Wenn das Kind Machtinstrument wird

Nach der Trennung zerren oft beide Eltern an den Kindern. Wie Jugendämter und Verfahrensbeistände helfen können.

Julia aus Chemnitz ist enttäuscht und verletzt. Kurz nachdem ihr Mann Timo seine Jugendliebe wiedergetroffen hat, ist er bei ihr eingezogen. Nie hätte Julia das für möglich gehalten. Doch nach dem zweiten Kind hatte sich viel verändert: Weniger Zeit füreinander, finanzielle Sorgen durch ihre Teilzeitarbeit - da gab es oft Streit.

Den gibt es auch jetzt nach der Trennung, wenn es um die Kinder Laura (6) und Emil (4) geht. Ihre richtigen Namen möchte die Familie nicht nennen. Julia will verhindern, dass ihre Kinder zeitweise bei der neuen Frau leben. Auch ob sie sich mit deren Kindern verstehen, sei fraglich. Sie fürchtet, dass Laura und Emil unterdrückt werden. Das erklärt sie ihnen - sie will doch ihr Bestes. Timo allerdings ist wütend, wie Julia die Kinder manipuliere. Dabei freut sich seine neue Partnerin auf Laura und Emil. Und Patchworkfamilien seien doch heute normal. Für Timo ist klar, dass er sich seine Kinder nicht wegnehmen lässt - und sei es mit gerichtlicher Hilfe.

"Väter sind heute aktiver, wenn es darum geht, nach der Trennung gleichberechtigt mit den Müttern die Kinder zu betreuen", sagt Kerstin Rhinow-Simon, Fachanwältin für Familienrecht und Mediatorin aus Dresden. Männer wollten weiterhin im Leben der Kinder präsent sein. Dieser Wandel hat die Rechtsprechung verändert. "Väter nutzen mit zunehmendem Erfolg ihre Rechte - genauso wie die Mütter."

Fälle wie der von Timo und Julia sind heute eher die Regel. Beide Eltern zerren an den Kindern, was diese überfordert und krank machen kann. "Die Kinder werden heute häufiger zum Spielball und zum Machtinstrument", sagt Doreen Asbrock von der Familienberatung des Jugendamtes Chemnitz.

Um dies zu verhindern, können Eltern fachliche Unterstützung erhalten. "Eltern, die beide das Sorgerecht haben, müssen gemeinsam entscheiden, wo das Kind seinen Lebensmittelpunkt hat und wie der Umgang zum anderen Elternteil gestaltet werden soll. Eine solche gemeinsame Entscheidung hat Priorität", sagt Doreen Asbrock.

Viele Paare sind jedoch emotional gar nicht in der Lage, miteinander zu sprechen. Wut und der Trennungsschmerz sind einfach zu stark. Für solche Fälle gibt es Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen. Ihren Rat kann jeder freiwillig einholen. Die Pädagogen und Psychologen in diesen Einrichtungen haben Schweigepflicht.

Bei Familientherapeutin Annemaria Escher und Pädagogin Astrid Hielscher von der Diakonie Stadtmission Chemnitz sitzen fast täglich Eltern in Trennungssituationen. Die Erstberatung erfolge meist einzeln, um die unterschiedlichen Standpunkte und Erwartungen zu erfassen. "Danach sollten die Eltern möglichst gemeinsam kommen. Das funktioniert, auch wenn es mal laut zugeht und Türen knallen", sagt Astrid Hielscher. "Die meisten Eltern sind zielorientiert, sie möchten eine gute Lösung für die Kinder. Das ist der gemeinsame Nenner, auf den wir in der Beratung immer wieder zurückkommen", so Escher.

Grundsätzlich kommen Kinder mit jedem Betreuungsmodell zurecht, wenn es den Eltern gelingt, sich gut abzustimmen. Wichtige Themen sind dabei die Gestaltung der Übergabe der Kinder an den anderen Elternteil und die Sicherstellung von Arztterminen. Je besser es Eltern gelingt, miteinander zu kommunizieren, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder in Loyalitätskonflikte geraten und damit zusätzlich unter der Trennung leiden. Klare Absprachen geben auch ihnen Sicherheit. Werden Kinder dagegen in eine Vermittlerrolle zwischen den Eltern gedrängt, sind sie damit überfordert. "Beide Eltern sollten den Kindern das Gefühl vermitteln, dass sie bei jedem Elternteil eine gute Zeit haben dürfen, von beiden geliebt und ihnen willkommen sind", sagt Ilka Schreiter, Pädagogin im Jugendamt Chemnitz.

