Ohne Oma und Opa geht es nicht

Großeltern springen oft ein, wenn die Eltern nicht können. Doch aus zwei Gründen wird das immer schwieriger.

Das Bild der heutigen Großeltern ist ein ganz anderes als früher, sagt Carolin Seilbeck, Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Jugend-Institut. Sie hat dazu eine Studie veröffentlicht. Demnach sind Oma und Opa in Deutschland heute 53 Jahre alt, wenn das erste Enkelkind geboren wird. "Das ist recht früh, und die Großeltern sind dann auch noch sehr fit", sagt sie. Weiße Haare, Brille und Krückstock - das gelte heute kaum noch. Verändert habe sich auch ihre Rolle. "Das liegt vor allem daran, dass die Menschen älter werden und Großeltern damit heute einen viel längeren Zeitraum mit ihren Enkeln haben", so Seilbeck. Viele sind zudem noch berufstätig, reisen und sind in der Freizeit aktiv.

Trotzdem wenden die rund 21Millionen Omas und Opas in Deutschland jährlich fast vier Milliarden Stunden für ihre Enkel auf, hat Andreas Reidl vom Portal Grosseltern.de aus Angaben des Deutschen Zentrums für Altersforschung errechnet. Rund sechs Milliarden Euro geben sie zudem für Geschenke an die Enkel aus. Hinzu kommen Ausgaben für gemeinsame Unternehmungen oder Urlaube. Ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor, so Reidl.

Im Rahmen ihrer Studie hat Seilbeck auch ermittelt, welche Betreuungsmodelle sich in der heutigen Zeit bewährt haben: "So gibt es den festen Oma-und-Opa-Tag in der Woche oder im Monat. Bei anderen Familien gehen die Enkel jeden Tag nach der Schule zu den Großeltern. Manche praktizieren auch das Modell ,Essen auf Rädern' und bringen den Kindern täglich das Mittag", sagt Seilbeck. Allerdings komme es auch gar nicht so selten vor, dass Großeltern sich nicht für eine regelmäßige Betreuung einspannen lassen wollen - "weil sie einfach ihre Zeit frei einteilen wollen".

Oma und Opa sind in jedem Fall sehr wichtig für die Kinder, wie die Studie belegt. "Und umgedreht: 91 Prozent der Großeltern gaben an, sich ihren Enkeln sehr verbunden zu fühlen", so die Psychologin. Dabei gelte aber: Je besser der Kontakt zu den Eltern, umso besser ist auch der zu den Enkeln. Da es meist die Mütter sind, die verwandtschaftliche Beziehungen stärker pflegen, sei die Beziehung zu den Kindern der eigenen Tochter oft am engsten.

Deutlich wird das vor allem in Trennungssituationen. Sie sind eine Herausforderung für die Großeltern-Enkelkind-Beziehung. "Die Studie hat gezeigt: Wenn es zu einer Trennung oder Scheidung der Eltern kommt, leidet auch der Kontakt der Kinder zu den Großeltern. Das trifft vor allem auf die Großeltern väterlicherseits zu." Aybike Soybaba hat das leidvoll erfahren müssen. Als ihr Sohn sich von seiner Frau getrennt hat, habe sie große Angst gehabt, ihre Enkel nicht mehr zu sehen. Ihre Befürchtungen sind Realität geworden: Der Kontakt zu ihren Enkeln sei inzwischen kaum noch vorhanden. Den einen habe sie vor einem Jahr das letzte Mal gesehen, den anderen vor zwei. "Das bricht einem natürlich das Herz. Großmutter bedeutet ja nicht umsonst große Mutter. Und stellen Sie sich mal vor, Sie dürften Ihr Kind von heute auf morgen nicht mehr sehen", sagt sie. Aybike Soybaba ist Mitglied der Bundesinitiative Großeltern, die sich für mehr Rechte von Großeltern einsetzt.

Auch die räumliche Entfernung kann die Großeltern-Enkelkind-Beziehung beeinträchtigen. "Durch die Abwanderung in wirtschaftlich starke Regionen sowie eine veränderte Ausbildungs- und Arbeitsplatzsituation kann nur noch ein Teil der Familien von einer direkten Unterstützung durch in der Nähe wohnende Großeltern profitieren", sagt ein Sprecher des Sozialministeriums Sachsen. Das spüren besonders Großmütter und -väter im Osten. Die Zahl der Haushalte mit nur einer Person nehme in Sachsen zu, die mit mehr als zwei Generationen ab. "In nur noch 0,3 Prozent der sächsischen Haushalte leben heute noch Großeltern, Eltern und Kinder zusammen." Sogenannte Leihomas und -opas und ähnliche Patenmodelle könnten in vielen Kommunen diese Lücke schließen.

Ein relativ neues Phänomen in Patchwork-Familien sind "soziale Großeltern", Stiefomas und Stiefopas zum Beispiel. "Da hat sich vieles verändert", sagt Carolin Seilbeck. "Meine Großeltern hatten noch 21 Enkel. Das ist heute die Ausnahme. Es gibt tendenziell weniger Enkel und mehr Omas und Opas. Das kann ein großer Vorteil sein, aber auch zu Konflikten führen."

Um das Engagement der Großeltern für ihre Familien zu würdigen, hat Bayern als erstes Bundesland am 13. Oktober einen neuen Feiertag etabliert - den Großelterntag. Ministerpräsident Markus Söder schrieb dazu auf Twitter: "Am zweiten Sonntag im Oktober würdigen wir Omas und Opas, die so viel leisten für ihre Kinder und Enkel." Die Großeltern selbst sehen diese Geste zwar positiv, üben aber auch Kritik. So fänden es viele besser, wenn Enkelbetreuungszeiten auf die Rente angerechnet werden würden. Denn dank ihrer Hilfe sei Berufstätigkeit für die Eltern erst möglich. Sie wünschen sich auch, dass neben der Ehrung Probleme, zum Beispiel durch Trennungen, aufgegriffen werden.

Einen solchen Ehrentag findet auch Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) interessant, verweist aber auf den Sächsischen Familientag, den der Freistaat seit 23 Jahren im Juni begeht. "Die Großeltern sind wichtige Stützpfeiler des Familiensystems. Sie verdienen Respekt und Anerkennung", sagt sie. Doch nicht nur das. Aybike Soybaba: "Die Kinder haben ein Recht auf uns." dpa/rnw

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