Selbstbestimmt sterben - geht denn das?

Rolf Knoll von der Gesellschaft für Humanes Sterben berät Schwerstkranke - und fordert legale Suizidbegleitung

Sterbehilfe ist in Deutschland verboten. Um das zu ändern, ist die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) angetreten. Ihre 23.000 Mitglieder und Unterstützer setzen sich dafür ein, dass Gesetzeslage und Hilfsmöglichkeiten durch Ärzte liberalisiert und verbessert werden. Einer der etwa 300 Mitglieder in Sachsen ist Rolf Knoll aus Zwickau. Er leitet seit zwölf Jahren die Kontaktstelle Mitteldeutschland. Gabriele Fleischer hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Herr Knoll, was ist humanes Sterben?

Rolf Knoll: Wenn ich über mein Lebensende selbst entscheiden kann, wenn man mir falls nötig die Schmerzen nimmt und ich im Sterben nicht allein bin.

Welche Möglichkeiten hat ein Schwerkranker in Deutschland, über sein Lebensende zu entscheiden?

Er kann seinen Wunsch in einer Verfügung äußern. Er kann auch Suizid begehen. Nur ist das in der Regel nicht human, weil oft Unbeteiligte mit betroffen sind. Vielmehr sollten wir fragen, welche Hilfe jemand beim selbstbestimmten Tod erhalten kann.

Aber ein solcher assistierter Suizid steht in Deutschland unter Strafe.

Ja, und das ist für Menschen in Not und ihre Helfer das größte Problem. Das Gefühl, helfen zu können, aber nicht helfen zu dürfen, ist für mich unerträglich. Der 2015 vom Bundestag beschlossene Paragraf 217 des Strafgesetzbuches verhindert in vielen Fällen einen humanen Tod.

Warum?

Weil damit die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung unter Strafe gestellt wird. Auch Ärzten sind damit die Hände gebunden. Sie dürfen so nicht dafür sorgen, dass der Schwerstkranke friedlich einschlafen kann. Auch die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes von 2017 ist nicht umgesetzt. Darin wird gefordert, Schwerstkranken auf deren ausdrücklichem Willen das in der Schweiz verwendete und in Deutschland nur in der Veterinärmedizin gelistete Betäubungsmittel Natrium-Pentobarbital zur Verfügung zu stellen. Doch alle Bitten und Anträge von Betroffenen führten bisher nur zu Absagen oder wurden gar nicht erst bearbeitet.

Das heißt, Beihilfe zur Selbsttötung bleibt weiter illegal?

Ja. Aber bis zur Verabschiedung des Paragrafen 217 war diese Beihilfe legal. Das ist eigentlich logisch. Denn wenn Suizid legal ist, sollte auch die Beihilfe legal sein.

Welche Alternativen gibt es?

Derzeit nur die Kontaktaufnahme zu einer Sterbehilfegesellschaft in der Schweiz.

Bekommt in der Schweiz jeder Hilfesuchende die beantragte Begleitung?

Nein. Da gibt es viele Hürden. So muss man erst Mitglied einer Schweizer Gesellschaft wie Ex-International in Bern sein, die auch Ausländer aufnimmt. Dann sind aussagekräftige Belege über Erkrankung, Prognose, nicht zu lindernde Symptome oder eine unwürdige Situation einzusenden. Benötigt werden Geburtsurkunde und polizeiliches Führungszeugnis, das höchstens sechs Monate alt sein darf. Die Dokumente sind im Original und als Kopie vorzulegen.

Wer entscheidet dann?

Schweizer Ärzte entscheiden nach Prüfung, ob eine Freitodbegleitung möglich ist. Wurde sie verweigert, kann der Betroffene später erneut einen Antrag stellen. Übrigens leisten die Gesellschaften in der Schweiz keine Sterbehilfe, wie oft behauptet wird, sondern Suizidbegleitung. Die Schweizer Gesetze erlauben das, wenn alle Kriterien beachtet werden. Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Problemen erhalten in der Schweiz keine Hilfe. Das verbietet das Gesetz. Aktive Sterbehilfe ist auch dort verboten. Die Hilfe durch Schweizer Suizidbegleiter aber, und davon konnte ich mich überzeugen, ist human, fast liebevoll. Aber es ist unmenschlich, wenn ein Schwerstkranker ins Ausland reisen muss, um Unterstützung zu erhalten, die ihm im eigenen Land verwehrt wird.

Was kostete eine solche Begleitung?

