Immer mehr Vorsorge für Schwangere

Die gesetzlichen Kassen wollen für Jüngere attraktiv sein. Deshalb bezuschussen sie freiwillig allerlei Tests. Doch sind diese überhaupt sinnvoll?

Sie erwarten ein Baby? Welch ein Glück. Doch die gute Hoffnung und freudige Erwartung weichen bei vielen Schwangeren schnell der Angst. Denn schon beim ersten Arztbesuch bekommen sie eine Liste mit Vorsorgeuntersuchungen und Tests ausgehändigt, sodass sie sich beinahe wie Risikopatienten fühlen.

In den letzten Jahren wurden immer mehr Tests entwickelt, die die Sicherheit für die Schwangeren erhöhen sollen. Doch tun sie das wirklich? "Mit den Ergebnissen der meisten Untersuchungen wird nur eine statistische Wahrscheinlichkeit für Erkrankung oder Behinderung ermittelt. Wir können nicht sagen, ob das Kind wirklich gesund oder krank zur Welt kommt", sagt Dr. Cahit Birdir, der die Abteilung Geburtshilfe an der Uni-Frauenklinik Dresden leitet. Auch Katrin Küchenmeister, Fachberaterin für Pränataldiagnostik bei Pro Familia in Chemnitz, sagt, dass viele Schwangere alle Untersuchungen machen, die ihnen die Ärzte empfehlen, ohne zu berücksichtigen, wie sie mit eventuellen Auffälligkeiten umgehen wollen. Besser sei es, als Paar vorher festzulegen, bis wohin man Tests nutzen möchte und wann stopp ist. Katrin Küchenmeister: "Wer Tests ablehnt und auf sein Bauchgefühl hört, muss sich nicht verantwortungslos fühlen."

Die Krankenkassen indes bieten viele Leistungen an, die über ihre gesetzlichen Pflichten hinausgehen, wollen sie doch möglichst junge Versicherte als Mitglieder gewinnen. Was gesetzliche Pflichtleistungen rund um Schwangerschaft und Geburt sind, regelt die Mutterschaftsrichtlinie. Darauf haben alle Anspruch. Doch jede Kasse hat auch Besonderheiten. Hier die Angebote für werdende Eltern in Sachsen:

Die AOK Plus erhöht ab sofort die Leistungen für Schwangere und zahlt jetzt mit 500 Euro in Sachsen den größten Betrag für zusätzliche Blut- oder Ultraschalluntersuchungen, Akupunktur oder eine Hebammenrufbereitschaft, sagt der Verwaltungsratschef Sven Nobereit. Auch ärztlich verordnete Mineralstoffe und Vitamine würden innerhalb dieses Finanzrahmens übernommen. Den Geburtsvorbereitungskurs darf die werdende Mutter mit einer Begleitperson besuchen.

Die IKK classic hat kein festes Budget, sie honoriert die einzelnen Leistungen nach festen Höchstbeträgen. Maximal 100 Euro werden für erweiterte Vorsorgeuntersuchungen, 100 Euro für Mineralstoffe und 250 Euro für eine Hebammenrufbereitschaft übernommen, sagt Landesgeschäftsführer Sven Hutt. Ab August dürfe auch der Partner der Schwangeren am Geburtsvorbereitungskurs im Rahmen des Bonusprogramms teilnehmen.

Die Techniker Krankenkasse (TK) ermöglicht dem Partner der Schwangeren, wenn dieser TK-versichert ist, am Geburtsvorbereitungskurs teilzunehmen. 50 Prozent zahlt die Kasse zu verordneten Mineralstoffen, zum Beispiel Folsäure im ersten Schwangerschaftsdrittel und Jodid während der gesamten Schwangerschaft, sagt Sprecherin Katrin Lindner. 250 Euro gibt es für die Hebammenrufbereitschaft.

Barmer-Versicherte können über ein Budget von 200 Euro für zusätzliche Tests, Ultraschalluntersuchungen, ärztlich verordnete Mineralstoffe und die Hebammenrufbereitschaft verfügen, so Sprecherin Marion Heinrich.

Bei der DAK Gesundheit haben Schwangere ein Budget von 100 Euro, sagt Sprecher Claus Uebel. Wer sich in das Programm "Willkommen Baby" einschreibt, bekommt Zusatzuntersuchungen und Akupunktur, um die natürliche Geburt gegenüber dem Kaiserschnitt zu fördern und das Frühgeburtsrisiko zu senken.

200 Euro haben Versicherte der Knappschaft für Tests, Ultraschalluntersuchungen und Nahrungsergänzungen zur Verfügung. Der Geburtsvorbereitungskurs ist für beide Elternteile kostenlos nutzbar, sagt Diana Kunze, Sprecherin der Kasse. Hinzu kommen zwei Bewegungsangebote für Schwangere, die mit maximal 160 Euro bezuschusst werden.

