Ärzte, Berater, Pädagogen und Therapeuten arbeiten eng zusammen, halten Kontakt zu Jugendämtern und Betreuern.

Eva ist freiwillig gekommen, nachdem ihr eine Freundin den Tipp gab. "Das ist für den Erfolg der Behandlung wichtig", sagt Neugeborenenmediziner Dr. Jürgen Dinger. Die Betroffenen müssten es selbst wollen. Gegenwärtig seien das 30 Prozent. Damit es mehr werden, dürften Drogenabhängige nicht stigmatisiert, sondern sollten frühzeitig sensibilisiert werden - im Interesse der Kinder. Crystalkonsum steht nach wie vor an erster Stelle, Cannabis nimmt zu, Alkoholprobleme sind seit Jahren auf einem gleichbleibend hohen Niveau. Dinger sieht im Alkoholkonsum während der Schwangerschaft eine große und oft unterschätzte Gefahr. "Alkohol ist ein Nervengift, das das Kind im Mutterleib schädigt. Oft ist es Ursache für Fehlentwicklungen der Kinder", sagt der Oberarzt. Ein Vollrausch während der Schwangerschaft würde ausreichen, um dem Ungeborenen zu schaden. Bis zu 10.000 Schwangere mit Alkoholproblemen gebe es jährlich deutschlandweit.

Das Projekt soll drogenabhängigen Schwangeren und Eltern helfen, ein geordnetes Zusammenleben mit ihren Kindern zu ermöglichen und selbst aus der Sucht herauszukommen. "Drogenabhängige Frauen bemerken ihre Schwangerschaft häufig erst sehr spät", sagt Dinger. Von den 2007 bis 2016 am Uniklinikum zur Entbindung aufgenommenen Frauen mit Crystalkonsum hätten lediglich 39 Prozent die erste Voruntersuchung vor der vollendeten zwölften Schwangerschaftswoche wahrgenommen. Bei nicht konsumierenden Schwangeren seien es 90 Prozent. Dinger möchte deshalb junge Frauen noch viel früher erreichen, möglichst schon zum Zeitpunkt des Kinderwunsches. Denn Komplikationen während der Schwangerschaft nehmen bei Suchtkranken ebenso zu wie die Gefahr einer Frühgeburt. "Neugeborene, deren Mütter Crystal konsumiert haben, zeigen Entwicklungsstörungen. Jedes fünfte Kind kommt zu klein auf die Welt. Viele werden gleich abhängig geboren und müssen wie die Mütter therapiert werden", sagt Dr. Dinger.

Eva hatte nach eigenen Aussagen Glück. Zwar sei ihr großer Sohn in seiner Entwicklung etwas verzögert, habe aber keine Schäden. Auch die Zwillinge seien normal entwickelt. Trotzdem: Kinder aus suchtbelasteten Familien haben laut Sächsischer Landesstelle gegen die Suchtgefahren ein sechsfach erhöhtes Risiko für spätere Suchtprobleme und psychische Störungen. 130.000 Kinder aus Suchtfamilien leben laut Geschäftsstellenleiter Olaf Rilke in Sachsen. Bis zu 60 Prozent würden unter leichten bis schweren Beeinträchtigungen leiden.

Um ihre Kinder zu schützen, darf auch Eva sie nicht allein versorgen. Ihr 13-jähriger Sohn lebt bei seinem Vater, die sechsjährigen Zwillinge werden in einem Dresdner Wohnprojekt betreut. Zu wechselhaft war das Leben der Mutter bisher. Allerdings hätte sie ihre Kinder nie vernachlässigt, versichert sie. Jedes Mal, wenn sie wusste, dass sie schwanger ist, habe sie auch aufgehört, Drogen zu nehmen. Aber immer wieder wurde sie rückfällig. Eva schaffte gerade so den Hauptschulabschluss, brach die Lehre als Friseurin ab, verdiente sich schließlich in der Gastronomie etwas Geld. Heute lebt sie von Arbeitslosengeld. Die Väter ihrer ersten Kinder hätten es ihr nicht leicht gemacht, waren selbst abhängig. Ein Freund von ihr sei vor ihren Augen an Leberzirrhose gestorben. Ein Bild, das sie nie vergisst. Dennoch kam der Suchtdruck wieder.

Eva sieht ihre Kinder regelmäßig und möchte sie irgendwann für immer um sich haben. Deshalb kämpft sie weiter gegen ihre Suchtkrankheit. Seit 28. März sei sie clean, wie sie sagt. "Wer sich der Sucht stellt und alles dafür tut, sie zu überwinden, hat gute Chancen, das Sorgerecht zu behalten", sagt Dinger.

Eva weiß, dass ihr Weg dahin noch weit ist. Um sich abzulenken, kocht sie, macht sich einen Salat, näht Kissen und kleine Figuren. "So komisch das klingt, aber die Ideen dafür sind mir im Rausch gekommen, in Zuständen der Euphorie und Ausgelassenheit", sagt sie. Das soll aber die einzige Erinnerung aus ihrer 21-jährigen Odyssee bleiben. "Mama, denk an mich": Der Projektname soll für sie und ihre bald vier Kinder Wegweiser sein.

*Name von der Redaktion geändert

Ansprechpartnerin für das Projekt "Mama, denk' an mich" am Universitätsklinikum Dresden ist Sozialpädagogin Judith Hennig: 0351/4586633

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