Kinderfahrräder: Darauf fahren die Kleinen ab

Die weltgrößte Fahrradmesse Eurobike in Friedrichshafen zeigt: Kinderfahrräder werden immer leichter. Die Neuheiten im Überblick.

Fahrräder sind sein Leben, doch an sein erstes Rad kann sich Gunnar Fehlau beim besten Willen nicht mehr erinnern. Nur, dass er "sehr, sehr spät" mit dem Radeln begonnen hat. "Ich war fünf." Verglichen mit heutigen Verhältnissen würde er damit als Spätzünder gelten. Mittlerweile sitzen die Steppkes schon mit zweieinhalb Jahren auf dem Laufrad und wechseln ein Jahr später auf ein Zwölf-Zoll-Modell mit Pedalen, sagt der Rad-Freak, Fachbuchautor und Gründer des Pressediensts Fahrrad.

Die Branche tut ihr Bestes, um es der jungen Kundschaft recht zu machen. Immer neue Hersteller drängen auf den Markt und machen Platzhirschen wie Puky oder Kettler Konkurrenz. Unter radbegeisterten Eltern gelten Marken wie Kokua, Velotraum, Islabikes oder Federleicht als Statussymbol. Ein Manko hätten allerdings alle Modelle, sagt Fehlau. "Kein Modell ist leicht, stabil und billig zugleich. Eines der drei Kriterien fehlt immer." Wie also findet man den besten Kompromiss, wenn man ein Kinderrad kaufen möchte? Und welche Neuheiten brachte die Eurobike"

1. Rahmen: Egal ob Aluminium oder Stahl - das Herzstück des Rades sollte dauerstabil und möglichst leicht sein. Steifigkeit spiele wegen des geringen Körpergewichts der Fahrer keine entscheidende Rolle, sagt Fehlau. Einige Hersteller ermöglichen auch durch die Rahmengeometrie ein "Mitwachsen". Dabei helfen auch ein längerer Vorbau und eine extralange Sattelstütze.

2. Räder: Die Dimension der Reifen gibt die Größe vor. Los geht es mit Laufrädern oder Spielrädern, die auf Zwölf-Zoll-Rädern stehen. Die nächsten gängigen Größen sind 16, 20 und 24 Zoll. Welches Rad für welches Alter passt, dazu gibt es keine allgemeingültige Formel. Entscheidend ist, dass das Kind geistig und körperlich in der Lage ist, sein Rad sicher zu beherrschen. Viele Eltern machten es ihren Zöglingen schwer, indem sie zu große Räder kauften, sagt Lilo Franzen von der Bonner Fahrradfahrschule für Kinder. Dahinter stecke die Meinung, das Kind "wächst da schon noch rein". Diese Strategie aber sei gefährlich.

Die Alternative ist, nicht zu früh umzusteigen, sondern lieber noch ein paar Wochen mit dem zu klein gewordenen Rad zu fahren. "Das ist vielleicht unbequem, aber beherrschbar", sagt Gunnar Fehlau.

3. Schaltung: Für den Start ins Radfahrerleben braucht es keine Gangschaltung. Später stellt sich die Frage: Ketten- oder Nabenschaltung? Beide Varianten haben ihre Vorteile, sagt Fehlau. Bei der Alltagstauglichkeit und Robustheit sei die Nabenschaltung die bessere Wahl, Kettenschaltungen seien dagegen preiswerter, leichtgängiger und mit einem größeren Übersetzungsbereich ausgestattet.

4. Bremsen: Die vielen Älteren noch geläufige Rücktrittbremse sei eine aussterbende Technik, sagt Fehlau. "Spätestens mit dem Schuleintritt sollte man sein Kind davon entwöhnen." Steppkes, die an ihrem 16-Zoll-Kinderrad Rücklauf haben, müssten allerdings erst daran gewöhnt werden, die Wirkung ihrer Vorder- und Hinterradbremsen richtig zu dosieren, sagt er. V-Brakes, also langhebelige Felgenbremsen, sind mittlerweile Standard auch an kleinen Rädern.

5. Zubehör: Eltern sollten Kinderräder nach Möglichkeit immer komplett ausgestattet kaufen. Dazu gehören LED-Licht vorn und hinten, ein Nabendynamo, Schutzbleche und ein Gepäckträger, idealerweise noch ein Seitenständer. Stützräder werden dagegen immer seltener angeschraubt. Das liegt daran, dass die "Generation Laufrad" einen so gut geschulten Gleichgewichtssinn entwickelt hat, dass es später nur noch darum geht, richtig in die Pedalen zu treten und zu bremsen. Marktführer Puky liefert Zwölf-Zoll-Modelle seit einigen Monaten serienmäßig nur noch ohne Stützräder aus.

Der unverzichtbare Helm muss perfekt passen und sollte alle zwei bis drei Jahre gegen ein anderes Modell ersetzt werden.

