Sind unsere Kinder höflich genug?

Bitte und danke scheinen aus der Mode gekommen zu sein - Daran sind nicht nur die Eltern schuld, sagt eine Chemnitzer Sozialpädagogin

Wohl jeder hat sich schon mal über fremde Kinder und Jugendliche aufgeregt: Sie grüßen nicht mehr, bieten Älteren keinen Platz in der Bahn an und halten ihnen nicht die Tür auf. Nicht alle benehmen sich so. "Doch Höflichkeit war in der Erziehung früher präsenter", sagt Ines Enge, Kinder-, Jugend- und Familienberaterin der Arbeiterwohlfahrt in Chemnitz. Sollen Kinder den Erwachsenen gegenüber gleichberechtigt sein? Was bedeutet das für Höflichkeitsregeln? Sind diese ein Relikt von gestern? Stephanie Wesely sprach mit Ines Enge darüber.

Freie Presse: Frau Enge, brauchen wir heute eigentlich noch Anstandsregeln?

Ines Enge: Unbedingt, denn ein höflicher Umgang miteinander gibt Sicherheit, er vermittelt das Gefühl, geachtet zu sein und erleichtert Verhandlungen. Die Normen haben sich im Vergleich zu früher gar nicht so stark geändert. Sie werden heute nur unterschiedlich ausgelegt.

Das müssen Sie näher erklären.

Zum Beispiel galt es früher, dass der Mann für eine Frau aufsteht oder ihr die Tür aufhält. Ebenso die Jungen für die Alten. So pauschal gibt es das heute aber nicht mehr. Und das ist richtig so. Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Da darf auch die Frau mal dem Mann die Tür aufhalten, wenn er eine schwere Tasche hat. Auch die Rentnerin für ein schwer beladenes Schulkind. Derjenige, der Unterstützung braucht, soll sie bekommen - egal, ob Mann oder Frau, Alt oder Jung.

Dazu müssen die Kinder das aber erst einmal wahrnehmen. Doch viele - Kinder wie Erwachsene - haben gar kein Auge mehr für den Nächsten. Warum?

Weil die Eltern es den Kindern immer weniger vermitteln. Den anderen zu sehen und sich solidarisch zu zeigen, diese Verhaltensweise muss vorgelebt werden. Hinzu kommt, dass viele Eltern in ihren Kindern etwas ganz Besonderes sehen und ihnen das auch so vermitteln. Jedes Kind ist individuell und auch besonders - ohne Zweifel. Doch wenn man es übertreibt, erwartet der kleine Prinz dann auch von seinen Mitmenschen Huldigung.

Haben die Eltern also alleine Schuld?

Natürlich nicht. Denn es gibt auch in der Öffentlichkeit weniger Vorbilder. Sie brauchen nur in die Politik zu schauen. Dort wird vorgelebt, wie wenig rücksichtsvoll man miteinander umgeht. Auch beim Autofahren wird dem anderen alles mögliche gezeigt. Und - jetzt bin ich doch wieder bei den Eltern - schauen Sie sich einmal an, wie Eltern miteinander umgehen, die in Trennung leben. Da gibt es keinen Gruß, kein Bitte, kein Danke. Trotzdem wird von den Kindern erwartet, dass sie höflich sind. Das funktioniert nicht.

Da möchte ich widersprechen. Wenn Eltern ihre Kinder auffordern, etwas zu tun oder zu unterlassen, verwenden sie sogar überdeutlich das Wort "Bitte".

Genau, es wird überdeutlich, also übertrieben und damit falsch angewendet. Wenn die Mutter im Sandkasten sagt: "Paul, würdest du bitte dem Kind nicht die Schaufel auf den Kopf schlagen?", ist das kein Grund zum Bitten, sondern eine Selbstverständlichkeit. In dieser Situation sollte sie besser schnell und deutlich aufzeigen, wo die Grenzen sind, ohne lange zu diskutieren. Etwas anderes ist es, wenn es um eine wirkliche Gefälligkeit geht. Zum Beispiel: "Paul, wenn du dann ins Bad gehst, bringst du mir bitte ein Handtuch mit?" Hier gehört das Wort "Bitte" zur Höflichkeit. Das "Danke" auch.

Es geht also um Respekt. Warum gibt es so wenig davon?

