Leipziger Studie belegt: Internet macht Kleinkinder hyperaktiv

Digitale Medien wirken sich negativ auf die Gesundheit aus. Warum Pädagogen dennoch eine frühe Nutzung empfehlen.

Schon Zwei- bis Sechsjährige sind täglich im Schnitt 30 Minuten online. Das zeigt eine neue Langzeitstudie der Universität Leipzig, die die Auswirkungen digitaler Medien auf die Gesundheit Minderjähriger untersucht. Dazu wurden rund 1000 zwischen zwei und 17 Jahre alte Kinder und Jugendliche aus Leipzig befragt.

"Bei Kleinkindern konnten wir einen signifikanten Anstieg von Hyperaktivität, Aggressivität und Wutanfällen feststellen", sagt Psychologin Tanja Poulain. Kinder, die nur fernsahen, zeigten diese Auffälligkeit nicht. Poulain erklärt das mit der schnelleren geistigen Stimulation. "Die Kinder müssen sich selbst aktiv einbringen und können nicht nur konsumieren." 14-Jährige verbrachten im Schnitt fünf Stunden pro Tag vor einem Bildschirm. "Die Jugendlichen gaben auch an, dass ihr Handy nur 30 Minuten am Tag offline ist", sagt Professor Wieland Kiess, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Leipzig.

Die starke Mediennutzung hat nachweislich Folgen. Die Kinder schlafen später ein, schlechter durch und sind unausgeschlafener. Das wiederum beeinflusse Gehirn und Körper und wirke sich auch auf die Aufmerksamkeitsspanne und das Gewicht aus, so Kiess. Neben diesen Problemen belegen die Studienergebnisse Schwierigkeiten in der Schule. "Besonders in Mathe haben wir bei vielen eine Verschlechterung festgestellt", sagt Poulain. Auch über emotionale und soziale Probleme hatten viele Kinder berichtet. Alle befragten 14-Jährigen besitzen ein Smartphone sowie ein bis zwei weitere Geräte wie Tablet, PC oder Spielkonsole. Bei den Achtjährigen nutzt jeder Vierte ein eigenes internetfähiges Handy. Kinder dieses Alters besitzen durchschnittlich 1,2 Geräte.

"Die Zeit für digitale Medien fehlt im realen Leben", sagt Kinderarzt Dr. Uwe Büsching, Leiter der Medienstudie. Bewegungsmangel, Konzentrationsstörungen und psychische Auffälligkeiten seien die Folge.

Trotzdem fordern Bildungsexperten, digitale Medien schon bei der Erziehung kleiner Kinder einzusetzen. Bereits ab dem zweiten Lebensjahr hätten Kinder digitale Kompetenzen, sagte Wassilios Fthenakis, Präsident des Verbands der Bildungswirtschaft, auf der am Sonnabend zu Ende gegangenen Leitmesse Didacta in Köln. Der Pädagoge und Psychologe sprach sich für eine institutionelle Förderung aus. "Das ist Aufgabe eines modernen Bildungssystems", sagte er.

Kinder könnten lernen, ein Zeitgefühl für die Onlinenutzung zu entwickeln, sagt Sabine Völkel, Medienwissenschaftlerin an der TU Chemnitz. Eltern und Erzieher müssten mit der Vermittlung am besten schon im Vorschulalter beginnen. Offenheit und Interesse der Eltern für das Thema fordert auch Mediencoach Iren Schulz von der Initiative "Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht." Es seien klare inhaltliche und zeitliche Regeln wichtig.

Kinderarzt Büsching sieht Eltern als Vorbild für ihre Kinder in der Pflicht. "Die kritische Distanz muss bereits im Säuglingsalter beginnen", sagt er mit Blick auf Mütter und Väter, die sich eher mit ihrem Smartphone als mit dem eigenen Baby beschäftigen. Auch vor den Augen von Kindergartenkindern sei ein restriktiver Umgang nötig.

In Leipzig werden am kommenden Sonnabend 150 Ärzte und Wissenschaftler auf einem Symposium über die gesundheitlichen Folgen neuer Medien diskutieren.