Wahlleistungen rund um Schwangerschaft und Geburt, die die Kassen bezuschussen 

Toxoplasmosetest: Die Krankheit wird durch Tiere, besonders Katzen, und rohe Fleischwaren übertragen. Sie kann auf das Baby übergehen und es schwer schädigen. Laut IGeL-Monitor, dem Bewertungsportal der Kassen für Selbstzahlerleistungen, kostet der Bluttest rund 15 Euro. Bei begründetem Verdacht zahlt ihn die Kasse.

Streptokokkentest: Ist die Vagina der Schwangeren mit B-Streptokokken besiedelt, kann sich das Baby bei der Geburt anstecken und schwer erkranken. Die betroffenen Frauen bekommen dann vor der Geburt Antibiotika. Laut IGeL-Monitor zeigen Studien, dass mehr Frauen Antibiotika bekommen, als wenn nur Risikoschwangere behandelt werden. Deshalb wird der Test mit "unklar" bewertet. Der Berufsverband der Frauenärzte bezeichnet den Test als wichtig, damit Risiken nicht übersehen werden. Kosten: 10 bis 30 Euro.

Fein-Ultraschall: Die Untersuchung ist umfangreicher als der normale Ultraschall und wird von spezialisierten Frauenärzten angeboten. Jeder Teil des kindlichen Körpers wird genau angeschaut. Gesundheitliche Risiken bestehen nicht. Unklare Ergebnisse führen jedoch zu Verunsicherung. Kosten: 140 bis 200 Euro.

Doppler-Ultraschall: Damit werden die Blutversorgung von Kind und Plazenta, die Sauerstoffversorgung und das kindliche Herz untersucht. Risiken gibt es auch hier nicht. Doch können Eltern durch unklare Ergebnisse verunsichert und zu Entscheidungen gedrängt werden. Kosten: 80 Euro.

Ergänzende Ultraschalluntersuchungen: Laut Mutterschaftsrichtlinie gibt es drei Untersuchungen, bei Problemen auch mehr. Ohne Notwendigkeitsieht der IGeL-Monitor in weiteren Untersuchungen keinen Nutzen. Da aber auch keine Schäden bekannt sind, bewertet er die Leistung mit "unklar". Der Berufsverband der Frauenärzte hält hingegen eine vaginale Ultraschalluntersuchung in der 5. bis 8. Woche zum Ausschluss einer Eileiterschwangerschaft, und in der 22. bis 35. Woche zum Ausschluss von Blutungen oder einer vorzeitigen Gebärmutteröffnung für wichtig.Kosten: zwischen 100 und 200 Euro, je nach Verfahren.

Ersttrimester-Screening: Aus den Messwerten von Nackenfalte und Nasenbein, bestimmten Blutwerten und dem Alter der Mutter wird ein statistisches Risiko für Trisomie errechnet. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt zu bedenken, dass sich gelegentlich auffällige Werte durch weitere Untersuchungen oft nicht bestätigen. Die Eltern werden dann unnütz verunsichert. Kosten: ab 140 Euro.

Nichtinvasiver pränataler Screeningtest (NIPT): DNA-Fragmente des Kindes werden im mütterlichen Blut untersucht. Damit kann eine Risikoabschätzung auf Trisomien erfolgen. Früher war das nur über eine Fruchtwasseruntersuchung möglich, wodurch sich aber das Risiko für eine Fehlgeburt erhöht hat. Das Institut für Wirtschaftlichkeit und Qualität im Gesundheitswesen (IQWiG) hat dem Test bei Trisomie 21 - dem Down-Syndrom - eine 99-prozentige Sicherheit bescheinigt. Die Fruchtwasseruntersuchung hat die gleiche Genauigkeit. Da das Fehlgeburtsrisiko bei der Blutuntersuchung aber wesentlich geringer war, berät der Gemeinsame Bundesausschuss jetzt, ob diese Untersuchung in die Mutterschaftsrichtlinie aufgenommen wird. Bis 2019 soll ein Informationsblatt erarbeitet werden, das werdenden Eltern hilft, Nutzen und Risiken abzuwägen. Ab 2019 könnte der Test dann Kassenleistung werden. Kosten: 200 bis 400 Euro.

Akupunktur: Ab der 36. Woche dient sie der Entspannung, unter der Geburt soll sie die Schmerzen lindern. Da aussagekräftige Studien fehlen, bewertet der IGeL-Monitor die Behandlung mit "unklar". Kosten: 10 bis 20 Euro pro Sitzung.

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