Dafür gibt es ganz viele Gründe, wobei ich vorausschicken möchte, dass Respekt nicht ausgestorben ist. Er wird bestimmten Personen völlig freiwillig entgegengebracht, wenn sie entsprechende Eigenschaften haben. Zum Beispiel Selbstbewusstsein, Loyalität, Intelligenz und natürlich, indem sie das, was sie fordern, auch selbst leben, also ein gutes Beispiel sind. Flache Hierarchien gehen meist auf Kosten des Respekts. Wenn der Chef geduzt wird, sich die Eltern und Lehrer von den Kindern mit dem Vornamen ansprechen lassen oder ihr bester Kumpel sein wollen, kann Respekt verlorengehen. Respekt hat aber nichts mit Angst zu tun, die frühere Erziehung war eher angstbasiert. Deshalb folgten die Kinder auch besser. Respekt ist aber keine Einbahnstraße. Er gebührt auch und gerade den Kindern.

Sollten also Erwachsene einem Kind ihren Platz in der Bahn anbieten?

Warum nicht. Gerade in der Pubertät haben viele Kinder wachstumsbedingt häufig Kreislaufprobleme. Es geht ihnen dann wirklich nicht gut. Das wissen auch viele Erwachsene noch. Deshalb fände ich es legitim, dass ein Kind dies dann höflich sagt, wenn es um seinen Platz gebeten wird. Der ältere Mensch könnte dann Verständnis zeigen und sich einen anderen Platz suchen, vielleicht sogar noch gute Besserung wünschen. Das ist gelebte Solidarität und ein gutes Beispiel.

Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Unhöflichkeiten?

An erster Stelle steht für mich der Umgang mit dem Smartphone. Es ist vielen - Kindern wie Erwachsenen - wichtiger als ihr Gesprächspartner. Ich beobachte das häufig, dass währen der Unterhaltung jeder auf sein Handy schaut. Lege ich es aber beiseite und schaue mein Gegenüber an, signalisiere ich: "Du bist mir wichtig, ich widme dir meine ganze Aufmerksamkeit." Eine Unsitte, die ich ebenfalls oft beobachte, ist es, den anderen nicht ausreden zu lassen. Es fehlt die Geduld zum Zuhören. Solches Verhalten wird zu Recht auch als Missachtung empfunden. Doch nicht nur Kinder müssen das beherzigen. Sie selbst werden auch in ihren Erzählungen von Eltern häufig durch Zwischenfragen unterbrochen. Das verunsichert. Ganz schlecht finde ich es auch, negativ über ein anwesendes Kind mit Dritten zu reden, ohne es einzubeziehen. Das würden wir Erwachsene uns doch auch verbitten. Es ist also alles eine Frage des guten Beispiels.

Sollte man Unhöflichkeiten bei Kindern ahnden?

Wenn damit Züchtigung gemeint ist, kommt von mir ein klares Nein. Es ist aber durchaus angemessen, mit dem Kind allein, nach einer entsprechenden Situation, darüber zu sprechen. Am besten aber, indem man es fragt, warum es sich so verhalten hat. Vielleicht gab es nachvollziehbare Gründe. Man könnte dann beraten, wie man in ähnlichen Situationen künftig reagieren kann, ohne den anderen zu verletzen. Vorhaltungen und Beschimpfungen bringen jedoch nichts. Wenn Eltern oder Erwachsene die Bedürfnisse der Kinder wahrnehmen, werden auch die ihren wahrgenommen.

Ist unsere unhöfliche Gesellschaft noch zu retten?

Ja, das braucht Geduld und gutes Beispiel. Da unhöfliche Kinder wieder unhöfliche Kinder erziehen, sollten wir da wirklich dranbleiben. Das heißt, immer wieder vorleben, auch auf die Gefahr hin, dass nicht sofort etwas zurückkommt. Wenn ich fünfmal gegen die Wand gelaufen bin, versuche ich es auch ein sechstes Mal. Das ist sehr schwer, aber ganz wichtig für unsere Zukunft und die unserer Kinder.

Ines Enge

Diplom-Psychologin, Mediatorin und Familientherapeutin: Ines Enge leitet seit 1990 die Familien-Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt in Chemnitz. Die 56-Jährige ist geschieden und hat eine Tochter.

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