Einige sächsische Jugendämter, zum Beispiel in Chemnitz, Zwickau, Meißen und Löbau, bieten den Kurs "Kinder im Blick" an. Das ist ein kostenloses Training für getrennte Eltern. In sechs Sitzungen, die von Psychologen und Pädagogen geleitet werden, sollen die Erziehungs- und Kommunikationsfähigkeiten der Mütter und Väter in Krisenzeiten gestärkt werden. Beide Eltern nehmen in unterschiedlichen Gruppen teil.

Gelingt es Eltern trotzdem nicht, sich einvernehmlich zum Aufenthalt, Umgang und anderen Belangen ihrer Kinder zu verständigen, müssen sie den gerichtlichen Weg gehen. "In diesen Verfahren geht es ausschließlich um die Situation und die Bedürfnisse der Kinder", sagt Ilka Schreiter. Um zu ergründen, zu welchem Elternteil sich das Kind stärker hingezogen fühlt oder warum es einen Elternteil ablehnt, ruft das Gericht Verfahrensbeistände an.

Axel Müller-Christiansen aus Görlitz hat bis zu 100 Beistandschaften im Jahr. Er ist Jurist und kinderpsychologischer Berater. "Die Ausbildung ist nicht vorgeschrieben, auch Frauen und Männer aus artfremden Berufen können die Aufgabe übernehmen", sagt er. "Um herauszufinden, was der Wille des Kindes ist und welche Betreuung seinem Wohl am besten dient, beobachte und befrage ich Kinder und Eltern in ihrem alltäglichen Umfeld." Von den Kindern höre er oft Antworten wie von kleinen Erwachsenen. Sie seien häufig in einem Konflikt und antworten so, dass sie keinen Elternteil verletzen. "Im Spiel ist das einfacher, da frage ich dann zum Beispiel, was denn alles von Papa/Mama in diesem Kinderzimmer ist, zu wem das Kind geht, wenn ihm etwas wehtut." Ihm sei es auch wichtig, zu ergründen, ob das Kind frei antwortet oder ob es sich bei Mutter oder Vater rückversichert. Als Verfahrensbeistand ist er Anwalt des Kindes und muss allein dessen Rechte vor Gericht vertreten.

Julia hat sich eingestanden, dass die Manipulation der Kinder falsch war. Damit sie nicht leiden, sollen sie ruhig zum Vater und der neuen Familie gehen. Wenn sich das nicht bewährt, hat sie ja immer noch die Möglichkeit, vor Gericht zu ziehen.

Was ist das Beste fürs Kind? Diskutieren Sie mit Experten 

Am 9. Mai, 18.30 Uhr, veranstaltet die "Freie Presse" im Haus der Presse Dresden, Ostra-Allee 20, eine Podiumsdiskussion zum Thema "Zur Mutter - zum Vater - zu beiden? Was ist das Beste fürs Kind nach einer Trennung?"

Karten für 5 Euro an allen SZ-Vorverkaufsstellen oder verbindliche Voranmeldung per E-Mail unter: leben@redaktion-nutzwerk.de

Es diskutieren und beantworten Ihre Fragen:

 

Kerstin Rhinow-Simon: Die Mediatorin und Fachanwältin für Familienrecht aus Dresden sagt: Väter nutzen heute mit Erfolg ihre Rechte. Sie wollen weiter im Leben ihrer Kinder präsent sein.

Axel Müller-Christiansen: Der Verfahrensbeistand, Jurist und kinderpsychologische Berater aus Görlitz nimmt in Trennungsverfahren die Rechte der Kinder wahr. Er sagt: Sich für einen Elternteil zu entscheiden, überfordert besonders kleinere Kinder.

Antje Kräuter: Die Psychologin aus Chemnitz ist Expertin für frühe Kindheit. Sie sagt: Der Ansatz, dass Kleinstkinder nach der Scheidung gleich viel Zeit bei Mutter und Vater sind, entspricht nicht dem Interesse der Kinder.

Ingrid Ortland: Die Psychologin und Autorin sagt: Väterinteressen werden heute vorrangig beachtet. Amtsträger entscheiden oft willkürlich.

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