Trauer in die Haut geritzt

Nach dem Verlust eines geliebten Menschen lassen sich immer mehr ein Tattoo stechen - so wie zwei Mütter aus Sachsen.

Zärtlich streicht Gabi Schroth über ihren rechten Oberarm. Sie hat gerade ihren Sohn Martin berührt, das Bild eines fröhlichen jungen Mannes mit Schirmmütze. Es ist eines der letzten Fotos von ihm, entstanden im Sommer 2008 beim gemeinsamen Urlaub der Familie in Mecklenburg. Eineinhalb Jahre später ist Martin tot - mit 19. Gestorben, weil sein Körper nach fünf Jahren ein fremdes Herz und eine fremde Niere abgestoßen hat.

Schon mit einem Jahr bekam Martin dank eines Spenders ein gesundes Herz. Das funktionierte, bis er 14 war. Er wusste, dass sein Leben begrenzt war - trotz der Medikamente, die er nehmen musste. "Aber er wollte nicht in Watte gepackt werden, so leben wie Gleichaltrige. Er beendete die Schule mit der zehnten Klasse und begann eine Ausbildung zum Diätassistenten", sagt seine Mutter. Vielleicht flüchtete er zu oft in die virtuelle Welt, aber es war für ihn eine Möglichkeit, so zu sein wie alle, ohne dass ihn jemand nach seiner Krankheit fragt.

Ohne ihren damals elfjährigen Sohn Max hätte sie es nicht geschafft, den Verlust zu verkraften, sagt Gabi Schroth heute. Dass sie ein Dreivierteljahr nach dem Tod von Martin ein Tattoo mit seinem Gesicht, den Namen beider Kinder und den Tränen, die sie geweint hat, tragen würde, wusste die 53-Jährige da noch nicht. Körperbemalung war ihr fremd - bis sie zufällig das Gesicht eines Kindes auf dem Arm einer Frau sah. Heute gehört sie zu den deutschlandweit über vier Millionen Frauen, die ein Tattoo tragen - laut einer repräsentativen Umfrage der Universität Bochum etwa eine Million mehr als Männer.

Susan Kuntzsch vom Tattoo-Studio "Juckreiz" in Leipzig, bei der sich Gabi Schroth das Porträt ihres Sohnes stechen ließ, kennt ihre Geschichte: "Manche wie Frau Schroth reden viel über den Verlust und berühren uns sehr. Andere würden sich Bilder - Porträts, Schriftzüge, Herzen, Zeichen - stechen lassen, ohne darüber sprechen zu können. "Zu uns kommen Menschen nach der Geburt, aber auch nach dem Verlust eines Kindes. Trauer und Freude liegen in unserer Arbeit dicht beieinander", sagt Susan Kuntzsch. Seitdem es Tattoos gibt, seien sie auch Zeichen der Trauer. "Aber die Menschen, die sich Bilder stechen lassen, sind älter geworden", hat sie beobachtet. Das hänge sicher auch damit zusammen, dass Tattoos ihr Schmuddelimage verloren haben und nicht nur Fußballer ihre Körperbilder längst öffentlich zeigen.

Für Gabi Schroth ist ihre Haut mit den Tattoos inzwischen zur Gefühlslandschaft geworden. Warum, das beschreibt Journalistin Katrin Hartig in ihrem Buch "Trauertattoo". 22 Frauen und Männer zwischen 16 und 70 hat sie dafür zu ihren Motiven befragt, begleitet von Fotografin Stefanie Oeft-Geffarth. 200 hatten sich auf ihren Aufruf hin gemeldet - eine Anzahl, die sie sehr überrascht hat. Denn selbstverständlich sei das nicht, sagt Hartig. Oft sei Trauern tabu, würden Tränen versteckt und Betroffene gemieden.