"Am besten schon mit fünf Jahren online"

Eine Wissenschaftlerin aus Chemnitz über den Einstieg in die digitale Medienwelt und die Verantwortung der Eltern

Kinder, die zu lange im Internet surfen, schlafen schlecht, sind unkonzentriert und anfällig für Gewichtsprobleme. Das zeigt eine Studie mit Minderjährigen aus Leipzig. Ärzte mahnen daher einen sinnvollen Umgang mit digitalen Medien an. Wie Eltern ihren Kindern den beibringen können und wann sie damit anfangen sollten, wollte Susanne Plecher von Sabine Völkel von der TU Chemnitz wissen.

Freie Presse: Vierzehnjährige verbringen bis zu fünf Stunden täglich vor Bildschirmen. Was machen die da?

Sabine Völkel: Nach aktueller Studienlage sind sie dreieinhalb Stunden davon online. Das Netz nutzen sie immer mehr für Unterhaltungszwecke und schauen dabei gern YouTube-Videos. Außerdem spielen soziale Medien eine große Rolle, Kommunikation mit Gleichaltrigen ist ihnen sehr wichtig, meist nutzen sie dafür WhatsApp und Instagram. Jugendliche verstehen die neue Medienwelt als eine Erweiterung der realen Welt.

Vielen Eltern macht das Angst, vor allem, weil Ärzte mantraartig die negativen Folgen beschreiben.

Die müssen sie nicht haben - wenn sie sich aktiv mit den Inhalten befassen und ihr Kind beim Entdecken der Medien begleiten. Ganz wichtig ist, auch mit Jugendlichen im Gespräch darüber zu bleiben: Was nutzt du? Was schaust du dir gern an? Manchmal muss man ihnen dabei helfen, Inhalte einzuordnen.

Welche Inhalte meinen Sie?

Hier geht es hauptsächlich um Werbung, um Meinung, darum, was wahr und was falsch ist. Kinder sind erst ab zwölf Jahren kognitiv allmählich in der Lage, kritisch über Inhalte und Nutzungszeiten zu reflektieren. Mit ihnen darüber reden sollte man schon viel früher. Schon Grundschüler verstehen grundlegend, was zum Beispiel Werbung bezwecken möchte. Versteckte Werbung können sie aber erst ab dem beginnenden Jugendalter erkennen, wenn etwa ihre Stars auf Instagram oder YouTube Produkte promoten, die die Kinder dann gut finden und kaufen sollen. Eltern können ihnen das erklären und damit die Mediennutzung begleiten. Das ist für mich ein elementarer Punkt.

Eltern sollen aktiv sein, um den Kontakt zu ihrem Kind später nicht zu verlieren. Ist das nicht Panikmache?

Nein, sie sollten wirklich frühzeitig dran bleiben. Die Jugendlichen merken schnell, ob ihre Eltern die richtigen Ansprechpartner sind und sich auskennen. Sind sie das nicht, suchen sie sich andere Quellen. Das muss nicht heißen, dass die Eltern immer alles wissen müssen. Sie sollten sich auch nicht davor scheuen, sich mal was von ihren Kindern erklären zu lassen, zum Beispiel, wer oder was bei YouTube oder Instagram gerade angesagt ist. Es ist auch spannend, in diese Welt einzutauchen.

Ab wann würden Sie Kinder denn an das Internet heranführen?

So früh wie möglich und am besten spielerisch. Jedes Medium hat da seine Zeit. Tablets sind eine gute Möglichkeit, schon Vorschüler durch Lern-Apps und kindgerechte Spiele an die Thematik heranzuführen.

Sie sprechen von Fünfjährigen? Ist das nicht ein bisschen zeitig?

Unser Alltag wird immer digitaler. Kinder so lange wie möglich davon fernzuhalten, ist meiner Meinung nach nicht der richtige Weg. Im Vorschulalter, spätestens in der Grundschule, sollten sie gezielt mit neuen Medien in Kontakt kommen. Mit fünf Jahren sind Kinder meist motorisch dazu in der Lage. Das ist wichtig, damit sie diese als Informations- und Kommunikationsmittel kennenlernen und das Internet nicht nur als Unterhaltungsmedium verstehen, mit dem man nette Filme sehen kann. Im Kleinkind- und Kindergartenalter bleibt aber das Reale entscheidend. Dann sind echte, greifbare Anschauungsmaterialien unglaublich wichtig, um über die Haptik eine Vorstellung von der Form realer Dinge zu entwickeln.

Ab wann sind ein eigenes Smartphone oder Tablet sinnvoll?

