Waldes Ruh'

Georg Prinz zur Lippe hat bei Meißen ein Stück seines Landes zum Friedwald umgestalten lassen. Er wird am Samstag eröffnet.

Die Szenerie könnte friedlicher kaum sein. Die Sonne bringt das erste Herbstlaub zum Leuchten, Vögel zwitschern, eine kleine Spinne seilt sich von einem Ast ab. Wind rauscht in den Baumwipfeln. Ansonsten: Stille.

Seit vielen Jahren gehört dieses Waldstück in Oberau nordöstlich von Meißen der Familie zur Lippe. "Bis zur Zwangsenteignung besaß es die Schwester meiner Großmutter, eine Dänin. Wir haben den Wald dann vor 16 Jahren zurückgekauft", sagt Georg Prinz zur Lippe. Sein Blick schweift über eine weite Lichtung. Letzte Regentropfen glitzern im Gras. Inmitten der Wiese steht ein schlichtes Holzkreuz, davor ein hohes Dach, getragen von vier Balken. Die Konstruktion ist simpel, aber eines Andachtsplatzes in freier Natur würdig. In der kommenden Woche wird sie das erste Mal Trauernden Schutz bieten. Der Mensch, um den sie weinen, soll seine letzte Ruhe im Friedwald des Prinzen finden. Auf einem Friedhof ohne Grabstein und Blumenschmuck, ohne feste Wege und Friedhofsordnung.'

77 Hektar ist das Areal groß. Buchen, Eichen, Kiefern wachsen darauf. Älter als 80 bis 100 Jahre ist kein Baum. Zwischen ihnen gibt es viel Platz. Der Prinz winkt ab, für die Bewirtschaftung taugt dieser Wald nicht viel. Seine Bestimmung ist nun auch - vertraglich gesichert für die nächsten 99 Jahre - eine andere. Die Bäume können in Frieden wachsen, die Toten, die an ihren Wurzeln bestattet werden, ungestört ruhen. "Das Geld, das wir durch die Beerdigungen einnehmen, muss reichen, um den Wald als Mischwald zu erhalten und den Friedwaldförster zu bezahlen", sagt zur Lippe.

Mit der Idee, einen solch naturnahen Bestattungsplatz in seinem Wald einzurichten, trägt sich der Prinz schon seit Langem. Mit der Friedwald GmbH, sagt er, habe er eine Firma gefunden, die sich professionell um Vermarktung und Organisatorisches kümmert. Ein großer Teil der Einnahmen geht an sie. 2001 hat die Firma die erste Begräbnisstätte dieser Art in Deutschland aufgemacht. "Seither hatten wir über 80.000 Beisetzungen, aber weil die Menschen schon zu Lebzeiten ihren Bestattungsbaum aussuchen können, haben wir 120.000 Verträge abgeschlossen", erklärt Helge Hedtke, der für die Friedwald-Standorte in Ostdeutschland zuständig ist. Der Wald in Oberau, der gestern eröffnet wurde, ist Nummer 61. Nächstes Jahr soll auch in Ostsachsen einer hinzukommen. Das wäre dann neben dem Friedwald in Bennewitz bei Leipzig und dem Bestattungswald von Daniel von Sachsen bei Coswig der Vierte im Freistaat.

Das Argument der Kritiker, durch den Friedwald würden die Friedhöfe leer, lässt Hedtke mit Verweis auf den Wandel der Bestattungskultur nicht gelten. "Die meisten sind in einer Zeit angelegt worden, als es üblich war, sieben Kinder zu haben und sich im Sarg bestatten zu lassen. Das hat sich grundlegend geändert", sagt er. Zudem entscheiden sich gerade einmal 1,5 Prozent der Deutschen dafür, in einem Friedwald beerdigt zu werden. "Wir machen den Friedhöfen ihr Geschäft nicht streitig", so Hedtke. Aber durch die Existenz der Friedwälder ändert sich das Denken.

"Wir sind seit 3000 Jahren auf dem Markt. Warum sollten wir das Geschäft anderen überlassen?", fragt Beatrice Teichmann. Der Dresdner Johannisfriedhof, für den sie zuständig ist, bietet seit anderthalb Jahren ebenfalls die Möglichkeit einer naturnahen Bestattung - und ist in der Branche damit ein Vorreiter. Bis zu 16 Urnen werden dafür in einem eigenen Areal rings um einen neu gepflanzten Baum auf einer Rasenfläche beigesetzt. Die Anlage und 20-jährige Pflege eines solchen Grabes kostet ohne Gebühren etwa 2600 Euro, der Familienbaum für sechs Urnen rund 9500 Euro. Für den günstigsten Platz im Oberauer Friedwald werden im Vergleich 490 Euro, für den Familienbaum mit insgesamt zehn Plätzen ab 3350 Euro fällig. Allerdings kann der kommunale Friedhof mit Wohnortnähe und städtischer Infrastruktur punkten. Zwar hat auch Prinz zur Lippe die Zuwegung zum Andachtsplatz für viel Geld begradigen, befestigen und Bänke aufstellen lassen. Selbst mit dem Rollator gelangt man dahin. Es gibt einen Parkplatz und eine Toilette im benachbarten Waldbad. Sogar der Pfarrer kommt mit in den Wald. Einen Bus aber gibt es nicht. Und wer seinen Toten besuchen möchte, braucht festes Schuhwerk und einen sicheren Tritt, denn auch ein Bestattungswald bleibt Wald. "Das ist kein Park, hier geht keiner mit einem Staubsauger durch", so Helge Hedtke.

Zweimal pro Jahr kontrollieren die Förster die Bäume, für die Verkehrssicherheit sorgen sie immer. Bei Eis und Schnee gibt es eingeschränkten Winterdienst. Das muss man wissen. Und man muss es wollen. Der Friedwald, so Helge Hedtke, ist eine gute Alternative für alle, die sich der Natur sehr verbunden fühlen und ihre letzte Ruhestätte schon zu Lebzeiten kennen wollen. Eine herkömmliche Friedhofsstruktur bietet er aber nicht.

Friedwald Oberau, Am Gemeindebad, 01689 Niederau. Interessierte können sich auf dem Waldinformationstag am Samstag, den 30. September das Friedwaldkonzept erklären lassen. Führungen um 10 und 12 Uhr. Individuelle Terminvergabe über 06155 848100.

Was kostet ein Platz im Friedwald?

Die Kosten variieren von 490 bis 3350 Euro. Sie sind abhängig von Lage, Schönheit des Baumes und der Anzahl der gebuchten Plätze. Es gibt fünf verschiedene Grabarten. Der Basisplatz wird an einem Gemeinschaftsbaum zugewiesen. Man kann sich seinen Baum zu Lebzeiten aussuchen und reservieren.

Der Bestattungsbaum ist markiert und trägt eine kleine Plakette zur Orientierung. Zudem wird jeder Baum per Theodolit vermessen. Seine Daten und das Baumgrab werden in das Baumregister eingetragen. Jeder Beisetzungsort bleibt nachvollziehbar.

Die Urne ist biologisch abbaubar und verrottet in drei bis fünf Jahren. Sie wird vom Krematorium aus an die Gemeinde geschickt, wo sie dem Friedwaldförster übergeben wird.

80 Zentimeter tief wird sie in den Boden eingegraben. Sie ist uninteressant für wilde Tiere.

Die Grabpflege übernimmt die Natur.Der Wald soll in seinem ursprünglichen Zustand erhalten bleiben. Quelle: Friedwald/rnw (sp)

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