Regierung verbietet kommerzielle Bilder von ungeborenen Kindern

Hochintensiver Ultraschall kann Embryonen mehr schaden als nutzen. Vom Verbot sind allerdings nicht alle Untersuchungen betroffen.

Berlin.

Von ungeborenen Kindern dürfen in Zukunft nur noch dann hochauflösende Ultraschallbilder angefertigt werden, wenn ein Arzt sie als medizinisch notwendig erachtet. Das ist etwa bei Risikoschwangerschaften oder dem Verdacht auf Komplikationen der Fall. Das regelt eine Verordnung des Bundesumweltministeriums (BMU), die Ende Dezember in Kraft getreten ist. Rein kommerzielle Aufnahmen, das sogenannte Baby-TV, sind demnach ab 1. Januar 2021 verboten. "Hintergrund ist die große Nachfrage nach Erinnerungsfilmen und -fotos, die werdende Eltern von ihrem ungeborenen Kind anfertigen lassen", sagt BMU-Sprecherin Carolin Zerger. Für diese dreidimensionalen Foto- und Filmaufnahmen seien hohe Ultraschallintensitäten nötig, die mit einem potenziellen Risiko für das Ungeborene verbunden seien. Sie müssen von den Eltern selbst bezahlt werden. Viele Krankenkassen beteiligen sich aber bisher an den Kosten. Einer Bertelsmannstudie zufolge lassen sich Schwangere bis zu acht mal mit Ultraschall untersuchen.

Vom Verbot unberührt bleiben die drei Basis-Screenings, die mit geringer Schallintensität nur zweidimensional erfolgen. Jede Schwangere hat darauf laut Mutterschaftsrichtlinie ein Recht. Das gilt auch für hochenergetische Untersuchungen, die für die pränatale Diagnostik nötig sind. "Das betrifft zum Beispiel die Dopplersonografie, mit der wir im ersten Schwangerschaftsdrittel Risiken wie Schwangerschaftsvergiftung oder Mutterkuchenfunktionsprobleme frühzeitig erkennen können", sagt Dr. Robert Lachmann, Ultraschallmediziner und Oberarzt am Klinikum Hoyerswerda.

Mit der Verordnung folgt das BMU einer Empfehlung der Strahlenschutzkommission. Sie hatte bereits 2012 vor gesundheitlichen Risiken von Ultraschall mit hohen Schallintensitäten gewarnt. Er könne Zellmembranen und Gewebestrukturen beschädigen. Die steigende Belastung durch immer mehr Untersuchungen habe "möglicherweise zum Anstieg von Autismus und kindlichen Krebserkrankungen beigetragen", sagt Prof. Dr. Otwin Linderkamp, Neonatologe an der Universität Heidelberg.

Nachgewiesen ist das jedoch nicht. Trotz jahrzehntelanger Forschungsarbeit gebe es keine Studienergebnisse, die auf eine Gesundheitsbelastung des Ungeborenen hinwiesen, sagt Dr. Kai-Sven Heling von der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin. Trotzdem hielten sich Ärzte an die Maßgabe, Babys im Mutterleib "so selten und so kurz wie möglich und mit der geringstmöglichen Schallbelastung" zu untersuchen, sagt Dr. Cahit Bidir vom Uniklinikum in Dresden.

Baby-TV hingegen werde in Fachkreisen abgelehnt, sagt Dr. Susanne Kramarz vom Berufsverband der Frauenärzte. Unterstützung bekommt sie von Stephanie Hahn-Schaffarczyk vom Sächsischen Hebammenverband: "Das Verbot ist ein Schritt in die richtige Richtung." Ihr geht er allerdings nicht weit genug. In der Schwangerschaft werde zu viel Monitoring betrieben und mit der Angst der Eltern Geld verdient.

Die neue Verordnung regelt auch Anwendungen mit ionisierender Strahlung. So dürfen dann nur noch Ärzte ablative Laserbehandlungen zur Tattoo-Entfernung, Faltenglättung oder Reduktion von Fettgewebe vornehmen.


Kommentar: Kein Geschäft mit Babys 

Der werdende Vater und die künftigen Großeltern sitzen in Kinosesseln und verfolgen auf einer Leinwand, wie sich der ungeborene Nachwuchs im Mutterleib bewegt - und das alles live. Gibt es nicht, denken Sie? Doch, das gibt es. Moderner Ultraschall macht es möglich. Und wo es Angebote gibt, da gibt es auch eine Nachfrage. Immer mehr werdende Eltern sind bereit, für die einzigartigen Bilder zu bezahlen. Und zwar nicht gerade wenig.

Aber bald ist Schluss damit. Denn außer Acht geraten sind bei all der verständlichen Freude und der Faszination am entstehenden Leben die gesundheitlichen Risiken, die Ultraschallwellen für das Baby haben können. Hirnschäden, Fehlbildungen, Minderwuchs sind in Tierversuchen nachgewiesen worden. Das wünscht man keinem Kind, erst recht nicht dem eigenen. Ob das die Eltern immer wussten?

Die regulären Vorsorge-Screenings sind wichtig - keine Frage. Ebenso sollte niemand an weiterführenden Untersuchungen rütteln, sofern der Arzt sie für notwendig erachtet. Aber alles, was darüber hinausgeht, muss eingeschränkt werden. Insofern verwundert es, dass erst jetzt auf die Empfehlungen der Strahlenschutzkommission reagiert wird. Aber besser spät gehandelt als gar nicht. Es ist gut, dass der Gesetzgeber dem Geschäft mit dem ungeborenen Leben endlich Einhalt gebietet. Denn keine Neugier und Ungeduld der Welt darf so groß sein, dass Eltern die Gesundheit ihres Kindes riskieren.

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