Die Gesellschaft Ex-International verlangt für eine Begleitung 7.000 Euro, bei anderen kostet sie 10.000 Euro. Im Preis erhalten sind unter anderem Kosten für den Bestatter inklusive Sarg, Wäsche, Einäscherung, Urne, Verstreuen der Asche, Leichenschau und Arzthonorar. Der Versand der Urne nach Deutschland kostet extra. Sollte ein Schwerstkranker, der grünes Licht bekommen hat, das Geld nicht haben, so gibt es bei den Gesellschaften einen Spendentopf. Am fehlenden Geld wird eine genehmigte Sterbebegleitung nicht scheitern.

Was passiert, wenn der Kranke die tödliche Dosis eingenommen hat?

Ist der Tod eingetreten, wird dem Notarzt ein begleiteter Suizid gemeldet. Der Arzt ist dann verpflichtet, die Polizei zu informieren.

Was kann denn in Deutschland die Gesellschaft für Humanes Sterben tun?

Sie hilft unter anderem beim Erstellen einer sicheren Patientenverfügung und deren Hinterlegung, vermittelt ehrenamtlich geschulte Bevollmächtigte, bietet Veranstaltungen und Beratungen an. Ich habe in den 29 Jahren meiner ehrenamtlichen Mitarbeit mehr als 1.000 Menschen beraten. Die meisten waren über 50 Jahre alt. Es gibt aber auch jüngere Menschen, die sich informieren und vorsorgen wollen. Aber ich habe auch Menschen auf ihrem letzten Lebensweg begleitet.

Gibt es eine Begleitung, die Sie am meisten berührt hat?

Ja, die meines Bruders. Er war unheilbar an Krebs erkrankt. Als mich seine Tochter bat zu kommen, bot sich mir ein erbärmliches Bild. Er meinte nur, dass ich schon vielen Menschen geholfen hätte, nun bräuchte er mich. In seinem Fall griff der Paragraf 217 nicht. Denn dieser besagt auch, dass Angehörige straffrei bleiben, wenn sie Medikamente reichen, die der Schwerstkranke auf eigenen Wunsch nimmt. So konnte ich ihm zu einem selbstbestimmten, würdevollen Tod verhelfen, obwohl es mir schwerfiel. Mein Bruder wurde 68 Jahre alt.

Was erwarten Ratsuchenden, wenn Sie zu Ihnen kommen?

Es gibt viele Anfragen zu Verfügungsmöglichkeiten und speziell zur Patientenschutzmappe, die alle aktuellen Formulare enthält. Dazu gehören Vorsorgevollmacht, Patienten-, Betreuungs- und auch die Freitodverfügung. In dieser wird erklärt, dass der Freitod nach längerer Überlegung Ausdruck freien Willens ist. Gibt es bei der Umsetzung der Verfügungen Probleme, setzt die DGHS den dokumentierten Patientenwillen mit juristischen Mitteln um. Für ihre Mitglieder ist das kostenlos.

Was sollte eine Verfügung unbedingt enthalten, damit selbstbestimmtes Sterben erleichtert wird?

Es ist wichtig, konkret die Situation zu beschreiben, in welcher die Verfügung in Kraft treten soll. Zu vermeiden sind Formulierungen wie "...dann möchte ich nicht mehr an Schläuche und Drähte angehängt werden." Das ist hinterfragbar. Anstatt zu wünschen oder zu bitten, sollte angeordnet und verfügt werden.

Was kostet die DGHS-Mitgliedschaft?

Der Jahresbeitrag kostet 50 Euro.

Warum engagieren Sie sich dort?

Als ich jung war, vor 49 Jahren, erlebte ich, wie mein Großvater regelrecht krepierte. Er hatte einen Tumor in der Speiseröhre. Das Bild meines vor Schmerzen bebenden Großvaters vergesse ich nie. Damals war mir klar, dass ich vorsorgen muss. In der DDR war das Thema Sterbehilfe nicht auf der Tagesordnung. Vieles lag im Ermessen der Ärzte. Durch einen Freund erfuhr ich von der DGHS. Im Wendejahr wurde ich Mitglied und fast gleichzeitig ehrenamtlicher regionaler Ansprechpartner.

Was ist zu tun, damit humanes Sterben in Deutschland möglich wird?

Politiker sollten Gesetze schaffen, die helfen und keine, die Hilfe verhindern.

www.dghs.de

Kontakt zu Rolf Knoll: Tel./Fax 03755679840 oder rolf.knoll@dghs.de

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