Tänzer: "Für mich wirkt Trauer durch Erinnerung an die guten Momente"

Ein Tänzer holt den Tod des Vaters auf der Bühne ins Leben und fordert einen offenen Umgang mit Suizid

18 Jahre nach dem Suizid des Vaters verarbeitet der brasilianische Tänzer Wagner Moreira den Schicksalsschlag in einer Performance. Premiere ist morgen im Projekttheater Dresden. Warum er diese Zeit brauchte, sagt er im Gespräch mit Gabriele Fleischer.

Freie Presse: Wie sind Sie mit dem Suizid umgegangen?

Wagner Moreira: Ich war wie betäubt. Am Anfang fühlte ich mich alleingelassen und hatte das Gefühl, dass ich viel Mut haben sollte, um weiterzugehen, weil mir das mein Vater zwischen den Zeilen sagen wollte. Andererseits war da der Zweifel, ob ich nicht mehr wichtig für ihn war. Dann kam die Frage nach dem Warum. Die einzige Antwort, die ich fand, war, dass er es so für sich wollte. Ich glaube nicht, dass man mit dem Freitod eines geliebten Menschen umgehen kann, wenn man nicht eine Antwort für sich sucht und vielleicht findet.

Wie haben Familie, Nachbarn, Freunde reagiert?

Wir suchten nach Fehlern. Erst viele Gespräche brachten die Einsicht, dass es eine Entscheidung des Vaters war. Sicher hätte er seine Probleme anders lösen können, aber er wählte diesen Weg. Es dauerte, bis wir das begriffen haben. Wir mussten uns von Schuldgefühlen lösen, weil wir uns sonst kaputt gemacht hätten. Aber da war auch die Scham gegenüber Anderen. Manche haben gesagt, dass er ein Feigling war, andere haben uns finanziell geholfen, weil mein Vater Schulden hatte. Erst als wir spürten, dass er geliebt und geschätzt wurde, entwickelten sich aus Scham Stolz und Respekt.

Warum ist aus Ihrer Sicht das Thema Suizid ein Tabu?

Weil es polarisiert. Man denkt mehr an Menschen, die zurückgeblieben sind, nicht an den, der den Freitod wählte. Man nimmt sich das Leben, weil man traurig und nicht erfolgreich ist. Darüber will keiner sprechen. Seelische Krankheiten und emotionale Schwächen sind tabu.

Was sollte sich ändern?

Ich wünsche mir, dass Hinterbliebene nicht zu viel Mitleid bekommen. Die sind schon verletzt, aber auch stark. Besser ist es, darüber zu reden. Für mich wirkt Trauer durch Erinnerung an die guten Momente, die diese Menschen hinterlassen haben. Wichtig sind Gespräche mit Menschen, die die Trauer mit mir teilen. Dafür braucht es mehr Toleranz und Respekt. Jeder sollte den Mut und das Recht haben zu scheitern, ohne, dass er verurteilt wird. Eine Gesellschaft hat nicht nur Superhelden. Mein Respekt vor der Entscheidung des Vaters ist für mich nur im Tanz auszudrücken - ein Appell an die Öffentlichkeit und ein Geschenk für ihn und mich. Dafür brauchte ich die intensive Auseinandersetzung.

Premiere der Performance "I play d(e)ad" im Projekttheater Dresden ist am Donnerstag, 20 Uhr. Nach der Aufführung am 30. September findet ein Gespräch zu Suizid statt - mit Psychiaterin Dr. Ute Lewitzka, Katja Spitzer von der Dresdner AGUS-Gruppe (Angehörige um Suizid), Hospizdienst, Krisenintervention, Seelsorge. www.projekttheater.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...