6. Gewicht: Im Jahr 2008 hat Stefan Vogel aus Cortnitz bei Bautzen damit begonnen, gemeinsam mit einem Konstrukteur ein Kinderrad zu entwickeln. Das sei nötig gewesen, sagt der 40-Jährige: Sein damals sechsjähriger Sohn drohte die Lust am Radeln zu verlieren, weil ihm am Berg die Puste ausging. Ein wirklich leichtes Rad habe er aber nirgendwo für den Jungen bekommen können.

Man müsse das Gewicht des Gefährts in Relation zum Körpergewicht sehen, sagt Vogel. Elf Kilo für ein "nacktes" Rad, das sei zu schwer für einen 20 Kilo schweren Jungen. "Das ist so, als ob ein Erwachsener mit einem 45-Kilo-Rad fahren würde." Inzwischen hat er das Problem gelöst: Vogels "Kania Twenty" wiegt unter neun Kilo, und sein Sohn fährt ihm bergauf davon.

Extrem leichte Räder zu bauen, ist mittlerweile zu einem brancheninternen Wettbewerb ausgeartet. "Alles, was unter zehn Kilo wiegen soll, wird teuer", sagt Gunnar Fehlau. Nach oben gibt es wie immer keine Grenzen. So bietet zum Beispiel der österreichische Hersteller Federleicht ein sechs Kilo leichtes 20-Zoll-Modell mit Titan-Rahmen und Carbonteilen. Kostenpunkt: fast 3900 Euro.

7. Preis: Gute Spielräder ohne Licht und sonstige Ausstattung seien ab 180 Euro zu bekommen, schätzt Gunnar Fehlau. Für ein StVO-konformes, 16-Zoll-Kinderstraßenrad werden seiner Einschätzung nach mindestens 280 bis 300 Euro fällig. Ordentliche 24-Zoll-Räder kosten ab 350 Euro. Die hohen Anschaffungskosten bei Markenrädern machten sich aber beim Wiederverkauf bezahlt, sagt der Experte.

 

<b>Das Statussymbol</b>

Name: Kokua LikeToBike 24 (24 Zoll)

Details: Alu-Rahmen, Starrgabel, Achtfach-Kettenschaltung (DrehgriffRitzel 11-34 Zähne, 38er-Kettenblatt), Gewicht: k. A., V-Brakes vorn und hinten, Seitenständer, mehrere Rahmenfarben wählbar.

Preis: ca. 460 Euro

<b>Das Edle</b>

Name: Velotraum K2 (20 Zoll)

Details: Alu-Rahmen, Shimano-Komponenten, Acht-Gang-Naben- oder Kettenschaltung, Seitenständer, ab 10,3 Kilo, (voll ausgestattet mit Nabenschaltung 12,5 bis 13 Kilo), Gepäckträger optional.

Preis: ab 820 Euro

<b>Das Leichtgewicht</b>

Name: KuBikes 16 Custom (16 Zoll)

Details: Alu-Rahmen, verringerter Lenkerdurchmesser, extrakleine Bremsgriffe, ab 5,7 Kilo. Farben und Designs wählbar. SRAM-Zwei-Gang-Schaltung und Leichtbau-Zubehör optional.

Preis: ab ca. 350 Euro

<b>Das Sächsische</b>

Name: Kania Sixteen (16 Zoll)

Details: Alu-Rahmen, keine Gangschaltung, Bremshebel mit Griffweitenjustierung, 6,4 Kilo schwer, auch in den Farben Blau oder Grün erhältlich, über regionale Händler zu beziehen.

Preis: ca. 350 Euro

<b>Das Vernünftige</b>

Name: Puky Skyride 20-3 Alu light (20 Zoll)

Details: Alu-Rahmen, Shimano-Nexus-Drei-Gang-Schaltung, Rücktritt, LED-Licht, Seitenständer, Schutzbleche, Rücklicht, Nabendynamo, 12,2 Kilo, zwei Farbkombinationen wählbar.

Preis: ca. 370 Euro

<b>Das Coole</b>

Name: Woom 2 (14 Zoll)

Details: Alu-Rahmen, keine Gangschaltung, 7,2 Kilo schwer, Lenkeinschlagsbegrenzer. Beim Kauf des nächstgrößeren Modells binnen 24 Monaten gibt's 40 Prozent des Preises fürs Altrad retour.

Preis: 280 Euro


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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    gelöschter Nutzer
    31.10.2014

    Mir gefällt die Übersicht, welche Hersteller es alles gibt. Allerdings sind die Fotos von Kania Sixteen und KuBikes 16 vertauscht.
    Die Mischung von Fahrrädern von 14 Zoll bis 24 Zoll Größe finde ich verwirrend, lieber wäre mir der Vergleich von Fahrrädern in einer Größe (16 Zoll).
    Sie könnten noch den Hersteller FROG-Bikes ergänzen (ca. 20 Händler in Deutschland)