"Dabei will Trauer gesehen werden, wie die Resonanz auf den Aufruf gezeigt hat." Katrin Hartig ist es bei ihrem Projekt nicht um besonders schöne oder ausgefallene Tattoos gegangen, sondern darum, welche Symbole, welche Körperstellen aus welchem Verlust heraus und mit welcher Geschichte verbunden waren. Herausgekommen sind berührende Geschichten über Menschen wie Gabi Schroth, die ihren Weg zurück in ein Leben ohne den geliebten Menschen gefunden haben. "Mich faszinierten die Vielfalt der Ausdrucksweisen und die Intensität, mit der jeder Einzelne an seinem Tattoo gearbeitet hat. Keines der Bilder ist aus einem spontanen Affekt entstanden. Bis dahin war es ein ständiges Zweifeln, Infragestellen und Suchen", sagt Hartig, die seit 13 Jahren selbst Trauerbegleiterin ist - einige Zeit, nachdem ihr damals 13-jähriger Sohn durch einen Sportunfall ums Leben gekommen war.Mit dem Buch und der dazu entstandenen Wanderausstellung, die deutschlandweit zu sehen ist, versuchte sie, ihren Schmerz zu verarbeiten. Und mit der Begleitung Trauernder. "In meinen Gruppen verwaister Eltern fiel mir auf, dass sich immer mehr Menschen wie Frau Schroth, die Tattoos nie mochten, nach einem Verlust ein Bild stechen lassen", sagt die Magdeburgerin. Motivation, Prozess und Symbolsuche hätten so viele Parallelen zum Trauern. Auch wenn ihr Weg der Trauer ein anderer ist, versteht sie alle, die sie so ausdrücken.

"Es ist ein ganz individuelles Erinnern, das in den vergangenen Jahren zugenommen hat", sagt Trauerbegleiterin Regina Schönberg vom Christlichen Hospizdienst in Dresden. "Vor allem Mütter zeigen so, dass sie einen Ort gefunden haben, wo sie ihrem Kind nahe sind." Und das Bild ist lebenslänglich. Wie der Schmerz. Auch das Stechen der Bilder auf die Haut ist mit Schmerzen verbunden - so, wie sie die Söhne der beiden Frauen empfunden haben müssen, als die starben. "Immer wieder sehe ich bei den Trauerbildern einen Schmetterling als Symbol der Unsterblichkeit", so Regina Schönberg. Aber auch der Name, das Gesicht seien zu sehen.

So wie bei Petra Irmscher aus Chemnitz. Auch bei ihr war und ist die Verarbeitung der Trauer ein langer Prozess. Erst drei Jahre, nachdem sich ihr damals 17-jähriger Sohn Florian im September 2007 das Leben genommen hatte, ließ sie sich zu seinem 20. Geburtstag das Tattoo nahe am Herzen auf ihren linken Oberarm stechen - ein Porträt, das ihr Mann zum Todestag für eine Annonce gezeichnet hatte. Darunter die Worte: "Ich bin immer bei euch." Es ist der letzte Satz aus dem Abschiedsbrief des Sohnes. Dazu zwei Herzen, eines für die Tochter.

Wie Gabi Schroth schließt die 52-Jährige beide Kinder in ihre Fürsorge ein. Ihre Liebe trägt sie so immer in ihrem Herzen - wenn sie für Florian eine Kerze anzündet, auf den Friedhof geht, auf der Brücke steht, von der er sprang, Florians Spielzeug ihrem Enkel gibt. Bis heute weiß sie nicht, warum ihr Sohn für sich den Suizid wählte. Er hatte Freunde, war in der Schule gut, wollte Industriemechaniker werden. War es wirklich nur Liebeskummer, weil seine Freundin ihn verlassen hatte? Eltern und Schwester werden es nie erfahren. Denn der Abschiedsbrief lässt nur erahnen, dass er mit seiner Lebenssituation nicht klargekommen ist. Das müssen sie bei allem Schmerz akzeptieren.

Petra Irmscher hat es in all den Jahren seit dem Tod des Sohnes gelernt, mit ihrer Trauer umzugehen. Sie trägt Tag und Nacht die Zeichnung von ihm bei sich, trifft sich regelmäßig mit anderen verwaisten Eltern in einer Selbsthilfegruppe, kümmert sich um ihren Enkel und zwei Zwergschnauzer. Und auch wenn sie heute nicht mehr so oft an das Grab von Florian geht, die Erinnerung bleibt - ein Leben lang.

Die Ausstellung "Unter die Haut" mit Fotos aus dem Buch "Trauertattoos" ist im August im niedersächsischen Helmstedt zu sehen. Gezeigt wurde sie bereits an elf Orten in acht Bundesländern. Im November 2018 werden die Fotos in der Dreikönigskirche Dresden ausgestellt. In Sachsen war die Schau bisher nur zum 8. Sächsischen Hospiz- und Palliativtag im Juni im Hygienemuseum in Dresden.

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