Ein Familientablet können Kinder ab fünf Jahren nutzen, wobei Eltern den Zugang regeln und auf altersgerechte Inhalte achten sollten. Mit einem eigenen Tablet verhält es sich wie mit dem Smartphone. Beide sind internetfähig. Da sind wir wieder bei der Fähigkeit, Inhalte und eigenes Nutzungsverhalten hinterfragen zu können. Das gelingt ab elf, zwölf immer besser.

Jugendliche nutzen das Netz auch als Freiraum, um sich abzunabeln. Was können Eltern tun, damit sie sich darin trotzdem sicher bewegen?

Ich denke, dass nur eine Mischung aus Vertrauen und Aufklärung schon im Vorfeld hilft. Im Grundschulalter können Eltern unangemessene Inhalte durch Filterprogramme oder Profileinstellungen ausschließen. Später geht das nicht mehr so einfach. Jugendliche müssen wissen, was ein solcher Inhalt ist und wie sie den einordnen sollten. Darüber muss man mit seinem Kind sprechen. Außerdem sollte Eltern bewusst sein, dass viele soziale Netzwerke nicht für Jüngere vorgesehen sind, WhatsApp wird erst ab 16 empfohlen.

Das ist allerdings realitätsfern.

Dennoch muss man diese Absicherung der Unternehmen ernst nehmen. Die Eltern sind hier in der Pflicht. Sie müssen ihren Kindern vermitteln, dass persönliche Daten äußerst sensibel sind. Hier hilft ein wenig Kontrolle: Eltern sollten gelegentlich nachfragen, mit wem ihr Kind in Kontakt ist und was im Gruppenchat gepostet wird, zum Beispiel, um Cyber-Mobbing entgegenzuwirken.

Wie nehmen Jugendliche ihren Umgang mit dem Smartphone selbst wahr?

Es geht ihnen ähnlich wie uns Erwachsenen: Oftmals merkt man gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht. Aber sie empfinden sie nicht nur als angenehm, sondern durchaus auch als Stress, zum Beispiel, wenn WhatsApp-Nachrichten spät abends reinklingeln und der Schlaf gestört wird. Es ist wichtig, ihnen bewusst zu machen, dass sie nicht permanent online und verfügbar sein müssen. Klar formulierte Regeln sind da auch im Jugendalter sinnvoll.

Zum Beispiel, Onlinezeiten zu vereinbaren. Um sie zu kontrollieren, nutzen manche Eltern Überwachungssoftware. Reicht Vertrauen nicht mehr aus?

Diese Software zu nutzen, ist ein starker Eingriff. Man braucht sie nicht, wenn man vorher Regeln in der Familie verabredet hat, und sich alle daran halten. Dafür eignen sich Mediennutzungsverträge gut, die sowohl Eltern als auch das Kind unterschreiben. Vorlagen dazu finden sich im Internet. Kinder können lernen, ein Zeitgefühl für die Onlinenutzung zu entwickeln, selbst wenn sie in die Spielewelt mit Tablets und Konsolen eintauchen. Dann stellt sich diese Frage im Jugendalter nicht so fundamental. Wer damit aber erst im Teenageralter beginnt, ist ziemlich spät dran. Bei kleineren Kindern ist es einfacher, Bildschirmzeiten konkret auszuhandeln und nachzuhalten. Dann haben die Eltern Inhalte und Zeiten gut im Blick und können es besser steuern. Bei den Jugendlichen bewirkt die Kontrolle eher das Gegenteil. Dann könnte man mit Bildschirmzeiten handeln und Wochenkontingente einführen. So erhalten ältere Kinder mehr Selbstbestimmung. Wenn an einem Tag intensiver das Smartphone genutzt wird, dann ist es auch mal okay. Dafür wird aber an einem anderen Tag weniger geschaut. Das muss sich in den Lebensalltag einfügen.

Bewertung des Artikels: Ø 3.5 Sterne bei 2 Bewertungen
2Kommentare
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  • 4
    0
    Stonep
    26.02.2019

    Dazu hätte es keiner Studie bedurft.

  • 2
    2
    Hinterfragt
    25.02.2019

    Was soll's -für Spielplätze hat man ja kein Geld ...

    U.a. https://www.freiepresse.de/chemnitz/markersdorf-vorerst-kein-geld-fuer-spielplatz-bau-artikel10453935



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